Liebe Jünger-Freunde,
nachstehende Rez. zu Schwilk/Kiesel/Jünger erschien am 16. 11. in der
Stuttgarter Zeitung.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw
Stuttgarter Zeitung, 16.11.2007 - aktualisiert: 16.11.2007 06:43 Uhr
Komment in Rohrstockform
Zwei neue Biografien und eine Betrachtung zu Ernst Jünger
Von Mirko Weber
Manchmal offenbaren sich beim Lesen unterschiedlichster Quellen im Nachhinein
seltsame existenzielle Schnittlinien. Nun, hier ist eine: Am 14. März 1943
nämlich macht sich der kleine Soldat und als Schriftsteller noch nicht in
Erscheinung getretene Heinrich Böll für eine paar genehmigte Erholungstage nach
Paris auf. Böll kann gar nicht genug bekommen von der großen Stadt, wie er an
seine Frau Annemarie nach Köln schreibt: "Man sieht sie alle wirklich über
dieses schöne graue Pflaster laufen", notiert Böll (in "Briefe aus dem Krieg"),
"zwischen diesen hohen, grauen Häusern, alle die Schönheiten Balzacs . . .".
Derweil führt der zum Oberkommando der deutschen Wehrmacht und dem Stab um den
Offizier Hans Speidel gehörende Ernst Jünger Tagebuch.
Jünger hat an diesem Tag Freunde und seine Geliebte besucht und resümiert im
exklusiven Hotel Raphael Gedanken zu Pariser Straßen und Wohnungen: "Sie sind
Archive einer vom alten Leben durchwebten Substanz, bis zum Rande gefüllt mit
Belegstücken, Erinnerungen aller Art." Böll schreibt an Annemarie, dass er froh
ist, sich einmal in Ruhe waschen zu können und danach eine Zigarette zu
rauchen. Sein Brief gipfelt im Ausruf: "Ach, du, die Freiheit!" Jünger hält
unterdessen für sich selbst fest: "Wenn alle Gebäude zerstört sein werden,
bleibt doch die Sprache bestehen, als Zauberschloss . . . Dort, in den
Schächten, Oublietten und Bergwerken, wird man noch weilen können und dieser
Welt verloren gehen."
Böll hatte, wie viele damals, Jüngers "Marmorklippen" gelesen (und das Buch als
"unsagbar streng und sakral" empfunden); beide Männer hielten es täglich mit
der Lektüre der Bibel und eingehenden Studien der fanatisch-katholischen
Schriften eines Léon Bloy. Am 14. März 1943 sind sie manchmal vielleicht nur
auf Rufweite voneinander entfernt: Ernst Jünger, der sich noch in seiner
letzten Tagebucheintragung - mittlerweile zum Katholizismus konvertiert -
ironisch als "alter Krieger" bezeichnet, und Heinrich Böll, jener
Schriftsteller, der als erster Deutscher seit Hermann Hesse 1972 den
Literaturnobelpreis unter anderem für sein pazifistisches Engagement erhalten
sollte. Später wird Böll nie groß ein Wort über Jünger verlieren und Jünger nur
so viel über Böll sagen, dass er ihm gratuliert hätte zur Ehrung aus Stockholm,
wenn er denn seine Bücher kennen würde; Jüngers Hochmut konnte sehr speziell
werden.
Der Journalist Heimo Schwilk, einer der beiden neueren Jünger-Biografen (nach
den ästhetischen Studien Karl-Heinz Bohrers sowie den Gesamtwürdigungen von
Martin Meyer und Paul Noack), fasst Jüngers Solipsismus einmal halb
ehrfürchtig, halb erschrocken in einer Notiz zusammen, die anlässlich der
Nachbetrachtung zu Jüngers Besuch in der Villa Massimo in Rom entsteht. Das ist
1968. Während draußen auf den Straßen die Unruhen der Zeit nicht zu überhören
sind und drinnen im Goethe-Institut die Gäste wild diskutieren, speist Jünger
(nunmehr zum zweiten Mal verheiratet mit einer Archivarin, dem "Stierlein" der
Tagebücher "Siebzig verweht") beim Prinzen Otto von Hessen in der Villa
Palessina. Schwilk schreibt: "Ein Denken wie das Jüngers, das sich so
meilenweit über die Menschenwelt hinaufgeschraubt hat, das nur noch
überzeitliche Mächte am Werk sieht, kann sich den Auseinandersetzungen der
Gegenwart nicht mehr moralisch nähern", aber Ironie ist das nicht.
Was passiert ist, als Jünger sich doch einmal zum gewöhnlichen Volk gesellte,
hat, an ganz anderer Stelle und in vollkommen verschiedener Manier, der Kollege
Peter Rühmkorf festgehalten. In dessen "Jahren, die ihr kennt" kommt Jünger
nicht gut weg, nämlich so: "Setzte sich angelegentlich eines kleinen Empfangs
grußlos an unseren Stipendiatentisch. Gab keine Hand und nannte keinen Namen.
Redete mit niedersächsischer Pisperstimme gezielt an uns vorbei . . . Trank
drei, vier Gläser, zeigte unvermutete Wirkung, versuchte dennoch in
Rohrstockform eine Art von Komment zu wahren und stolzierte schließlich in
kippligem Storchen-Parademarsch von dannen." Rühmkorf, könnte man einwenden,
hatte gut lachen. Aber ein wenig von dieser Distanz zum Porträtierten hätten
sowohl Schwilk (der manchmal bruchlos Jüngers Idiom aufnimmt: "Die politischen
Vorgänge in den europäischen Metropolen sind Jünger keines Kommentares wert . .
.") wie auch dem Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel gut getan.
Kiesel hat zuletzt Jüngers Briefwechsel mit dem Juristen Carl Schmitt ediert,
Schwilk hatte Jünger öfter besucht. Beide kennen sich bis in die Verästelungen
in dessen selbstreferentiellem System aus. Beide erliegen aber auch der Gefahr,
außer Jüngers Denken nichts anderes mehr wahrzunehmen. Beide erzählen ab ovo;
Schwilk ist sprachlich der Pointiertere (manchmal bis hin zu Anflügen von
Geschwätzigkeit: "Liselotte Jünger gibt Felipe González noch ein Glas Gsälz",
selbst gemachte Marmelade, mit auf den Weg"); Kiesel ein rechter Faktenhuber.
Was wiederum teilweise seinen Reiz hat, schließlich verfolgt er die
Lebenslinien buchstäblich mit der umfangreichen Werkausgabe in der Hand. Kritik
an Jünger indes ist Kiesel stets eher unwillkommen, und so gerät ihm die
Biografie allzu apologetisch.
Schwilk geht da geschickter vor, indem er von Anfang an so tut, als habe er gar
keine richtige Meinung zu Jüngers Positionen, wohl aber das allerlebhafteste
Interesse am Leben eines mehr als hundert Jahre alt gewordenen Literaten, der
wahrlich durch Stahlgewitter gegangen ist und allein deswegen phänomenal: Dass
Jünger damals zwischendurch stärkere Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Ganzen
befielen, als er zum Beispiel in den hochinteressant verklausulierten Wendungen
der Pariser Tagebücher "Strahlungen" erkennen lässt, hat Schwilk exklusiv.
Er konnte, was neu und teilweise überraschend ist, Jüngers komplette
Aufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg einsehen, wo sich manches findet ("Wann
hat dieser Scheißkrieg ein Ende?"), für das man nicht unbedingt den Pour le
Mérite bekommt. Zudem hat Schwilk ein paar unbekannte Jugendbriefe gefunden,
die eindeutig Zeugnis davon ablegen, dass der junge Ernst schon nichts anderes
war (und dann: sein wollte), was er auch im hohen Alter geblieben ist: ein
randständiger, ahnungsvoller, zuweilen ("Heliopolis", "Eumeswil") prophetischer
Außenseiter, der den Menschen aus dem Weg ging, um an seinem eigenen Mythos zu
arbeiten.
Nebenbei: bei dieser Beschäftigung verfolgt ihn mit gewohnter Meisterschaft der
Philosoph Hans Blumenberg in seinen aus dem Nachlass erschienenen
Aufzeichnungen "Der Mann vom Mond". Er umkreist Jüngers Kosmos geistig und
denkt ihn weiter beziehungsweise um. Einmal trifft er da im Tagebuch den Autor
in einem Pariser Bistro an, wo Jünger Anfang der achtziger Jahre einem Arbeiter
beim Flipperspielen zuschaut. Jünger mutmaßt, hier bestätige sich eine seiner
Theorien, irgendwann kämen Spiel und Arbeit zur Deckung; Blumenberg kommt
darüber zu einem seiner intellektuellen Lieblingsspielzeuge zurück: den
Simulatoren, die in einer überfüllten Welt den authentischen Umgang mit
Realität immer mehr ersetzen.
Es sind diese Abstraktionsmomente, die den beiden Biografien von Schwilk und
Kiesel bereits im Ansatz fehlen. Mehr oder minder positivistisch nähern sie
sich ihrem Ziel: Schwilk hat dann Jüngers Vita gewissermaßen als Kriminalfall
geschildert, eben als abenteuerliches Leben eines im Innern oft zutiefst
verletzten Herzens; Kiesel lässt die Darstellung bezeichnenderweise mit einem
der Traumnotate Jüngers enden. Es ist (und das ist vielleicht gar nicht mal
falsch), als ob sich die Jahrhundertfigur Jünger bis zuletzt dem Konkreten
verweigere. Fast ausgespart bleibt in beiden Fällen Persönlicheres, wie der
absurd frühe Tod des einen Sohnes und der spätere des anderen als Opfer seiner
Depressionen. Zudem ist der Briefwechsel Jüngers mit der Pariser Geliebten
Sophie Ravoux - im Übrigen eine deutsche Halbjüdin - noch gesperrt, doch
womöglich dürfte sich später einmal bewahrheiten, was neben anderen
hellsichtigen Wahrheiten über Jünger der Dramatiker Heiner Müller auf gerade
sieben Seiten in seiner Autobiografie "Krieg ohne Schlacht" festgehalten hat:
"Jünger hat vor nichts Angst als vor Frauen", stand da. Ein Satz, der halbe
Biografien ersetzen kann oder Inspiration sein könnte.
Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biografie. Siedler Verlag, München. 720 S.,
24,95 Euro.
Heimo Schwilk: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Piper Verlag, München. 623
Seiten, 24,90 Euro.
Hans Blumenberg: Der Mann im Mond. Über Ernst Jünger. Suhrkamp Verlag,
Frankfurt/M. 186 Seiten, 19,80 Euro.
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