Liebe Jünger-Freunde,

in der Berliner Zeitung erscheint heute eine Rezension von Steffen Martus zu 
den beiden Jünger-Biographien von H.Kiesel und H. Schwilk.
Beste Grüsse rundum, 
Ihr / Euer
tw





Berliner Zeitung, 21.01.2008


Mord und Totschlag ist das Ziel
Der Journalist Heimo Schwilk und der Germanist Helmut Kiesel erzählen das Leben 
Ernst Jüngers

Steffen Martus

Im Ersten Weltkrieg war Ernst Jünger begeisterter Soldat mit einer ausgeprägten 
Mordlust; in den 20er-Jahren positionierte er sich radikaler als die Nazis 
gegen die Demokratie; während des Dritten Reichs lebte er mit den Verschwörern 
des "20. Juli"; und in der Bundesrepublik Deutschland kultivierte er die 
Attitüde eines "Anarchen". Es war ein Leben voller Grenzgänge und 
Abseitigkeiten, voller Skurrilitäten und Seltsamkeiten.

Lange musste man sich Jünger gegenüber positionieren. Unentschiedenheit ließ 
diese historische Erscheinung nicht zu, die sich selbst stolz als "Ärgernis" 
für ihre Zeitgenossen begriff. Dabei galt Bewunderung für Jünger bis in die 
80er als politisch verdächtig. Aber die Stimmung drehte sich spätestens mit dem 
100. Geburtstag. Die Nachrufe auf Jünger nach dessen Tod am 17. Februar 1998 im 
Alter von 103 Jahren erklärten ihn endgültig zur Jahrhundertfigur. Man 
versetzte ihn mit seinem sphinxhaften Blick auf den Parnass der großen 
europäischen Geister, von wo er in Ruhe die großen kosmischen Bewegungen 
betrachten durfte.

Auf dem Gipfel allerdings ist die Luft bekanntlich dünn, und nicht viele Leser 
verirren sich dorthin. Nur sporadisch flammte das Interesse wieder auf. Etwa an 
Jüngers Rolle während des Naziregimes wie im Fall der Geiselerschießungen im 
Frankreich des Jahres 1941. Oder wenn Jünger den Blick auf die Konstellationen 
der Nachkriegszeit verunsicherte, wie nach der Veröffentlichung des Briefs von 
Paul Celan an den Verfasser der "Stahlgewitter", in dem Celan um Unterstützung 
bei der Publikation seiner Gedichte bat. Nicht Jüngers Werk also scheint seine 
Anziehungskraft bewahrt zu haben, sondern allenfalls das Leben eines Autors, 
der unter Einsatz seiner Existenz die Abgründe des 20. Jahrhunderts erkundet 
und sie bisweilen ein wenig vertieft hat.

Insofern ist es konsequent, dass nun zwei große Jünger-Biografien vorliegen. 
Die eine stammt von dem Journalisten Heimo Schwilk, der Jünger persönlich 
gekannt hatte und mit seinem Buch ein "Jahrhundertleben" vergegenwärtigt; die 
andere vom Heidelberger Literaturwissenschaftler Helmut Kiesel, der Jünger 
zunächst aus historischer Distanz betrachtet, um ihn in seiner geschichtlichen 
Fremdheit verständlich zu machen.

Schwilks Biografie steuert auf den Metaphysiker Jünger zu, der sich allen 
Ernstes mit Sternen und Planeten beschäftigt hat. Für Schwilk verkörpert Jünger 
das "Rätsel der deutschen Seele", das allerdings offen bleibt, weil die 
Formulierung dieses Rätsels aussteht. Bezweifeln darf man auch das Vorwort, 
wonach Jünger "so gegenwärtig" ist, "daß man ihm eine große Zukunft voraussagen 
möchte, die der ähnlich sein könnte, die Hermann Hesse . erlebt hat" - Jünger, 
der Hesse des 21. Jahrhunderts?

Die Biografie selbst geht dann angenehm unprätentiös mit ihrem Gegenstand um. 
Nur hier und da ist die Rede von Mysterien oder dritten Dimensionen. Schwilk 
verschweigt keine Abseitigkeit, leuchtet Schattenseiten grell aus. Er versteht 
es meisterhaft, biografische Situationen zu konturieren und erzählt von einem 
Leben auf der Flucht: Misstrauen und die Angst vor Versagen prägen die geistige 
Physiognomie des Einzelgängers Jünger. Ganz aus den ungedruckten 
Originalquellen stellt Schwilk den Stoßtruppführer vor, der nicht so sehr 
todesmutig ist, als vielmehr Schwierigkeiten mit Disziplin und Gehorsam hat und 
der sich einen "Masterplan" zurechtlegt, um militärisch zu reüssieren: "Ihr 
sieben schlagt alles tot, bis auf den Engländer am weitesten rechts, den nehme 
ich mit 3 anderen gefangen".

Als seine Karriere durch einen anderen Soldaten in Gefahr gerät, kalkuliert er 
dessen Tod ein. Er beschließt, als der "Klügere, Vorbereitetere und Mächtigere" 
den Kriegsschauplatz siegreich zu verlassen. Auch für die folgende Zeit fördert 
Schwilk aus Jüngers Nachlass vieles zu Tage, was eine neue und viel 
detailliertere Sicht - von Jüngers politischen und künstlerischen Vorlieben und 
Abneigungen über seine Berufspläne und Karrierestrategien bis zu seinen 
Liebschaften. Die Geschehnisse um den "20. Juli" in Paris werden zu einer Art 
absurdem Krimi.

Die Faktenlage in Helmut Kiesels Biografie unterscheidet sich nicht wesentlich 
von der in Schwilks Buch, auch wenn einige Details aus Jüngers Leben fehlen. 
Dafür entwickelt Kiesel den Werdegang des Schriftstellers aus den Werken und 
geht bisweilen genauer auf den historischen Kontext ein. Hier schreibt ein 
ausgewiesener Experte der Kultur- und Literaturgeschichte der Moderne mit 
klarem Blick für Strukturen.

Erlebnisnahe Beschreibungen überlässt er gern Jünger selbst, auch um die 
Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Biografie zu erforschen. Er zeigt, 
wie Jüngers Selbstbewusstsein sich gerade aus Situationen heraus entwickelt, 
die in höchstem Maße unsicher sind, sei es im Elternhaus, sei es in der Schule 
oder im Krieg. Für Kiesel steht Jünger allerdings noch immer in Frage. Er führt 
mit den "Kritikern" des Weltkriegsschriftstellers und rechtskonservativen 
Autors ein Gespräch, entschuldigt Jünger nicht moralisch oder politisch, 
verteidigt ihn aber gegen unhistorische Anschuldigungen.

Sehr viel ausführlicher als Schwilk geht Kiesel etwa auf Jüngers Äußerungen zur 
"Judenfrage" ein. Beide kommen zu einem ähnlich negativen Urteil: Jünger, der 
für den Antisemitismus der Nazis oft genug nur beißenden Spott übrig hat, 
stellt sich mit seinen Artikeln gleichwohl in die antisemitische Ecke. Auch die 
"Hemmungslosigkeit", mit der Jünger gegen die Weimarer Republik vorging, 
erscheint bei Kiesel im Licht neuer Dokumente noch drastischer. "Mord und 
Totschlag", so Jünger brieflich, lautet das Ziel. "Alles was nicht auf einen 
neuen Krieg hinzielt, interessiert uns nicht", und damit war ein "zweiter 
Weltkrieg" gemeint, wie Jünger im folgenden präzisiert.

Beide, Schwilk wie Kiesel, räumen der Zeit nach 1945 auffallend wenig Platz im 
Verhältnis zur Zeit davor ein. Vom "geheimen Deutschland" dieser Jahre, von den 
Verflechtungen und Koalitionen, wie sie etwa der Briefwechsel von Theodor Heuss 
mit Ernst Jünger oder die von Jünger mit Mircea Eliade herausgegebene 
Zeitschrift "Antaios" dokumentieren, wissen wir noch immer verhältnismäßig 
wenig.

Zwei Biografien also. Beide wurden vom Feuilleton mit größtem Interesse 
aufgenommen. Hier der Journalist Schwilk, dort der Literaturwissenschaftler 
Kiesel - die Karten scheinen klar verteilt. Hier herrscht der flotte Stil, dort 
eine eher zurückgenommene Darstellung; hier die leidenschaftliche Bewunderung 
des Lebens, dort die wissenschaftliche Obduktion eines Toten. Das ist gewiss 
nicht ganz falsch. Und ebenfalls richtig ist, dass der Germanist als Sachwalter 
der Texte auftritt und eine Mischung aus Lebensgeschichte und Werkbiografie 
vorgelegt hat.

Allerdings dürfen stilistische Vorlieben eine angemessene Würdigung der 
Leistungen nicht verhindern. Noch nie haben wir einen so tiefen Einblick in 
Jüngers Leben bekommen. Und schon sehr lange nicht mehr war über Ernst Jünger 
so viel Neues und Wissenswertes zu lesen - und das gilt für beide Biografien.


-- 
Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand
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