Lieber Herr Raithel, 

ich weiss nicht, ob in der Jünger-Sekundärliteratur
der von Trawny herausgegebenen Band 90 der
Heidegger-Ausgabe (Zu Ernst Jünger) berücksichtigt
wird. Zu den Zusammenhängen zwischen Heidegger und den
Jünger-Brüdern, gerade im Zusammenhang mit der
Technikkritik, ist schon einiges geschrieben worden
(im psychologistischen und abwertenden Sinne in
letzter Zeit von Daniel Morat mit seinem Werk "Von der
Tat zur Gelassenheit", der das Spätwerk der
Jünger-Brüder und Heideggers und ihre Technikkritik
als apologetische Konstruktion angesichts der
rechtsradikalen Vergangenheit dieser Autoren zu
entlarven sucht).
Wer aber mal die Nietzsche-Vorlesungen von Heidegger
gelesen hat (habe ich mehrmals gemacht), der findet
unzählige direkte Übernahmen von Gedanken aus Ernst
Jüngers "Arbeiter" in Heideggers Ausführungen. Da
Heidegger es mit dem Zitieren allerdings nie sehr
genau nahm und seine Quellen meist verdeckt hat, sind
die entsprechenden Passagen nicht als Zitate aus Ernst
Jüngers "Arbeiter" (und auch aus "Die Totale
Mobilmachung") gekennzeichnet. Ich selbst würde sogar
behaupten, dass Heidegger ohne Ernst Jüngers
"Arbeiter" und Friedrich Georg Jüngers "Perfektion der
Technik" gar nicht zu seiner sehr elaborierten
Technikkritik vorgedrungen wäre, die er gerade in den
Nietzsche-Vorlesungen entwickelt hat im Sinne einer
Kritik am "Willen zur Macht", der sich im globalen
Siegeszug der neuzeitlichen Technik mit ihrem Anspruch
der völligen Verfügbarkeit alles Seienden offenbart.


Klaus Gauger





--- Andreas Raithel <[email protected]>
schrieb:

> Wegen der Stichworte „Nietzsche“ und „Der Arbeiter“:
> Wurde eigentlich in der
> Literatur zu Ernst Jünger inzwischen schon einmal
> der Band 90 der
> Heidegger-Gesamtausgabe verhandelt?
> 
>  
> 
>   _____  
> 
> Von: [email protected]
> [mailto:[email protected]] Im
> Auftrag von klaus gauger
> Gesendet: Mittwoch, 31. Oktober 2007 13:27
> An: [email protected];
> [email protected]
> Betreff: RE: [juenger_org] Betrifft:
> [Jünger-Rundbrief] FAZ 30.10.2007:
> Leserbrief zu Jünger/Ortega y Gasse
> 
>  
> 
> Lieber Herr Friedrich,
> 
> ich halte die frühen Werke von Ernst Jünger nicht
> für
> wertlos, der "Arbeiter" ist sogar ein recht
> elaborierter nietzscheanischer Entwurf und auch ein
> ungewöhnlich elaboriertes Produkt
> "konservativ-revolutionären" Denkens. Aber dieses
> Frühwerk Jüngers ist politisch und philosophisch
> bedenklich und muss unter Vorbehalt betrachtet
> werden.
> Jünger macht hier Aussagen im antihumanistischen,
> elitären und faschistischen Sinne, die man so heute
> nicht mehr akzeptieren kann und die man auch nur vor
> dem damaligen Zeithintergrund, des Aufstiegs des
> europäischen Faschismus und Hitlers konkret in
> Deutschland, den politischen Wirren in der Weimarer
> Republik mit ihrem Radikalismus von rechter und
> linker
> Seite, und vor dem Hintergrund eines kommenden
> Zweiten
> Weltkriegs (im Grunde eine barbarisierte
> Wiederholung
> des Ersten Weltkriegs, diesmal mit fast alleiniger
> deutscher Schuld) verstehen kann. Jünger hat das
> selbst begriffen, war dann von der Lemurenherrschaft
> der Nazis entsetzt und angeekelt und hat bewusst mit
> dem Abfassen von Werken begonnen, die einen
> dezidiert
> humanistischen, streckenweise sogar christlich
> eingefärbten Hintergrund haben. Man kann diesen
> Prozess schon ab den "Afrikanischen Spielen"
> beobachten, hier noch am Fallbeispiel der eigenen
> Biographie, in der Jünger die frühkindliche Genese
> seines abenteuerlichen Lebensweges offenlegt, später
> dann aber auch an den Tagebüchern des Zweiten
> Weltkrieges, in denen sogar seine intensive
> Bibellektüre (wer hätte das von einem vormaligen
> radikalen Nietzscheaner und Propheten eines
> destruktiven Nihilismus gedacht!) dokumentiert ist.
> Insofern muss man den frühen Jünger mit Vorbehalt
> und
> zeithistorisch eingebettet begreifen, der späte
> Jünger
> ist ein Dokument anarchischen und konservativen,
> immer
> noch elitären, doch ausgesprochen humanistischen
> Denkens im Zeitalter der der sich entwickelnden
> postindustriellen Gesellschaft und ihrer
> hochtechnologischen Wirklichkeitsformen. Der frühe
> Jünger ist nicht wertlos, man braucht ihn auch ein
> Stück weit, um den späten Jünger zu verstehen, aber
> er
> ist ein politisch und philosophisch bedenklicher
> Jünger, den man so für heute nicht unwidersprochen
> hinnehmen kann und den man auf politischer und
> philosophischer Ebene kritisieren muss.
> 
> Klaus Gauger
> 
> --- simonfriedrich <simonfriedrich@
> <mailto:simonfriedrich%40yahoo.de>
> yahoo.de> schrieb:
> 
> > I see that Herr Gauger and I have independently
> > expressed a similar
> > conclusion, that there is a fundamental difference
> > between the early
> > and later Juenger, and that we have both put Der
> > Arbeiter/19933 as the
> > turning point. 
> > 
> > My question remains if the early works merit all
> the
> > attention they
> > have received, or at least are they worth any
> > further attention?
> > Particularly in the light of what Herr Gauger has
> > expressed here, that
> > they are elitist, without empathetic humanistic
> > motivation, and
> > destined to be eclipsed by later works, my answer
> > would be a decisive
> > no. Even if the later Juenger could only have
> > evolved from the early
> > one, haven't we examined the early one enough now
> to
> > understand what
> > it contributed to the larger complex of the
> author?
> > Now that we've
> > studied and understood him better, let's forgive
> the
> > old man (actually
> > the young man) for his early sins and naive
> > exaggerations and move
> > onto his truly exceptional and useful works. From
> my
> > point of view,
> > this is a stagnation of a sort, and it threatens
> to
> > become a bad and
> > only self-serving habit. Forwards, onto new
> > challenges!
> > 
> > 
> > --- In juenger_org@
> <mailto:juenger_org%40yahoogroups.de> yahoogroups.de
> hat klaus gauger
> > <klaus_gau...@...>
> > geschrieben:
> > >
> > > Ich muss Krömer in diesem Punkt leider völlig
> > Recht
> > > geben. Eine Mitleidsethik ist in Ernst Jüngers
> > > Frühwerk bis zum "Arbeiter" in keinster Weise
> > präsent.
> > > Schon die "Stahlgewitter" sind im Stil des
> > elitären
> > > Frontkämpfers geschrieben, der für die Schwächen
> > > durchschnittlicher "Frontschweine" nur
> Verachtung
> > > übrig hat. Das zieht sich bis zum "Arbeiter"
> > durch,
> > > auch hier ist es eine Elite - die Vertreter
> eines
> > > "aktiven" Nihilismus im Gegensatz zu denen, die
> > den
> > > Nihilismus "passiv" erleiden: Die Unterscheidung
> > hat
> > > Jünger von Nietzsche - die dem globalen
> "Mahlgang"
> > > voranschreitet, und das Ziel ist nicht ein Reich
> > des
> > > Mitleids, sondern der bis an die Zähne gerüstete
> > > militärische Machtstaat, der mit anderen Staaten
> > des
> > > selben Typus´ um die Weltherrschaft kämpft,
> > > selbstverständlich im Zuge weltweiter
> > kriegerischer
> > > Auseinandersetzungen. Der "totale Krieg"
> > (Ludendorffs
> > > Werk mit gleichlautendem Titel, das Clausewitz
> auf
> > den
> > > Kopf stellt: Die gesamte staatliche Politik in
> > einem
> > > Land als Fortführung des Krieges mit anderen
> > Mitteln)
> > > ist das Ziel der Anstrengung, dem sich alle
> > Mitglieder
> > > des Arbeitstaates als Rädchen in einer
> > gigantischen
> > > Maschinerie einzufügen und zu dienen haben.
> > Insofern
> > > muss ich Kiesel ganz klar widersprechen und
> Krömer
> > > Recht geben, von Mitleid keine Spur, vielmehr
> ist
> > > dieser Grossessay ein Dokument eines gnadenlosen
> > > totalitären, kriegerischen und elitären Denkens,
> > und
> > > tatsächlich kann man diesen Essay nur vor dem
> > > Hintergrund des Aufstiegs des Faschismus´ und
> dem
> > > kommenden Weltkrieg verstehen, wo tatsächlich
> mit
> > > totaler Rücksichtslosigkeit um die Erdherrschaft
> > > gekämpft wurde, übrigens streckenweise auch auf
> > Seiten
> > > der demokratischen Nationen, man denke nur an
> den
> > > Bombenterror von Briten und Amerikanern in
> > > Deutschland. 
> > > Trotzdem ist der "Arbeiter" kein
> > > nationalsozialistischer Entwurf: Das
> Rassedenken,
> > die
> > > Grundlage des Nationalsozialismus, fehlt in
> diesem
> > > Essay völlig, ebenso wie das Blut- und
> > Bodendenken.
> > > Der "Arbeiter" ist auch ein transnationaler
> Typus,
> > ein
> > > Art ein technischer Überkrieger, solche
> Generäle,
> > > Politiker und Techniker, "aktive", elitäre
> > Nihilisten,
> > > gab´s wohl in allen am Weltkrieg beteiligten
> > Nationen,
> > > und Jünger frohlockte damals in apokalyptischer
> > Manier
> > > über den kommenden Globalkampf um die
> > Erdherrschaft
> > > zwischen solchen "aktiven Nihilisten", denen die
> > > untergeordneten "passiven" Nihilisten als
> Material
> > > dienen. Tatsächlich kam der "Arbeiter" in der
> > > nationalsozialistischen Presse schlecht an und
> > wurde
> > > verrissen. Erst nach 1933 wendet sich Jünger von
> > einem
> > > solchen Denken ab, die Mitleidsethik entwickelt
> er
> > > erst später, angesichts der Lemurenherrschaft
> der
> > > Nazis und der ungeheueren Verwüstungen und
> > > Grausamkeiten des Weltkrieges. Auch die
> mehrmalige
> > > Lektüre der Bibel gehört zu dieser "Konversion"
> > > Jüngers zu Humanismus und Mitleidsethik, der
> frühe
> > > Jünger hingegen ist ein besonders radikaler
> > > Nietzscheaner und Antihumanist. Insofern
> empfinde
> > ich
> > > Kiesels Bemerkungen geradezu als Verdrehung,
> > > offensichtlich treibt ihn der Ehrgeiz, Jünger
> vom
> > > Faschismus-Verdacht posthum reinwaschen zu
> wollen.
> > > Ernst Jünger war aber in der Weimarer Republik
> > > eindeutig der Vertreter eines elitären,
> > > transnationalen und transrassischen Faschismus
> und
> > in
> > > rechtsradikalen Zirkeln und Magazinen in der
> > Weimarer
> > > Republik als fleissiger Publizist aktiv. Jünger
> > hat
> > > selbst daraus nie einen Hehl gemacht und stand
> > auch zu
> > > Werken wie dem "Arbeiter", den er nie
> widerrufen,
> > > sondern vielmehr in seinem Werk ab 1933
> organisch
> > > weiterentwickelt und modifiziert hat, und zwar
> in
> > > einem humanistischen Sinne, in der die
> > Mitleidsethik
> > > dann ebenfalls eine Rolle spielt. Es gibt also
> > > eindeutig zwei Jünger, zwischen denen ein
> > Zusammenhang
> > > besteht: Den frühen, vor allem
> nietzscheanischen,
> > > elitär-faschistischen Jünger (vor 1933) und den
> > > späteren konservativ-humanistischen Jünger, der
> > sich
> > > einer Vielzahl unterschiedlichster geistiger
> > Einflüsse
> > > öffnet (ab 1933). Den frühen Jünger leugnen und
> im
> > > Sinne einer Mitleidsethik "hinbiegen" zu wollen
> > ist
> > > Unfug.
> > > 
> > > 
> > > Klaus Gauger
> > 
> > 
> > 
> 
> Jetzt Mails schnell in einem Vorschaufenster
> überfliegen. Dies und viel mehr
> bietet das neue Yahoo! Mail - www.yahoo.de/mail
> 
>  
> 
> 



      Heute schon einen Blick in die Zukunft von E-Mails wagen? 
www.yahoo.de/mail

Antwort per Email an