Liebe Jünger-Freunde,

nachstehende Rezension zu H. Kiesel und H. Schwilk erschien heute in der Neuen 
Zürcher Zeitung.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw


21. November 2007, Neue Zürcher Zeitung
Das historische Buch
Eintritt in die Geschichte und Austritt aus ihr
Zwei neue, umfangreiche Biografien zeichnen Leben und Werk Ernst Jüngers nach
Stefan Breuer 


Seit dem Tod Ernst Jüngers im Februar 1998 sind bald zehn Jahre vergangen. In 
diesem Zeitraum haben sich die Bedingungen für eine Darstellung seiner 
Biografie bedeutend verbessert. Zum einen ist das Corpus an relevanten Texten 
und Materialien stark erweitert. Die skandalträchtige politische Publizistik 
aus den zwanziger und dreissiger Jahren liegt in einer handlichen, noch von 
Jünger selbst auf den Weg gebrachten Ausgabe vor; wichtige Briefwechsel sind 
ediert und durch Kommentare erschlossen; weitere, noch unveröffentlichte im 
Nachlass zugänglich, der seit Ende der neunziger Jahre im Deutschen 
Literaturarchiv in Marbach verwahrt wird. Zum andern hat, aus welchen Gründen 
auch immer, die Polarisierung nachgelassen, die lange Jahre jedes Gespräch über 
Ernst Jünger zum Austausch von Reflexen gemacht hat. Was dem Gros der 
veröffentlichten Meinung noch 1982, bei der Verleihung des Goethe-Preises an 
Jünger, gänzlich ausgeschlossen schien, ist nun zumindest denkbar und sagbar 
geworden: dass einer das, was er einmal war, nicht ein ganzes Leben lang 
bleiben muss; und dass selbst ein militanter Krieger und Rechtsnationalist ein 
Autor von Rang sein kann.

Vor 1933 für den Nationalsozialismus

Die Auswirkungen dieser veränderten Lage lassen sich nun gleich an zwei 
Grossversuchen studieren, Leben und Werk dieses Autors auf einen Nenner zu 
bringen. Beide haben in umfassender Weise aus dem erweiterten Corpus geschöpft 
und viele bis dahin unbekannte Details ans Licht gefördert; beide präsentieren 
ein facettenreiches Bild, das die bisherigen Unternehmen hinter sich lässt und 
wohl auf Jahre hinaus bestimmend sein wird. Sie verschweigen Jüngers 
Verstrickungen in den Rechtsterrorismus ebenso wenig wie seine bis Ende der 
zwanziger Jahre anhaltende pro-nationalsozialistische Haltung, präsentieren 
aber auch die Fakten, die in das Bild vom Faschisten, vom Wegbereiter Hitlers, 
nicht passen: die beharrliche Weigerung nach 1933, sich vom NS-Regime 
vereinnahmen zu lassen, die literarische Distanzierung in den «Marmorklippen», 
den Austritt aus der Traditionskompanie, als diese ihre jüdischen Mitglieder 
ausschliesst, die, wie immer auch vorsichtige, Obstruktion während der 
deutschen Besetzung von Paris usf.

Es spricht für die Genauigkeit der Arbeitsweise, dass sich beide Bücher in der 
Schilderung der Lebenstatsachen auf weite Strecken decken: dieselben Punkte 
hervorheben, dieselben Beziehungsgeflechte beleuchten, die gleichen 
Belegstellen aus den Quellen erheben. Das schliesst allerdings Unterschiede 
nicht aus. Das Buch von Kiesel verleugnet an keiner Stelle den 
Literaturwissenschafter. Es erzählt weniger, liefert dafür jedoch ausgiebige 
Informationen zum Werk; etwa über die Metaphernsysteme, die Jünger in seinem 
wohl bekanntesten Buch, den «Stahlgewittern», verwendet, oder über die 
verschiedenen Fassungen, die er von diesem Text – und nicht nur von diesem – 
angefertigt hat. Dabei wird nichts geglättet und beschönigt. Mit Bezug auf «Der 
Kampf als inneres Erlebnis» spricht Kiesel von einem skandalösen Text, der in 
seinem «perverse[n] Bekenntnis zur Lust des massenweisen Tötens mit dem 
Maschinengewehr» «erschreckend und abstossend» sei; er nennt den Nationalismus 
der zwanziger Jahre eine «grandiose Verfehlung», die aus heutiger Sicht nicht 
zu verteidigen sei, wie er auch den Vorwurf des Antisemitismus gegen den 
Artikel «Über Nationalismus und Judenfrage» (1930) für berechtigt erklärt.

Dies alles geschieht jedoch auf eine sachliche, nicht stigmatisierende Weise, 
die auch die Relativierungen und Revisionen kenntlich macht, die Jünger schon 
in den dreissiger Jahren vorgenommen hat. Auch bei der Behandlung anderer als 
anstössig empfundener Passagen, etwa der Hinrichtungsszene in den Pariser 
Tagebüchern, erweist sich Kiesel als umsichtiger Interpret, der 
politisch-moralische und ästhetische Gesichtspunkte gegeneinander abwägt.

Schwilks Stärke liegt dagegen mehr im Erzählen. Sein Buch widmet der Person 
grössere Aufmerksamkeit als dem Werk und kommt auf diese Weise dem Genre der 
Biografie eher entgegen als Kiesel. Die psychische Verfassung Jüngers gewinnt 
hier ein deutlicheres Profil: das anhaltende Grundgefühl von Fremdheit, das ihn 
von frühester Jugend an immer wieder zur Flucht treibt, aus der Schule, aus dem 
Elternhaus, aus der Armee, aus der Universität, aus der von ihm selbst 
gegründeten Familie, aus dem Literaturbetrieb; die korrespondierende Neigung, 
Zuflucht in festen Gehäusen zu suchen, die sich dann immer wieder als 
unbewohnbar erweisen und neue Fluchtbewegungen auslösen; die Versuche, sich 
durch Techniken der Vergleichgültigung, durch «Verhaltenslehren der Kälte» 
(Lethen) zu wappnen; und die damit verbundene Melancholie, die nicht selten in 
Depression umschlägt. Das wird so einleuchtend geschildert, dass es selbst für 
die von Jünger 1996 vollzogene Konversion zur katholischen Kirche eine andere 
Lesart nahelegt als bei Kiesel: nicht als Summe und Krönung eines 
Jahrhundertlebens, sondern als weitere Etappe dieser Fluchtbewegungen, die nur 
durch den Tod unwiderruflich geworden ist.

So respektabel und bewundernswert die Leistung beider Biografen ist, eine Frage 
bleibt am Ende offen: Warum eigentlich verlangt die Darstellung für die erste 
Hälfte dieses Lebens so ungleich viel mehr Raum als für die zweite? Während 
Schwilk der Zeit bis 1945 dreimal so viel Raum widmet wie den Jahren bis 1998, 
fällt die Proportion bei Kiesel noch ungünstiger aus. Von der Materiallage her 
ist dies nicht begründet. Bei weitem der grösste Teil von Jüngers 
Korrespondenz, der in Marbach lagert, stammt aus der Zeit nach dem Zweiten 
Weltkrieg, darunter umfangreiche Bestände wie der vor allem für die 
Nachkriegsjahre aufschlussreiche Briefwechsel mit Wilhelm Stapel oder mit einem 
Dr. Walter Chemnitz, mit dem Jünger in den siebziger Jahren einen Rechtsstreit 
führen musste.

Später Nachhall

Gewiss ist vieles in diesen Korrespondenzen uninteressant, Nachhall einer 
bewegteren Epoche, Veteranenaustausch, ein endloser Strom von 
Geburtstagsgrüssen und Todesanzeigen. Andererseits spiegeln sich in ihnen doch 
auch fast vierzig Jahre Bundesrepublik, mehr als Weimarer Republik und NS-Zeit 
zusammengenommen. Haben die Biografen dafür, was nur zu verständlich wäre, 
keine Kraft mehr gehabt? Ist dieser zweite Lebensabschnitt, in dem sich Jünger 
ganz ins Privatleben zurückgezogen hat, einfach weniger interessant als der 
erste, in dem er auf den Schlachtfeldern des Krieges und des Bürgerkrieges als 
Akteur präsent ist? Oder trifft auf diese Epoche zu, was Jünger selbst ihr 1959 
in seinem Essay «An der Zeitmauer» attestiert hat: dass sich in ihr ein 
«Austritt aus dem historischen Raum», eine «Zerstörung der geschichtlichen Welt 
in ihrem herkömmlichen Sinne» vollzieht? Es ist Sache künftiger Biografen, hier 
die Probe aufs Exempel zu machen.

Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biografie. Siedler, München 2007. 715 S., Fr. 
43.90. Heimo Schwilk: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Die Biografie. Piper, 
München und Zürich 2007. 623 S., Fr. 43.90.
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