Liebe Jünger-Freunde,

in der Neuen Osnabrücker Zeitung erschien heute nachstehende ahnungslos*) 
anmutende Rezension zu H.Schwilks Jünger-Biographie. 

*) weil da gewiss Nachfragen kommen, warum ich "ahnungslos" schreibe, da reicht 
das hier: Stereoskopisches Sehen als Spezialität des alten Jünger -- 
Sizilischer Brief also ein Spätwerk? Egal.


Schöne Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw



Neue OZ - 17.11.2007, 

Diesen Artikel finden Sie unter: 
http://www.neue-oz.de/information/noz_print/feuilleton/18060652.html
Ressort / Ausgabe: Feuilleton
Veröffentlicht am: 17.11.2007
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Fast ohne jede Distanz
Von Oliver Schmidt
Osnabrück.

Erst Jünger polarisiert. Auch neun Jahre nach dem Tode des Schriftstellers 
spreizt sich das Meinungsspektrum über ihn auf von grenzenloser Verehrung als 
konservativen Vordenker einerseits und Verachtung ob seiner antidemokratischen 
Haltung andererseits.

Ausgewogen zu urteilen fällt angesichts dieser Bandbreite schwer. Dies zeigt 
sich bereits auf den ersten Seiten der soeben erschienenen Jünger-Biografie von 
Heimo Schwilk. Dabei hält sich der promovierte Historiker in seiner 
umfangreichen Abhandlung zunächst einmal an die Fakten. Viel Raum nimmt 
naturgemäß der Erste Weltkrieg und dessen Darstellung in Jüngers wohl 
bekanntesten und zugleich strittigsten Werken ein.

Es ist weniger eine sich aus dem ?uvre speisende als vielmehr eine klassische 
Lebensbeschreibung, die der Autor hier vorlegt. Anders als die ebenfalls vor 
kurzem erschienene Jünger-Biografie des Hochschullehrers Helmuth Kiesel 
arbeitet Schwilk an der Lebens-Chronologie des Schriftstellers und 
Käfersammlers sowie eifrigen Tagebuchschreibers Jünger. Für den Leser bringt 
dies eine Systematik mit sich, der sich unschwer folgen lässt. Ein weiterer 
Vorteil dieses Buches liegt sicherlich darin, dass Schwilk auf umfangreiche 
Nachlassbestände Ernst Jüngers zurückgreifen konnte, so beispielsweise auf die 
Briefe des jungen Soldaten an seine Eltern. Hier zeigen sich bereits die 
Wurzeln der depressiven, weltabgewandten Seite ebenso wie auch ein gewisser 
Narzissmus, der bislang vor allem dem späteren Jünger nachgesagt wurde.

Etwas, worauf Schwilk immer wieder zu Recht Bezug nimmt, ist der Ansatz des 
"stereoskopischen Sehens", den der ältere Autor pflegte. Darunter zu verstehen 
ist ein gleichsam doppelter Blick, der einerseits die Oberfläche der Dinge zu 
erfassen suchte, aber andererseits zugleich die Tiefendimension 
berücksichtigte. Die Kenntnis dieses zwischen Esoterik und Metaphysik 
oszillierenden Begriffes bleibt, laut Autor, für die Analyse des Spätwerks wie 
beispielsweise der Tagebücher unverzichtbar.

Was indes bei alledem ein wenig zu kurz kommt, ist das persönliche Urteil über 
den Umstrittenen. Mitunter, so scheint es zumindest, fühlt sich Schwilk dem 
Wesen und der Denkungsart Jüngers nicht allzu fern stehend. Deutlich wird dies 
in Sätzen, in denen er sich über den Mut des Stoßtruppführers und 
Pour-le-Mérite-Trägers auslässt, wobei er unterschwellige Bewunderung nur 
schwer unterdrücken kann. Lediglich zwischen den Zeilen klingt das Faktum an, 
dass Jünger es zeit seines Lebens ablehnte, seine früheren totalitären 
Anwandlungen, wenn man sie denn so nennen mag, kritisch öffentlich zu 
reflektieren. Diese Distanzlosigkeit irritiert. Doch wie bereits festgestellt: 
Jünger polarisiert. Mit der Biografie Heimo Schwilks ist einer der beiden 
möglichen Pole der Bewertung benannt. Um ein umfassendes Urteil über Jünger zu 
erhalten, sollten wir auf die Aufdeckung des anderen warten.

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