Hallo zusammen,
kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebendgen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.
Eine Oberförsterei schon. Halten wir uns ans Werk, nicht ans Gemäuer.
Grüße aus Hamburg,
Martin Reichel
Liebe Jünger-Freunde,
nachstehender Artikel über den Zustand der wilflinger Oberförsterei
erscheint morgen in der FAZ.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw
Text: F.A.Z., 17.11.2007, Nr. 268 / Seite 33
Der Untergang des Hauses Jünger
Fast fünfzig Jahre hat Ernst Jünger in der Wilflinger Oberförsterei gewohnt.
Jetzt muss die Gedenkstätte dringend saniert werden.
Auf dem Nachtschränkchen steht ein Wecker, noch in der ursprünglichen
Verpackung aus Styropor, damit das Ticken den Schläfer nicht stört. An der
Wand hängt ein kleines Bücherbord mit der letzten Abend- und Nachtlektüre:
Graham Greenes "A world of my own", die "Seestücke" von James
Hamilton-Paterson, Hans Rahls Biographie "Wilhelm II.", Schillers "Pitaval",
"Die wahrhafte Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Mexiko", verfasst
von Bernard Diaz del Castill, sowie "Der Henker von Prag" von Miroslav
Ivanov. Darunter steht das schmale, pritschenähnliche Bett. "Ein schöner
Tod: im Bett mit einem Buche in der Hand", so hatte Ernst Jünger am 22.
September 1989 im Tagebuch notiert. Da weilte der Vierundneuzigjährige auf
Mauritius und hatte noch fast zehn Lebensjahre vor sich.
Seit dem Tod Ernst Jüngers am 17. Februar 1998 hat sich hier kaum etwas
verändert, nicht im Schlafzimmer, das ihm seine Frau 1965 zum siebzigsten
Geburtstag neu einrichtete, nicht in der ans Schlafzimmer angrenzenden
Bibliothek, wo neben dem Schreibtisch noch ein Arbeitsplatz fürs
Mikroskopieren und die Arbeit an der Käfersammlung steht. Vierzigtausend
Insekten befinden sich in den Sammelschränken auf dem Flur, überwiegend
selbst erjagt, denn zugekauft wurde nichts, allenfalls auf Sammlerbörsen
getauscht. Neben dem Federhalter auf dem Schreibtisch ein Tintenfass und
jene Feder, die Jünger vor allem zum Beschriften der winzigen
Käferschildchen benutzte. Alles sieht hier so aus, alles hätte der Hausherr
nur einmal kurz das Haus verlassen, für einen seiner Spaziergänge, die auch
der Hundertjährige noch täglich absolvierte.
Fast fünf Jahrzehnte hat Ernst Jünger im Stauffenbergschen Forsthaus in
Wilflingen gewohnt. 1950 war er aus der engen Stadtwohnung von Ravensburg
hierher gezogen, hatte zunächst im Schloß Unterkunft gefunden und danach das
gegenüberliegende Forsthaus bezogen. Die barocke, im frühen achtzehnten
Jahrhundert erbaute "Oberförsterei", wie er das Gebäude gern nannte,
entsprach seinen Vorstellungen: "Der musische Mensch wohnt gern in Häusern,
die schon viele kommen und gehen sahen und im Lauf der Zeiten anbrüchig
geworden sind. Moos auf dem Dach, alte Hölzer, vernutzte Treppen, halbdunkle
Flure, kein Telefon. So suchen auch die Götter gern den Körper alter und
sehr alter Menschen auf. Die Wohnung ist behaglicher geworden; sie fühlen
sich in ihr wohl. Sie rasten dort noch eine Weile, dann geben sie sich zu
erkennen und ziehen mit dem Wirt davon."
Keine zehn Jahre sind seit dem Auszug des Wirts und seiner Götter vergangen,
aber mit der Behaglichkeit ist es vorüber. Unübersehbar sind im Hausflur die
Kalkausblühungen rechts und links von der zweiflügeligen Eingangstür. Im
angrenzenden Zimmer ist die Feuchtigkeit im Mauerwerk fast bis in Brusthöhe
gekrochen, die Tapeten wellen sich und weisen Wasserringe auf. Unter einem
der Fenster zur Straße hängt die Tapete schlapp herunter, der Putz darunter
ist weggebröselt, das Mauerwerk scheint stellenweise vollständig von
Feuchtigkeit durchdrungen, die von außen hereindringt und aus dem
Gewölbekeller in die Wohnräume kriecht.
Nach dem Tod Ernst Jüngers ist seine Witwe zunächst in zwei Räume im
Erdgeschoß gezogen, von denen heute einer dem Andenken des Bruders Friedrich
Georg gewidmet ist. Jetzt, wo der Winter hereinbricht, sammelt sich hier Tag
für Tag ein Liter Wasser an, die ein Gerät der Raumluft entzieht. Zwei
weitere Luftentfeuchter stehen in den Kellerräumen. Die Feuchtigkeit ist das
größte Problem, und es nimmt nach jedem strengen Winter mit Frostschäden
weiter zu.
"Was ich betreibe, ist Kosmetik", sagt Monika Miller-Vollmer. "Ich kann
allenfalls dafür sorgen, dass sich die Lage nicht verschlimmert." Zu Jüngers
Lebzeiten ging sie dem Ehepaar in Haus und Garten zur Hand, heute ist sie
Kustodin des Jünger-Hauses, das 1998 in Verbindung mit der Arbeitsstelle für
literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg
eingerichtet wurde. Die Finanzierung übernimmt eine Stiftung, die aber schon
mit den Unterhaltskosten überfordert sei. Ohne die Zuwendungen der Witwe
Liselotte Jünger müsste die Gedenkstätte schon heute schließen.
Die Sanierung des Gebäudes dürfte Millionen kosten, vermutet Monika
Miller-Vollmer, aber genau weiß das niemand. Der Eigentümer, Baron von
Stauffenberg, sei ein "braver Kerle", wie es im Schwäbischen heißt, könne
aber nicht einmal das Schloß, das er selbst bewohnt, aus eigenen Mitteln
instandhalten. Das Land Baden-Württemberg hat zwar Geld aus dem Topf der
Denkmalpflege für das Wilflinger Schloß bereitgestellt, für Ernst Jüngers
"Oberförsterei" fühlt man sich indes nicht zuständig.
Die Aufgaben, die Thomas Schmid als Leiter der Arbeitsstelle für
literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg vor sich
sieht, erstrecken sich fast ausschließlich auf den Austellungsbereich. Der
Jahresetat dafür beträgt etwa 260 000 Euro, damit sind fast hundert
Gedenkstätten zu betreuen. Auch Georg Stickler, der Vorsitzende der von der
Kreissparkasse Biberach getragenen Jünger-Stiftung, weiß nicht, wie das
Problem zu lösen ist. Im nächsten Jahr jährt sich der Todestag der deutschen
Jahrhundertgestalt Ernst Jünger zum zehnten Mal. Ihre Gedenkstätte, Ernst
Jüngers Oberförsterei, verfällt. HUBERT SPIEGEL
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