Wegen der Stichworte Nietzsche und Der Arbeiter: Wurde eigentlich in der Literatur zu Ernst Jünger inzwischen schon einmal der Band 90 der Heidegger-Gesamtausgabe verhandelt?
_____ Von: [email protected] [mailto:[email protected]] Im Auftrag von klaus gauger Gesendet: Mittwoch, 31. Oktober 2007 13:27 An: [email protected]; [email protected] Betreff: RE: [juenger_org] Betrifft: [Jünger-Rundbrief] FAZ 30.10.2007: Leserbrief zu Jünger/Ortega y Gasse Lieber Herr Friedrich, ich halte die frühen Werke von Ernst Jünger nicht für wertlos, der "Arbeiter" ist sogar ein recht elaborierter nietzscheanischer Entwurf und auch ein ungewöhnlich elaboriertes Produkt "konservativ-revolutionären" Denkens. Aber dieses Frühwerk Jüngers ist politisch und philosophisch bedenklich und muss unter Vorbehalt betrachtet werden. Jünger macht hier Aussagen im antihumanistischen, elitären und faschistischen Sinne, die man so heute nicht mehr akzeptieren kann und die man auch nur vor dem damaligen Zeithintergrund, des Aufstiegs des europäischen Faschismus und Hitlers konkret in Deutschland, den politischen Wirren in der Weimarer Republik mit ihrem Radikalismus von rechter und linker Seite, und vor dem Hintergrund eines kommenden Zweiten Weltkriegs (im Grunde eine barbarisierte Wiederholung des Ersten Weltkriegs, diesmal mit fast alleiniger deutscher Schuld) verstehen kann. Jünger hat das selbst begriffen, war dann von der Lemurenherrschaft der Nazis entsetzt und angeekelt und hat bewusst mit dem Abfassen von Werken begonnen, die einen dezidiert humanistischen, streckenweise sogar christlich eingefärbten Hintergrund haben. Man kann diesen Prozess schon ab den "Afrikanischen Spielen" beobachten, hier noch am Fallbeispiel der eigenen Biographie, in der Jünger die frühkindliche Genese seines abenteuerlichen Lebensweges offenlegt, später dann aber auch an den Tagebüchern des Zweiten Weltkrieges, in denen sogar seine intensive Bibellektüre (wer hätte das von einem vormaligen radikalen Nietzscheaner und Propheten eines destruktiven Nihilismus gedacht!) dokumentiert ist. Insofern muss man den frühen Jünger mit Vorbehalt und zeithistorisch eingebettet begreifen, der späte Jünger ist ein Dokument anarchischen und konservativen, immer noch elitären, doch ausgesprochen humanistischen Denkens im Zeitalter der der sich entwickelnden postindustriellen Gesellschaft und ihrer hochtechnologischen Wirklichkeitsformen. Der frühe Jünger ist nicht wertlos, man braucht ihn auch ein Stück weit, um den späten Jünger zu verstehen, aber er ist ein politisch und philosophisch bedenklicher Jünger, den man so für heute nicht unwidersprochen hinnehmen kann und den man auf politischer und philosophischer Ebene kritisieren muss. Klaus Gauger --- simonfriedrich <simonfriedrich@ <mailto:simonfriedrich%40yahoo.de> yahoo.de> schrieb: > I see that Herr Gauger and I have independently > expressed a similar > conclusion, that there is a fundamental difference > between the early > and later Juenger, and that we have both put Der > Arbeiter/19933 as the > turning point. > > My question remains if the early works merit all the > attention they > have received, or at least are they worth any > further attention? > Particularly in the light of what Herr Gauger has > expressed here, that > they are elitist, without empathetic humanistic > motivation, and > destined to be eclipsed by later works, my answer > would be a decisive > no. Even if the later Juenger could only have > evolved from the early > one, haven't we examined the early one enough now to > understand what > it contributed to the larger complex of the author? > Now that we've > studied and understood him better, let's forgive the > old man (actually > the young man) for his early sins and naive > exaggerations and move > onto his truly exceptional and useful works. From my > point of view, > this is a stagnation of a sort, and it threatens to > become a bad and > only self-serving habit. Forwards, onto new > challenges! > > > --- In juenger_org@ <mailto:juenger_org%40yahoogroups.de> yahoogroups.de hat klaus gauger > <klaus_gau...@...> > geschrieben: > > > > Ich muss Krömer in diesem Punkt leider völlig > Recht > > geben. Eine Mitleidsethik ist in Ernst Jüngers > > Frühwerk bis zum "Arbeiter" in keinster Weise > präsent. > > Schon die "Stahlgewitter" sind im Stil des > elitären > > Frontkämpfers geschrieben, der für die Schwächen > > durchschnittlicher "Frontschweine" nur Verachtung > > übrig hat. Das zieht sich bis zum "Arbeiter" > durch, > > auch hier ist es eine Elite - die Vertreter eines > > "aktiven" Nihilismus im Gegensatz zu denen, die > den > > Nihilismus "passiv" erleiden: Die Unterscheidung > hat > > Jünger von Nietzsche - die dem globalen "Mahlgang" > > voranschreitet, und das Ziel ist nicht ein Reich > des > > Mitleids, sondern der bis an die Zähne gerüstete > > militärische Machtstaat, der mit anderen Staaten > des > > selben Typus´ um die Weltherrschaft kämpft, > > selbstverständlich im Zuge weltweiter > kriegerischer > > Auseinandersetzungen. Der "totale Krieg" > (Ludendorffs > > Werk mit gleichlautendem Titel, das Clausewitz auf > den > > Kopf stellt: Die gesamte staatliche Politik in > einem > > Land als Fortführung des Krieges mit anderen > Mitteln) > > ist das Ziel der Anstrengung, dem sich alle > Mitglieder > > des Arbeitstaates als Rädchen in einer > gigantischen > > Maschinerie einzufügen und zu dienen haben. > Insofern > > muss ich Kiesel ganz klar widersprechen und Krömer > > Recht geben, von Mitleid keine Spur, vielmehr ist > > dieser Grossessay ein Dokument eines gnadenlosen > > totalitären, kriegerischen und elitären Denkens, > und > > tatsächlich kann man diesen Essay nur vor dem > > Hintergrund des Aufstiegs des Faschismus´ und dem > > kommenden Weltkrieg verstehen, wo tatsächlich mit > > totaler Rücksichtslosigkeit um die Erdherrschaft > > gekämpft wurde, übrigens streckenweise auch auf > Seiten > > der demokratischen Nationen, man denke nur an den > > Bombenterror von Briten und Amerikanern in > > Deutschland. > > Trotzdem ist der "Arbeiter" kein > > nationalsozialistischer Entwurf: Das Rassedenken, > die > > Grundlage des Nationalsozialismus, fehlt in diesem > > Essay völlig, ebenso wie das Blut- und > Bodendenken. > > Der "Arbeiter" ist auch ein transnationaler Typus, > ein > > Art ein technischer Überkrieger, solche Generäle, > > Politiker und Techniker, "aktive", elitäre > Nihilisten, > > gab´s wohl in allen am Weltkrieg beteiligten > Nationen, > > und Jünger frohlockte damals in apokalyptischer > Manier > > über den kommenden Globalkampf um die > Erdherrschaft > > zwischen solchen "aktiven Nihilisten", denen die > > untergeordneten "passiven" Nihilisten als Material > > dienen. Tatsächlich kam der "Arbeiter" in der > > nationalsozialistischen Presse schlecht an und > wurde > > verrissen. Erst nach 1933 wendet sich Jünger von > einem > > solchen Denken ab, die Mitleidsethik entwickelt er > > erst später, angesichts der Lemurenherrschaft der > > Nazis und der ungeheueren Verwüstungen und > > Grausamkeiten des Weltkrieges. Auch die mehrmalige > > Lektüre der Bibel gehört zu dieser "Konversion" > > Jüngers zu Humanismus und Mitleidsethik, der frühe > > Jünger hingegen ist ein besonders radikaler > > Nietzscheaner und Antihumanist. Insofern empfinde > ich > > Kiesels Bemerkungen geradezu als Verdrehung, > > offensichtlich treibt ihn der Ehrgeiz, Jünger vom > > Faschismus-Verdacht posthum reinwaschen zu wollen. > > Ernst Jünger war aber in der Weimarer Republik > > eindeutig der Vertreter eines elitären, > > transnationalen und transrassischen Faschismus und > in > > rechtsradikalen Zirkeln und Magazinen in der > Weimarer > > Republik als fleissiger Publizist aktiv. Jünger > hat > > selbst daraus nie einen Hehl gemacht und stand > auch zu > > Werken wie dem "Arbeiter", den er nie widerrufen, > > sondern vielmehr in seinem Werk ab 1933 organisch > > weiterentwickelt und modifiziert hat, und zwar in > > einem humanistischen Sinne, in der die > Mitleidsethik > > dann ebenfalls eine Rolle spielt. Es gibt also > > eindeutig zwei Jünger, zwischen denen ein > Zusammenhang > > besteht: Den frühen, vor allem nietzscheanischen, > > elitär-faschistischen Jünger (vor 1933) und den > > späteren konservativ-humanistischen Jünger, der > sich > > einer Vielzahl unterschiedlichster geistiger > Einflüsse > > öffnet (ab 1933). Den frühen Jünger leugnen und im > > Sinne einer Mitleidsethik "hinbiegen" zu wollen > ist > > Unfug. > > > > > > Klaus Gauger > > > Jetzt Mails schnell in einem Vorschaufenster überfliegen. Dies und viel mehr bietet das neue Yahoo! Mail - www.yahoo.de/mail
