Liebe Jünger-Freunde,
von Thomas Hajduk stammt eine Rezension der beiden EJ-Biographien von H.Schwilk
und H.Kiesel, die heute in "Die Berliner Literaturkritik" erschien (
http://www.berlinerliteraturkritik.de/index.cfm?id=10&mat=16144 ).
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw
Berliner Literaturkritik
In dubio pro reo: Ernst Jünger bleibt eine kontroverse Figur
Zwei neue Jünger-Biographien
© Die Berliner Literaturkritik, 09.11.07
Als Ernst Jünger am 17. Februar 1998 fast 103-jährig verstarb, erreichte das
öffentliche Interesse an ihm einen Höhepunkt: Zeitungen in ganz Europa
erinnerten an den Kriegs-, Drogen- und Käferfreund in teils mehrseitigen
Nachrufen. Nach einem Leben voller Kontroversen, dem Medienrummel zu seinem
100. Geburtstag und den Elogen zu seinem Tod hat niemand daran gedacht, dass
dies vielleicht auch ein Schlusspunkt war.
Denn während das Interesse an Jünger in der literaturwissenschaftlichen und
historischen Forschung nicht abriss, sondern weiter zunahm, blieb es in der
öffentlichen Debatte seitdem ruhig um ihn. Die üblichen Verdächtigen unter den
Feuilletons brachten alle paar Monate ihren obligatorischen Jünger-Artikel,
aber in Anbetracht eines Klassikers, als den ihn schon zu Lebzeiten viele
sehen wollten, war das ein schwaches Echo. Dabei hatten viele Jünger-Bewunderer
gehofft, dass nach seinem Tod die ideologischen Grabenkämpfe der Vergangenheit
angehören würden und damit der Weg für eine gebührende Auseinandersetzung
geebnet wäre. Sie hatten nicht bedacht, dass es vielleicht gerade diese Kämpfe
gewesen sind, denen Ernst Jünger seinen Rang verdankte.
Auch die beiden neulich erschienen Biographien von Helmuth Kiesel und Heimo
Schwilk stehen ganz in der Tradition der alten Kontroversen. Sie wurden im
Vorfeld zu Jüngers zehntem Todestag, ein klassisches Datum für
Reanimationsversuche aller Art, veröffentlicht und sind beide bemüht, die
historische und literarische Bedeutung des Autors herauszustreichen indem sie
sich beide auf ihre eigene Weise mit einer Kritik herumschlagen, die bald so
alt wie Jünger selbst ist.
Die beiden Bücher sind aber nicht nur gegen die Kritik gerichtet, sondern auch
gegen die jeweilige Konkurrenzbiographie. Beide Autoren beanspruchen schon im
Titel die Biographie vorgelegt zu haben. Es ist mehr als Wettbewerb, der
diesen anmaßend-naiven Untertitel erklärt: Seit Jüngers Tod steht eine
brauchbare Jünger-Biographie aus. Der Titel des 300-seitigen Versuchs von Paul
Noack, den er bereits 1998 veröffentlicht hat, lautet bezeichnend Ernst
Jünger: eine Biographie man könnte hinzufügen: das Buch zum Tod.
Dass gerade bei einem so umstrittenen Lebenslauf wie dem Jüngers noch keine
zuverlässige Biographie vorliegt, mag auch dem geringen öffentlichen Interesse
geschuldet sein. In der Forschung jedenfalls ist schon seit längerem der Wunsch
nach einem solchen Buch zu vernehmen. Das bleibt vorerst ein frommer Wunsch:
Die beiden neuen Biographien füllen die Lücke nur teilweise aus und können
ihren Anspruch, die Biographie zu sein, nicht im Geringsten einlösen.
Vergleicht man die beiden Bücher, so ist am erstaunlichsten, dass dasjenige des
Literaturwissenschaftlers Kiesel das zumindest dem Tonfall nach apologetischere
Werk ist. Im Gegensatz zu Schwilk, der Jünger persönlich kannte und verehrte,
wäre vom Heidelberger Professor der kritischere Blick zu erwarten. Doch schon
im Vorwort macht er klar, dass Jünger historisiert werden müsse, wenn man ihm
gerecht werden wolle. Das wäre ein lobenswerter Vorsatz, wenn historisieren
nicht so oft auf entschuldigen hinausliefe.
Das beginnt bereits bei der Einteilung des Buches: Während die neuere Forschung
sich zunehmend mit Ernst Jüngers bisher vernachlässigtem Leben und Werk nach
1945 beschäftigt, widmet Kiesel 550 von 670 Seiten der Zeit bis 1945. Diese
Einteilung beruht keinesfalls allein auf Jüngers gesteigerter Aktivität
zwischen 1914 und 1945. Vielmehr sind diese Jahre der Dreh- und Angelpunkt
aller Kontroversen: Taten und Schriften aus dieser Zeit wurden noch dem
Hundertjährigen vorgehalten.
Genau hier reiht sich Kiesel in die Reihe der ungezählten Apologeten ein und
will zeigen, wie es eigentlich gewesen ist. Als Opfer des wilhelminischen
Schulsystems und einer unsteten Jugend voller Umzüge entwickelte sich Ernst
Jünger zu einem Träumer und Außenseiter. Vor allem Abenteuerromane haben es ihm
angetan, und mit 18 Jahren riss er aus und heuerte illegal bei der
Fremdenlegion an, die ihn nach Afrika verschiffte. Dort scheiterte der geplante
Fluchtversuch und schon nach einigen Wochen war Jünger auf Betreiben des Vaters
wieder in Deutschland. Hier dauerte es nicht mehr lange, bis das nächste
Abenteuer begann, das zeitlebens Jüngers Ruf bestimmen würde: Der Erste
Weltkrieg.
Im Krieg bewies der Freiwillige Mut und beendete ihn als gefühlter Gewinner,
nachdem er es zum Leutnant und der höchsten Auszeichnung, dem Pour le mérite,
gebracht hatte. Zurück in Deutschland schrieb er seine 15 Kriegstagebücher zu
einem Buch um, das auch heute noch sein bekanntestes und am häufigsten
verkauftes ist: In Stahlgewittern ist ein Kriegsjournal, das vor allem durch
seine schonungs- und emotionslose Darstellung und ein positives Verhältnis zum
Krieg auffällt. Es begründete seinen Ruhm als schriftstellernder Kriegsheld,
den er im Laufe der 1920er Jahre auch für sein politisches Engagement
ausnutzte. Zwischen 1925 und 1927 versuchte er den nationalistischen
Soldatenverband Stahlhelm zu radikalisieren und zur Revolution anzustacheln.
Weil er damit scheiterte, entschloss er sich, auch ohne Fahne marschieren zu
können, und etablierte sich als Vordenker der radikalen Rechten. Als solcher
sorgte Jünger gegen Ende der Weimarer Republik für Aufsehen, als er eine
[totale] Mobilmachung des Deutschen und einen totalitären Arbeiterstaat
forderte.
Obwohl Jünger die Demokratie hasste wie die Pest, wie er in einem seiner
Kriegsbücher bekannte, war er weitsichtig und integer genug, um die neuen
Herren nach 1933 ebenfalls abzulehnen. Während der nationalsozialistischen
Herrschaft zog er sich in sein inneres Exil zurück, von wo aus er sich bei
Kriegsbeginn 1939 mit den Marmor-Klippen, einer regimekritischen Parabel,
wieder zu Wort meldete. Durch seine Einberufung in die Wehrmacht stand der
legendäre Soldat in deren Schutz. Anders als im Ersten Weltkrieg führte Jünger
zwischen 1940 und 1944 das wenig heroische, dafür umso dandyhaftere Leben eines
Besatzungsoffiziers in Paris, wo er sich zwischen Affären, Antiquitätenhändlern
und Salons zum teilnahmslosen Beobachter der Katastrophe stilisierte. Für den
konservativen Widerstand schrieb er 1943 ein außenpolitisches Manifest, den
Frieden, ohne anderweitig involviert zu sein. Nach dem gescheiterten Anschlag
vom 20. Juli 1944 kehrte Jünger nach Deutschland zurück und erwartete das
Kriegsende, welches vom Tod seines Sohnes überschattet wurde.
Kiesel erzählt diese konventionelle Geschichte, wobei er vornehmlich aus den
publizierten Werken und Korrespondenzen zitiert und seltener auf Jüngers
umfangreichen Nachlass zurückgreift. Das Ergebnis ist eine wenig Neues
bietende, aber solide und systematische Werkexegese. So informiert Kiesel den
Leser über die verschiedenen Revisionen der Stahlgewitter und stellt sie in
ihren historischen Kontext. Die Kehrseite der Medaille: Besonders Jüngers
antidemokratische Schriften und Aktionen der 1920er Jahre werden immer wieder
relativiert.
Kiesel beschönigt nichts, aber doch weist er mit penetranter Vorhersehbarkeit
auf Thomas Mann (Betrachtungen eines Unpolitischen) und Bertold Brecht (Die
Maßnahme) hin, die wollte man dem Autor darin folgen nicht weniger radikal
als Jünger waren. Es fragt sich allerdings, inwieweit solche Beispiele jenseits
der politischen Verrechnungsspiele dem Verständnis von Ernst Jüngers Leben
dienen. Auch verwundern die gelegentlichen subtilen Sympathiebekundungen
gegenüber Jünger. Die nationalistischen Passagen in einem der Kriegsbücher etwa
nennt Kiesel betrübliche Entgleisungen und die Historisierung eines
antisemitischen Artikels aus der Feder Jüngers beschließt er mit den Worten:
Wer will, kann beim Vorwurf des Antisemitismus bleiben. Derlei Aussagen und
der apologetische Grundton lassen an der kritischen Distanz des
Wissenschaftlers zweifeln.
Dagegen, verkehrte Welt, finden sich beim bekennenden Jünger-Jünger und
Journalisten Heimo Schwilk kaum derartige Entschuldigungen. Für ihn steht
ohnehin fest: Ernst Jünger ist ein Jahrhundertleben so lautet dann auch der
Titel seiner Biographie. Im deren Vorwort rühmt Schwilk den berüchtigten
Tagebuchschreiber dafür, mit seinem Werk die Fieberkurve des Säkulums
nachgezeichnet zu haben und in seiner Person das Rätsel der deutschen Seele
zu verkörpern. Da ist es allzu verständlich, dass ein solcher Jünger keiner
kleinlichen Aufrechnungen bedarf: Auch Schwilk verschweigt und verwässert
nichts von Jüngers früher Prosa und politischen Fehlern, geht damit aber
gelassen um ein großer Mann kann sich eben irren, könnte frei nach Heidegger
das Motto lauten.
In Schwilks Biographie steht ebenfalls die Zeit der beiden Kriege im
Mittelpunkt. Allerdings hat der Jünger-Intimus dabei zwei beträchtliche
Vorteile auf seiner Seite: Seine Gespräche mit Jünger und den uneingeschränkten
Zugang zu Jüngers Nachlass. Entsprechend finden sich in seinem umfangreichen
Buch viele Zitate, die bisher nicht bekannt waren. Vor allem bei der
Darstellung des Ersten Weltkriegs macht sich das bemerkbar; sie gehört zu dem
Aufschlussreichsten und Interessantesten, was seit langem über Jünger
geschrieben worden ist.
Jüngers Originaltagebücher aus dem Ersten Weltkrieg sind seit mehr als zehn
Jahren zugänglich und bereits vereinzelt zitiert worden. Niemand aber hat das
so umfassend und lesbar getan wie Schwilk. Er zeigt, dass Jünger im Ersten
Weltkrieg keineswegs nur der Pour le mérite-Vorzeigeheld und stahlharte
Frontkämpfer war, als den ihn seine stilisierten Schriften ausweisen sollten.
Schon nach wenigen Monaten seiner Soldatenlaufbahn wünscht er sich zu Neujahr
1915 ein solides Studentenleben mit Lehnstuhl und weichem Bett und einem
kleinen Freundeskreise ohne Verbindungseseleien, schöne Ausflüge und gute
Bücher. Und eine Käfersammlung. Vor solchen Gedanken erscheint seine oft
kritisierte Gefühlskälte gegenüber dem Leid in seiner Umgebung wie ein
Schutzpanzer, um unter dem Druck des Krieges nicht zu zerbrechen. Drei Tage
nach den obigen Neujahrswünschen notierte Jünger in seinem Tagebuch: Der
Anblick der von Granaten Zerrissenen hat mich vollkommen kalt gelassen wie die
ganze Knallerei, trotzdem ich einige Male die Kugeln sehr nah habe singen
hören.
Und auch wenn Jünger alles andere als ein Pazifist war, war selbst er gegen die
Sinnfrage nicht gefeit. Ehe er die Millionen Gefallener und die Niederlage
Deutschlands um jeden Preis mit der Geburt des Frontkämpfers, einem Krieg um
des Krieges willen oder seinem geschichtstheologischem Bild vom Arbeiter zu
erklären versuchte, hatte der junge Soldat seine Zweifel am Massentöten gehabt.
Im Dezember 1915 sann er: Was soll das Morden und immer wieder Morden? [
] Der
Krieg hat in mir doch die Sehnsucht nach den Segnungen des Friedens geweckt.
Nicht minder bemerkenswert sind Jüngers Ressentiments und die Verstöße gegen
Dienstvorschriften und Vorgesetzte. Es ist bekannt, dass er sich bereits als
Schüler Autoritäten nicht unterzuordnen vermochte. Erst Schwilk jedoch zeigt
anhand mehrerer Beispiele, dass Jüngers Soldatenlaufbahn keinesfalls so
reibungslos verlief, wie es die stattliche Anzahl seiner Orden nahe legt. Wer
hätte geahnt, dass der Träger des Pour le mérite schon einmal vor einem
Kriegsgericht stand?
Im April 1917 wurde der junge Offizier zu drei Wochen Stubenarrest verurteilt
wegen falscher Behandlung von Untergebenen. Jünger hatte bei der Rückkehr aus
dem Feld einen Freiherrn aus seinem Bett geworfen, dem er
Grandseigneur-Gebaren und Baronisieren der Etappenschweine vorwarf. Einen
Monat später bekam er wieder eine Riesenzigarre, das heißt eine Standpauke
von seinem Vorgesetzten und fragte sich, wann dieser Scheißkrieg ein Ende
haben werde, nur um hinzuzufügen: Die Sache wird höllisch monoton.
Allein wegen der umfangreichen Darstellung des Ersten Weltkrieges, die das
längste Kapitel der Biographie ist, lohnt die Lektüre. Der ehemalige
Kriegsberichterstatter Schwilk versteht es gekonnt, Jüngers Kriegstagebücher in
ihren militärhistorischen Kontext einzubetten. Zudem findet er im Gegensatz zu
Kiesel den richtigen Ton für eine Biographie und schreibt gut lesbare Prosa
anstelle gestelzten Germanistendeutschs. Das bedeutet allerdings auch, dass
Schwilks Biographie in erster Linie ein klassisches Lebensbild oder eben ein
großer Bildungsroman ist, eher deskriptiv als analytisch. Oftmals erweckt sie
einen fragmentarischen Eindruck, vor allem bei den sehr kurzen, im Falle
wichtiger Werke wie des Arbeiters verkürzten Interpretationen.
Welche der beiden Biographien letztlich lesenswerter ist, hängt von dem
Anspruch des Lesers ab. Wer eine gute Einführung in Leben und Werk Ernst
Jüngers sucht, der wird zu Kiesels Buch greifen und die Kommentare des Autors
geflissentlich überlesen. Wem an einer unterhaltsamen Lebensgeschichte Jüngers
gelegen ist, dem sowie dem Jünger-Kenner sei Schwilks Insiderbuch empfohlen.
Nur wer die Biographie sucht, oder auch nur eine, die mehr als Preise, Reisen
und Anekdoten über Jüngers zweite Lebenshälfte verrät, der wird sich noch auf
unbestimmte Zeit gedulden müssen.
Von Thomas Hajduk
Literaturangaben:
KIESEL, HELMUTH: Ernst Jünger. Die Biographie. Siedler Verlag, München 2007.
715 S., 24,95 .
SCHWILK, HEIMO: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Die Biografie. Piper
Verlag, München 2007. 623 S., 24,90 .
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* Siedler Verlag
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