Lieber Herr Malon,

lesen Sie mal in der Ausgabe von 1922 der
"Stahlgewitter" das Kapitel "Die Grosse Schlacht"
(S.189-219). Nach dem Dauerbeschuss durch die
Artillerie geht Jünger mit seinen Soldaten auf die
feindlichen englischen Linien zu. Zitat: "In einer
Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Blutdurst,
Wut und Alkoholgenuß gingen wir im Schritt auf die
feindlichen Linien los" (S. 198). Als Jünger und seine
Männer die englischen Linien erreichen, fliehen die
Engländer und werden vom deutschen
Maschinengewehrfeuer niedergemacht: "Die Fliehenden
überschlugen sich im Laufen, und in einigen Sekunden
war der Boden mit Leichen bedeckt. Nur wenige entkamen
(...)" (S. 200f.). Und Jüngers Kommentar? Der lautet
so: "Nachdem so ganze Arbeit (!) geschafft war, ging
es weiter. Der Erfolg hatte Angriffsgeist und
Draufgängertum jedes Einzelnen zur Weißglut entfacht".

Wo bitte bleibt hier das Mitleid? Jünger bemerkt
selbst im "Wäldchen 125" (dritte Auflage 1928):
"Kriegführen heisst den Gegner durch rücksichtslose
Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist
der Handwerke härtestes, seine 
Meister (!) dürfen der Menschlichkeit nur so lange das
Herz öffnen, als sie nicht schaden kann" (S. 94).


Lieber Herr Malon, sieht für Sie so eine Mitleidsethik
aus?
 
Ich spüre eine Mitleidsethik, wenn ich zum Beispiel
die Worte Jesu Christi in den Evangelien lese. 
Die Ideologie und die Aussagen in Ernst Jüngers
Frühwerk, gerade auch seine Schriften über seine
Kämpfe im Ersten Weltkrieg, sind für mich Ausdruck
eines brutalen und mitleidslosen Frontelitarismus aus
der Feder eines hochdekorierten, aber wohl auch
psychisch für lange Zeit durch den Krieg hochgradig
deformierten Menschen.


Klaus Gauger





--- Henry Malon <[email protected]> schrieb:

> "Geschwaetzige, weitschweifige, eitle ,
> stumpfsinnige Menschen hoehnen ueber alles
> ausserhalb ihres winzigen Bereiches - das ist alles
> ; weil sie ja so wenig - nichts wissen." Harold
> Kleed. 
> Liebe Juenger-Freunde:
>  
> Da der Herr Gauger in der heutigen Korrespondenz
> Juengers "Mitleidsethik" bemaengelt , fuehlte ich
> mich gezwungen zu diesem Thema Stellung zu nehmen.
> In der Behandlung dieses Themas kommt man nicht
> umhin den Menschen Juenger und seine Schriften zu
> betrachten. Ich wurde selten in meinem Leben derart
> von einem Mitleidsgefuehl befluegelt wie in den
> STAHLGEWITTERN ( Seite 185. 28.7. 1917.):"
> Unvermittelt fragte mich Sandvoss , ob ich etwas von
> meinem Bruder (Friedrich Georg) gehoert haette. Man
> wird sich meine Sorge vorstellen koennen, als ich
> erfuhr, dass er den naechtlichen Sturm mitgemacht
> hatte und vermisst wurde. Er war meinem Herzen der
> Naechste; das Gefuehl eines unersetzlichen Verlustes
> tat sich vor mir auf. Gleich darauf kam ein Mann und
> teilte mir mit, dass mein Bruder verwundet in einem
> Unterstand liege. Er zeigte dabei auf ein wuestes,
> von entwurzelten Bauemen bedecktes Blockhaus, das
> bereits von den Verteidigern verlassen war. Ich
> eilte ueber eine Lichtung, die unter gezieltem
> Gewehrfeuer lag, und trat ein. Welch ein
> Wiedersehen! Mein Bruder lag in einem von
> Leichengeruch erfuellten Raum inmitten einer Menge
> aechzender Schwerverwunderter. Ich fand ihn in einer
> traurigen Verfassung vor. Beim Sturm hatten ihn zwei
> Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge
> durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk
> zerschmettert.Das Fieber glaenzte ihm aus den Augen;
> eine geoeffnete Gasmaske hing auf seiner Brust. Er
> konnte nur mit Muehe sich bewegen, sprechen und
> atmen. Wir drueckten uns die Hand." usw. usw. Tant
> mieux. Jedesmal - sogar heute - wenn ich die
> unvergessliche Passage lese -werde ich von einer
> Gaensehaut magnetisiert. Desbezueglich hat Juenger
> unzaehlige Bemerkungen ueber das Mitleid in seinen
> Schriften gemacht, insbesondere in den STRAHLUNGEN .
> , wo er sich mit dem Schicksal der Juden, der
> Leichen in Russland, den Hinrichtungen in Frankreich
> beschaeftigt. Zudem wird man zum Mitleid ueber seine
> eigenen Leiden bewegt, - der furchtbare ,
> unvergessliche fruehe Tod seines Sohnes, Ernstl, -
> das Schreibverbot nach dem Zweiten Weltkrieg, -der
> fruehe Tod seiner Frau, Greta, - der Selbstmord
> seines einzigen, ueberlebenden, missratenen Sohnes,
> Alexander, - und dann insbesondere die Verleumdungen
> und anhaltenden Luegen ueber seine Vergangenheit. -
> - - Wer vom Schicksal des Menschen und
> Schriftstellers Ernst Juengers nicht vom Mitleid
> ergriffen wird ist stumpfsinnig , blind und
> komatoes. Unvergleichlich Heinrich.. 
> 
> -- 
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