Liebe Jünger-Freunde,

das Deutschlandradio sendete heute mittag nachstehende Rezension zu den 
EJ-Biographien von H. Kiesel und H. Schwilk.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw



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LESART
20.01.2008 · 12:30 Uhr



Autor, Krieger, Offizier, Chronist
Helmut Kiesel: "Ernst Jünger", Siedler Verlag, München 2007; Heimo Schwilk: 
"Ernst Jünger", Piper Verlag, München 2007
Rezensiert von Florian Felix Weyh

Während des Ersten Weltkrieges wurde Ernst Jünger mit seinen Kriegsbüchern 
berühmt, war später glühender Nationalist und Antidemokrat, aber beteiligte 
sich am Widerstand gegen Adolf Hitler. Geboren im Kaiserreich und gestorben 
nach der Wiedervereinigung galt der Schriftsteller als Jahrhundertgestalt. Zehn 
Jahre nach seinem Tod erscheinen zwei Biografien des Rechtsintellektuellen.

"Der Tag in Wilflingen begann - wie seit Jahrzehnten - mit einem kalten 
Wannenbad, das auch dann nicht ausgesetzt wurde, wenn die Wassertemperatur im 
Winter auf zehn und schließlich auf vier Grad Celsius sank. Dem folgten 
Seilspringen und ein ausgiebiges Frühstück, dann Arbeit im Haus, dann ein 
'kleiner Waldgang' von etwa zwei Stunden Dauer."

So kannte man ihn, den zähen Hundertjährigen, der kein Jota von seinen 
Gewohnheiten abwich. Ernst Jünger, ein Phänomen des Gleichmuts und der 
Abhärtung, unempfindlich gegen die Widrigkeiten des Lebens und des Todes:

"Gleichgültigkeit ist eine meiner Haupteigenschaften, ich glaube, wenn ich 
hingerichtet werden sollte, würde ich noch eine Stunde vorher über die 
Unsterblichkeit der Maikäferseele oder verwandte Probleme nachdenken."

Der Autor Ernst Jünger wurde zeitlebens mehr bestaunt als seine Texte. Über die 
Texte stritt man - leidenschaftlich, heftig, mit größerer moralischer Emphase 
als bei jedem anderen deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der Mensch 
aber, Autor und Krieger, Offizier und Chronist, blieb dem zivilen Leser stets 
ein Rätsel.

Seine psychologische Verfassung, die intellektuelle Motivlage seines Schreibens 
schienen aus einer Welt zu kommen, in der es nicht eben viele Wesensverwandte 
gab, vielleicht waren sie alle in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs 
geblieben. Und Jünger tat nicht viel, um diese Kluft zwischen ihm und seinen 
zivilen Zeitgenossen zu überwinden. Erst ein Jahrzehnt nach seinem Tode ist nun 
das Terrain für Biografen freigeworden, die hinters Werk blicken und die 
literarische Lizenz zur Indiskretion, ja, zum Schlafzimmereinblick nutzen mögen.

"Die Verbindungstür vom Schlaf- zum Badezimmer hat der Hundertjährige in 
kindlicher Sammelleidenschaft mit zahlreichen Aufklebern bepflastert. In der 
Mitte 'Ich bin Energiesparer', darüber ein vierblättriges Kleeblatt, 'Ocupado', 
'Do not disturb', 'Je suis un tendre!', 'Türe ab 21 Uhr abschließen', 
'Reserviert', 'Zimmer kann gereinigt werden', 'No molestar', 'Moi j'aime', 
'Bitte nicht stören', 'Besetzt'."

Das ist auf zusammengenommen 1300 Seiten beider vorliegenden Bücher von Heimo 
Schwilk und Helmut Kiesel aber auch schon alles an Schlüssellochperspektive. 
103 Jahre Lebenszeit in Kontakt zu den Großen, auch zu den großen 
Unheilstiftern, der Epoche bedürfen solcher sonst üblichen Aufpeppungen nicht: 
Jüngers Biografie und deren Verzahnung mit einem Werk, das sich wiederum im 
ersten Lebensdrittel mit der Politik seiner Zeit enger verzahnte, als es dem 
späteren Greis lieb war, werfen genügend Stoff ab, um dem erzählerisch 
orientierten Heimo Schwilk wie auch dem akademisch nüchternen Helmut Kiesel 
Ausflüge ins dokumentenlose Ungefähr des Privatlebens zu ersparen.

Als Mangel teilt sich das in keinem der Bücher mit, sie ergänzen sich passabel. 
Selbst bei einer Lektüre in kurzem Zeitabstand hintereinander hat man nie das 
Gefühl einer Dopplung, sondern stets das der anregenden Perspektiverweiterung. 
Während Heimo Schwilk im Duktus des Dabeiseins schreibt, nämlich im Präsens, 
und die Stimmungslagen des Ersten Weltkriegs glaubhaft nachempfindet - fast das 
gesamte erste Drittel seines Buches beschäftigt sich mit der Urkatastrophe des 
Zwanzigsten Jahrhunderts - bettet der Germanist Kiesel die Jüngerschen 
Erlebnisse, Aufzeichnungen und Bearbeitungen in einen historisch-akademischen 
Zusammenhang ein. Beide arbeiten quellenkritisch, nehmen das gedruckte Wort 
nicht als bare Münze, sondern versuchen sich dem "wahren Jünger" - so es ihn 
gibt - über handschriftliche Äußerungen in Briefen und Kladden zu nähern.

Heimo Schwilks Biografie hat dabei eindeutige Vorzüge in der Schul- und 
Jugendzeit. Sie bedeutete eine prägende Erfahrung der Entwurzelung für Ernst 
Jünger, ein Leben mit zigfachen Orts- und Schulwechseln, das die Flucht in die 
Literatur zu Lasten sozialer Bindungen beförderte; Freundschaft konnte für 
Ernst Jünger nie ein großes Wort werden. Helmut Kiesel erwirbt größere Meriten 
bei der Analyse der kruden nationalrevolutionären Publizistik Jüngers in der 
Weimarer Republik, doch blinde Stellen können sich beide Biografie-Konkurrenten 
kaum gegenseitig vorwerfen. Manchmal greifen ihre Schilderungen sogar Hand in 
Hand, etwa wenn Schwilk aus den Erinnerungen eines Zeitgenossen jene Szene 
zitiert, in der Ernst Jünger auf anarchisch-wilde Art Möbel verheizt. Er rief:

"'Wir sind doch Feinde der bürgerlichen Ordnung, nicht wahr?' und trat, ehe 
sich Zustimmung oder Widerspruch erheben konnte, das Vertiko ein, dessen Holz 
in den Ofen gesteckt wurde. Gretha sah uns freundlich zu: 'Na, das passt Euch 
alten Feuerfritzen wohl?', und Ernst Jünger sprach über das Verhältnis der 
Anarchie zum Chaos, das in den Zerstörungen der Flamme, in der Fruchtbarkeit 
der Asche des im Herbste verbrannten Holzes und in den Gedichten und 
Feuersprüchen der Entflammten zu beobachten sei."

Auch Helmut Kiesel lässt sich diesen plakativen Auftritt nicht entgehen, merkt 
dann jedoch an:

"Freilich vergaß Friedrich Hielscher hinzuzufügen, dass es sich dabei, wie aus 
Gretha Jüngers Silhouetten zu ersehen ist, um einen einmaligen Vorgang aus dem 
kalten Winter 1929 handelte, in dem ganz Berlin unter Brennstoffmangel litt, 
und dass es sich bei den Möbeln um alte Stühle und Kisten handelte, die im 
Keller abgestellt waren."

Ironischerweise tragen beide Stellen beinahe identische Seitenzahlen, was den 
Schluss nahelegen könnte, die Bücher seien gleich aufgebaut. Tatsächlich loten 
sie jedoch das weite Terrain der Biografie auf jeweils eigene Art aus. Heimo 
Schwilk erzählt das Leben Jüngers weitgehend chronologisch nach, immer auf der 
Suche nach handlungsleitenden Mustern, wobei er angenehmerweise keinen 
psychoanalytischen Klischees anheimfällt. Helmut Kiesel, der Germanist, ist 
davor nicht immer gefeit, liefert andererseits aber erhellende Analysen der 
Metaphorik Jüngers und arbeitet das aktionistische Lebensmotiv heraus, "dass 
aller Erfolg der Tat des Einzelnen entspringt", so bemerkte Jünger einst 
selbst. Zudem befördert Kiesel verblüffende Nachbarschaften 
antiparlamentarischer Radikalität ans Licht, was freilich auch daran liegt, 
dass der Stoff beiden Biografen eine Haltung abnötigt: Man kann diesem Leben 
nicht neutral gegenübertreten. Helmut Kiesel erweist sich dabei als der 
energischere Verteidiger Jüngers, er denkt die Vorbehalte seiner Leser stets 
mit, um sie dann im nächsten Atemzug zu entkräften:

"Die Weimarer Republik ist nicht an Ernst Jünger zugrunde gegangen, und der 
Anteil, den er als Repräsentant der antiparlamentarischen Rechten an ihrem 
Untergang gehabt haben mag, wird nicht größer sein als der Anteil, den die 
zahlreichen prominenten Vertreter der antiparlamentarischen Linken gehabt haben 
dürften. Man sollte Jüngers Einfluss auf den Gang der deutschen Geschichte 
nicht überschätzen; es gab andere Wirkungspotenzen",

heißt es schon in der Einleitung und später wird Kiesel noch deutlicher, denn 
die unappetitlichen Kampfschriften Jüngers von 1923 bis 1933 lassen sich nicht 
schweigend übergehen.

"Die ökonomischen und sozialen Verhältnisse in Deutschland waren so beschaffen, 
dass man die Tauglichkeit des Parlamentarismus durchaus in Zweifel ziehen 
konnte, zumal wenn man nicht überzeugter Demokrat war, sondern auch andere 
Herrschaftsformen für legitim hielt. Unter diesen Umständen war die 
Faszination, die von Hitler und seiner 'Bewegung' ausging, beträchtlich; sie 
sprach gerade diejenigen an, die eine grundlegende politische, soziale und 
moralische Erneuerung Deutschlands für nötig hielten. Wohin, wenn nicht zu den 
Kommunisten, sollten sie sonst gehen? War doch die 'Hitlerjugend', wie Bloch 
1924 auch schrieb, zu dieser Zeit 'die einzige revolutionäre Bewegung in 
Deutschland'!"

An solchen Sätzen, einmal nicht von Jünger, sondern von einem seiner Biografen 
ausgesprochen, werden sich erneut die Geister scheiden. Eines bleibt nach der 
Lektüre beider Bücher jedoch gewiss: Auch wenn es dem Kulturbetrieb über 
Jahrzehnte sauer aufstieß, besaß die deutsche Literatur mit Ernst Jünger einen 
hochkarätigen Rechtsintellektuellen, der nicht deswegen abzuqualifizieren war, 
weil sein Denken nicht im Mainstream mitmarschierte. Da haben es sich viele 
seiner Gegner zu leicht gemacht, die sich an Äußerlichkeiten beim 
Pour-le-Merite-Träger festbissen. Zugegeben: Seine Apercus provozieren bis 
heute in ihrer blasierten Arroganz.

"Wenige sind es wert, dass man ihnen widerspricht",

sagt Jünger, aber das ist ja auch das Schöne, nachgerade Erholsame an seinen 
Büchern. Sie verweigerten sich zeitlebens jeglicher Anpassung und blieben nach 
1968 Solitäre in einem Zeitgeistmilieu, das der konservative Literaturkritiker 
Hans-Egon Holthusen spitz, aber nicht untreffend so charakterisierte:

"Wer es gewohnt ist, sich tagtäglich unter Zornigen und Entrüsteten, unter 
Weltanklägern und Sozialhypochondern zu bewegen, der wird die starke, 
unbeugsame, männliche Serenität der Jüngerschen Sprache als ein Labsal 
empfinden."

Helmut Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie
Siedler Verlag, München 2007

Heimo Schwilk: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben
Piper Verlag, München 2007


 
 
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