Lieber Herr Gauger,

 

vielen Dank für die interessanten Hinweise. Von der Arbeit Morats hörte ich
nur durch die Rezension von Ingeborg Villinger. Erinnert man sich, daß in
alten BRD-Zeiten Schmitt-Heidegger-Jünger gerne als „Einheit“ schubladisiert
wurden, wäre durch die entsprechenden Veröffentlichungen der letzten Jahre
wohl einmal eine neue Betrachtung dieser vermeintlichen „Einheit“ fällig.

 

Herzliche Grüße!

Andreas Raithel

 

  _____  

Von: [email protected] [mailto:[email protected]] Im
Auftrag von klaus gauger
Gesendet: Donnerstag, 1. November 2007 10:53
An: [email protected]; [email protected]
Betreff: RE: AW: [juenger_org] Betrifft: [Jünger-Rundbrief] FAZ 30.10.2007:
Leserbrief zu Jünger/Ortega y Gasse

 

Lieber Herr Raithel, 

ich weiss nicht, ob in der Jünger-Sekundärliteratur
der von Trawny herausgegebenen Band 90 der
Heidegger-Ausgabe (Zu Ernst Jünger) berücksichtigt
wird. Zu den Zusammenhängen zwischen Heidegger und den
Jünger-Brüdern, gerade im Zusammenhang mit der
Technikkritik, ist schon einiges geschrieben worden
(im psychologistischen und abwertenden Sinne in
letzter Zeit von Daniel Morat mit seinem Werk "Von der
Tat zur Gelassenheit", der das Spätwerk der
Jünger-Brüder und Heideggers und ihre Technikkritik
als apologetische Konstruktion angesichts der
rechtsradikalen Vergangenheit dieser Autoren zu
entlarven sucht).
Wer aber mal die Nietzsche-Vorlesungen von Heidegger
gelesen hat (habe ich mehrmals gemacht), der findet
unzählige direkte Übernahmen von Gedanken aus Ernst
Jüngers "Arbeiter" in Heideggers Ausführungen. Da
Heidegger es mit dem Zitieren allerdings nie sehr
genau nahm und seine Quellen meist verdeckt hat, sind
die entsprechenden Passagen nicht als Zitate aus Ernst
Jüngers "Arbeiter" (und auch aus "Die Totale
Mobilmachung") gekennzeichnet. Ich selbst würde sogar
behaupten, dass Heidegger ohne Ernst Jüngers
"Arbeiter" und Friedrich Georg Jüngers "Perfektion der
Technik" gar nicht zu seiner sehr elaborierten
Technikkritik vorgedrungen wäre, die er gerade in den
Nietzsche-Vorlesungen entwickelt hat im Sinne einer
Kritik am "Willen zur Macht", der sich im globalen
Siegeszug der neuzeitlichen Technik mit ihrem Anspruch
der völligen Verfügbarkeit alles Seienden offenbart.

Klaus Gauger

--- Andreas Raithel <AndreasRaithel@ <mailto:AndreasRaithel%40t-online.de>
t-online.de>
schrieb:

> Wegen der Stichworte „Nietzsche“ und „Der Arbeiter“:
> Wurde eigentlich in der
> Literatur zu Ernst Jünger inzwischen schon einmal
> der Band 90 der
> Heidegger-Gesamtausgabe verhandelt?
> 
> 
> 
> _____ 
> 
> Von: juenger_org@ <mailto:juenger_org%40yahoogroups.de> yahoogroups.de
> [mailto:juenger_org@ <mailto:juenger_org%40yahoogroups.de> yahoogroups.de]
Im
> Auftrag von klaus gauger
> Gesendet: Mittwoch, 31. Oktober 2007 13:27
> An: juenger_org@ <mailto:juenger_org%40yahoogroups.de> yahoogroups.de;
> simonfriedrich@ <mailto:simonfriedrich%40yahoo.de> yahoo.de
> Betreff: RE: [juenger_org] Betrifft:
> [Jünger-Rundbrief] FAZ 30.10.2007:
> Leserbrief zu Jünger/Ortega y Gasse
> 
> 
> 
> Lieber Herr Friedrich,
> 
> ich halte die frühen Werke von Ernst Jünger nicht
> für
> wertlos, der "Arbeiter" ist sogar ein recht
> elaborierter nietzscheanischer Entwurf und auch ein
> ungewöhnlich elaboriertes Produkt
> "konservativ-revolutionären" Denkens. Aber dieses
> Frühwerk Jüngers ist politisch und philosophisch
> bedenklich und muss unter Vorbehalt betrachtet
> werden.
> Jünger macht hier Aussagen im antihumanistischen,
> elitären und faschistischen Sinne, die man so heute
> nicht mehr akzeptieren kann und die man auch nur vor
> dem damaligen Zeithintergrund, des Aufstiegs des
> europäischen Faschismus und Hitlers konkret in
> Deutschland, den politischen Wirren in der Weimarer
> Republik mit ihrem Radikalismus von rechter und
> linker
> Seite, und vor dem Hintergrund eines kommenden
> Zweiten
> Weltkriegs (im Grunde eine barbarisierte
> Wiederholung
> des Ersten Weltkriegs, diesmal mit fast alleiniger
> deutscher Schuld) verstehen kann. Jünger hat das
> selbst begriffen, war dann von der Lemurenherrschaft
> der Nazis entsetzt und angeekelt und hat bewusst mit
> dem Abfassen von Werken begonnen, die einen
> dezidiert
> humanistischen, streckenweise sogar christlich
> eingefärbten Hintergrund haben. Man kann diesen
> Prozess schon ab den "Afrikanischen Spielen"
> beobachten, hier noch am Fallbeispiel der eigenen
> Biographie, in der Jünger die frühkindliche Genese
> seines abenteuerlichen Lebensweges offenlegt, später
> dann aber auch an den Tagebüchern des Zweiten
> Weltkrieges, in denen sogar seine intensive
> Bibellektüre (wer hätte das von einem vormaligen
> radikalen Nietzscheaner und Propheten eines
> destruktiven Nihilismus gedacht!) dokumentiert ist.
> Insofern muss man den frühen Jünger mit Vorbehalt
> und
> zeithistorisch eingebettet begreifen, der späte
> Jünger
> ist ein Dokument anarchischen und konservativen,
> immer
> noch elitären, doch ausgesprochen humanistischen
> Denkens im Zeitalter der der sich entwickelnden
> postindustriellen Gesellschaft und ihrer
> hochtechnologischen Wirklichkeitsformen. Der frühe
> Jünger ist nicht wertlos, man braucht ihn auch ein
> Stück weit, um den späten Jünger zu verstehen, aber
> er
> ist ein politisch und philosophisch bedenklicher
> Jünger, den man so für heute nicht unwidersprochen
> hinnehmen kann und den man auf politischer und
> philosophischer Ebene kritisieren muss.
> 
> Klaus Gauger
> 



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