Liebe Jünger-Freunde, im "Marburger Forum" (Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9, 2008, Heft 1) erschien jüngst nachstehende Rezension zu Schwilks EJ-Biographie von Timo Kölling. Beste Grüsse rundum, Ihr / Euer tw
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Heimo Schwilk: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Die Biografie, Piper Verlag, München 2007. 623 Seiten, ISBN 978-3-492-04016-7, 24,90 »Ein Jahrhundertleben« nennt Heimo Schwilks Biographie die fast 103 Lebensjahre des Schriftstellers Ernst Jünger (1895-1998). Damit ist zweierlei - zweifelsohne Richtiges - behauptet. Zum einen: ein künstlerisch produktives, mit einem Lieblingswort Jüngers gesagt: »Gestalt« gewordenes Leben von solcher Erfahrungsfülle und -intensität ist im Deutschland des 20. Jahrhunderts selten, wenn nicht einmalig. Zum zweiten: wie kein anderes ist dieses Leben zum Ausdruck des Jahrhunderts selbst geworden, seiner inneren Entwicklung, seines Geistes wie seines Ungeistes. Vor allem letzterer Umstand - das Leben als Spiegel eines zwiespältigen und in vielerlei Hinsicht noch rätselhaften Jahrhunderts - dürfte für das stetig wachsende Interesse an Ernst Jünger hauptsächlich verantwortlich sein. Immerhin erstaunlich: wer heute noch, scheinbar einem oder dem »Zeitgeist« huldigend, Ernst Jünger als einen »umstrittenen« Autor kennzeichnet, ist offenbar bereits im »heillosesten« Sinne »von gestern«. So dubios das »Heil« auch sein mag, das der Geist der Zeit zu spenden beansprucht - es gäbe ja Gründe genug, immer dagegen zu sein -: in diesem einen Fall hat er zweifelsohne einmal recht. Denn es war und ist die Sprache der Gewalt, das heißt: die verheerendste aller Sprachlosigkeiten, die mythische, mit Beiwörtern wie »umstritten« etwas ein für allemal erledigen und in das böse Schweigen der Vergessenheit stoßen zu wollen. Gegenüber dieser offenbar jahrzehntelang vorherrschenden Stumpfheit die Sprache des Verstehens für etwas zu finden, das ja erst im Verstandenwerden seiner - falls vorhandenen - Gefahr beraubt würde, ist das zeitgemäße und rundum lobenswerte Anliegen der beiden fast zeitgleich im letzten Herbst erschienenen Jünger-Biographien. (Das Konkurrenzunternehmen von Helmuth Kiesel ist bereits vor einiger Zeit an dieser Stelle besprochen worden.) Was war überhaupt das »Umstrittene«? Zweifelsohne Ernst Jüngers sogenannte »Kriegs«- oder »Gewaltverherrlichung«. Ich selbst war siebzehn oder achtzehn - das ist noch gar nicht so lange her -, als ich zu »In Stahlgewittern« griff und mich auf ein kriegsverherrlichendes Buch freute. Es konnte gar nicht »umstritten« genug sein. Zu meiner Ernüchterung fand ich von dem Erhofften fast nichts. Hatten die Journalisten ein anderes Buch gelesen, oder am Ende überhaupt keines? Ich lag friedlich lesend auf einer Wiese, und war dann ganz froh, von einer solchen vom »Vaterland« angeordneten Schmutz-, Kot- und Vertierungsorgie verschont geblieben zu sein und voraussichtlich auch zu bleiben. Wem »In Stahlgewittern« noch nicht deutlich genug ist, der sollte zu John Kings Studie »Wann hat dieser Scheißkrieg endlich ein Ende?« greifen. Der »kriegsverherrlichende« Frontsoldat Ernst Jünger schrieb den Satz in eines der Notizbücher, auf die er bei der Niederschrift der »Stahlgewitter« zurückgegriffen hat. Im eigentlichen Sinne Kriegs- und Gewaltverherrlichendes - dann aber auch in einem Ausmaß, das heute befremden, ja erschrecken muß - verfaßte Jünger erst einige Jahre später, als er damit begann, sein schriftstellerisches Talent in fanatischer Weise dem »neuen Nationalismus« der Weimarer Rechten zur Verfügung zu stellen. Der junge, eigentlich aber schon nicht mehr ganz so junge Autor, der 1924 immerhin bereits in seinem dreißigsten Jahr stand, konnte dank des großen Erfolges von »In Stahlgewittern« damit rechnen, Gehör zu finden. Er entschied sich für ein Leben als freier Schriftsteller und wurde eine der Leitfiguren der radikalen Rechten, auch wenn sein Einfluß nicht überschätzt werden sollte. Die teilweise an Radikalität kaum zu überbietenden Aufsätze jener Jahre sind jahrzehntelang kaum zugänglich gewesen, denn Jünger nahm davon nur weniges, noch dazu stark überarbeitet, in die Werkausgaben auf. Erst 2004 sind die Texte gesammelt unter dem Titel »Politische Publizistik« wiederveröffentlicht worden. Sie bieten der Beschäftigung mit Ernst Jüngers Frühwerk ein hochinteressantes, kontroverses und freilich noch längst nicht abschließend durchmessenes Feld. So ist denn auch durchaus verständlich, daß beide Biographien den Schwerpunkt der Darstellung auf die Jahre zwischen den Weltkriegen legen - es gibt hier noch viel zu entdecken und zu deuten. Die beiden Biographen Heimo Schwilk und Helmuth Kiesel scheuen nicht davor zurück, den Autor, der einerseits von dem sprachlosen Stigma einer nicht weiter hinterfragten »Umstrittenheit« befreit und in seinem Rang als bedeutender europäischer Schriftsteller gewürdigt werden soll, andererseits mit dem ganzen Umfang seiner unentschuldbaren Äußerungen aus der Zeit des »neuen Nationalismus« zu konfrontieren, und posthum ihm die Frage zu stellen: Wie war das überhaupt möglich? Perspektive und Methode, die Schwilk und Kiesel aus dieser ihnen gemeinsamen Fragestellung gewinnen, könnten allerdings unterschiedlicher nicht sein. Helmuth Kiesel legt, wie vor einiger Zeit hier dargestellt, den Schwerpunkt seiner Analyse in überzeugender Weise auf die objektiven historischen Prozesse, in die das Subjekt immer schon eingebunden ist. Die neue Historiographie, so Kiesel mit Bezug auf die Zeit zu Beginn des ersten Weltkriegs, sei »genötigt, ein geradezu pathologisch wirkendes Szenarium zu beschreiben, in welchem in einem Klima der Unverantwortlichkeit ein ideologisch oder mentalitätsmäßig begründeter Zwang herrschte und einen Automatismus entstehen ließ, der die politischen Akteure (...) gleichsam zu Marionetten machte und große Teile der Bevölkerung applaudieren ließ.« Die ideologische Radikalität des frühen Ernst Jünger entspricht demnach einer hemmungslosen Ideologisierung des Lebens selbst, die geradezu als eines der Grundereignisse des 20. Jahrhunderts beschrieben werden kann. Heimo Schwilks »einfühlende« Darstellung findet demgegenüber die Antwort in einem Zug von Ernst Jüngers Persönlichkeit, welcher schon während der traumatischen Jahre als leistungsschwacher und undisziplinierter Schüler ausgeprägt gewesen sei: »Er liebt die Ordnung und durchbricht sie zugleich. Dieser Wesenszug wird bestimmend für sein weiteres Leben. Er bleibt letztlich immer der Einzelgänger, der Anarch, der sich nicht in eine Gruppe einbinden lässt.« (S.49) So werden der spätere Radikalismus, der Traum von der Nation als einer das Individuum aufhebenden Ganzheit, sowie der zur stilistischen Manier weiterentwickelte Drang zur teilnahmslosen Beobachtung des Widrigen, Brutalen und Obszönen psychologisch als Kompensationsprogramm entzifferbar, - ohne daß Schwilk dabei der »reduktionistischen« Versuchung der psychologischen Perspektive erliegt, auf billige Weise über ihren Gegenstand triumphieren zu wollen, indem sie ihn (tot-)erklärt. Schwilks Leistung ist es, psychologisch feinfühlig, und gerade darin über jeden bloßen Psychologismus erhaben, die mögliche Fruchtbarkeit gerade des Defekten, des vermeintlich Krankhaften, des Abnormen und gesellschaftlich Funktionsuntüchtigen aufzuzeigen. Ernst Jüngers »Fehler« waren auch seine »Tugenden«, ohne daß hier feinsäuberlich zu trennen wäre. Die »seelischen Verletzungen ... , die zugleich Voraussetzungen seiner Autorschaft sind: die Distanz, die Kälte, die Skepsis, der Beobachtungszwang« (S.513) - darauf kommt Heimo Schwilk immer wieder zurück. Gerade, so Schwilk, die »kühle, selbstschützende Distanz, die immer wieder als Gefühlskälte missverstanden wurde, wird ihn als Autor zu jenem teleskopischen Blick befähigen, mit dem es gelingt, die emotional dominierte Nahperspektive ins Phänomenale zu weiten.« (S.109) Derselbe Wesenszug, der dafür verantwortlich war, daß Jünger sich zeitweise an die Gewalt- und Umsturzphantasien des neuen Nationalismus verlor, hätte ihn demnach also auch befähigt, den neuen Nationalismus schrittweise zu überwinden - ein Prozeß, von dem die in dem Band »Politische Publizistik« gesammelten Aufsätze gleichsam Zeugnis ablegen. Es sind vor allem der Essay »Die totale Mobilmachung« von 1930 und das Buch »Der Arbeiter« von 1932, in denen - bei aller politischen Fragwürdigkeit im einzelnen und im ganzen - Ernst Jüngers Perspektive sich vom »Nationalen« ins »Phänomenale« weitet. Jünger entdeckt für sich die Prinzipien der Distanz zum Zeitgeschehen, der objektiven Erkenntnis. Während dieser Zeit entwickelt Jünger sich auch zum entschiedenen Gegner Hitlers und der Nationalsozialisten. An der scharfsinnigen Diagnose der Moderne, die die Texte dieser Zeit enthalten, hat Jünger auch später festgehalten; sie hat zudem entscheidend auf die spätere Technikkritik Martin Heideggers eingewirkt - und ist schon insofern in ihrer Bedeutung für die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts kaum zu überschätzen. Worunter Ernst Jünger einerseits litt - die sein ganzes Leben begleitende Erfahrung von Vereinzelung und Entfremdung -, war ihm andererseits zugleich ein notwendiger Schutzwall. Seine »Ich-Verschlossenheit« ermöglichte ihm ungeheure künstlerische Produktivität inmitten eines immer wieder neu als fremd und feindlich erfahrenen Jahrhunderts. In dieser »Lebensmelodie«, wie es an zwei oder drei Stellen etwas kitschig heißt, hat Heimo Schwilks Darstellung ihre erklärte Mitte. Die Ambivalenz der Eigenarten Jüngers wird zu keinem Zeitpunkt unterschlagen; die »Defekte« als Voraussetzung seines Künstlertums werden zu keinem Zeitpunkt heroisiert, werden vielmehr gerade auch in ihren Schattenseiten beschrieben. So liest Schwilk Ernst Jüngers Leben insgesamt als einen Prozeß der andauernden Selbstbehauptung gegenüber einer Kette von Gefährdungen, die den »Ich-Panzer« zu durchbrechen drohen. Dazu gehört die Erschießung eines Deserteurs, die Ernst Jünger im Jahr 1941 zu leiten hatte, und deren Hergang er in seinem Tagebuch scheinbar kühl beobachtend, in Wahrheit aber aufs äußerste verstört nachzeichnete. Dazu gehören auch der Tod des Sohnes Ernstel im Jahr 1944 und der Tod seiner ersten Frau Gretha im Jahr 1960, die mehr als jeder andere unter Ernst Jüngers »Ich-Verschlossenheit« zu leiden hatte, und die in Schwilks liebevoller Beschreibung als »eigentliche Heldin« (S.431) kenntlich wird. Aber freilich ist Heimo Schwilks Buch nicht nur Lebens-, sondern auch Werkgeschichte, auch wenn in ersterem seine eigentliche Stärke liegt. Die Schwergewichte sind deshalb anders verteilt als in Helmuth Kiesels Buch, dessen biographische Darstellung zugleich ein grandioses Ideenpanorama bietet. Das schöpferische Subjekt wird von Kiesel in brillanter Weise in die übergeordneten Zusammenhänge und Diskurse eingebettet, in denen es sich bewegt, und die es auf bewußte und unbewußte Weise sich aneignet und fortschreibt. Diese Art der Darstellung ist die zurecht in vollem Umfang gezogene Konsequenz der Einsicht, daß es nun einmal das künstlerische und denkerische Werk ist, worin dieses uns interessierende Leben sich vor allem manifestiert. Es gibt ja kein Leben als Gegenstand einer Biographie, das »an sich« erzählenswert wäre. Erzählenswert wird es erst durch die Bedeutung, die wir mit ihm verknüpfen. Das Leben, das uns etwas bedeutet, und das auf diese Weise sich als erzählenswert erweist, liegt niemals unmittelbar vor. Denn die Bedeutung, nicht das von ihr abstrahierte Leben ist das Unmittelbare. Das gälte sogar noch für den in der Realität nicht vorkommenden Fall ihrer schlechthinnigen Identität: dann wäre zwar das Leben, werklos, unmittelbar das Bedeutsame, aber eben nicht als Leben »an sich«, sondern als Bedeutung »für uns«. Es waren vor allem die beiden Fassungen seines Buches »Das abenteuerliche Herz« (1929/38) und der allgemein als »Widerstandsroman« und als Zeugnis der »inneren Emigration« anerkannte Roman »Auf den Marmorklippen« (1939), worauf Ernst Jünger nach 1945 aufbauen konnte, um seinen Ruf als deutscher und europäischer Schriftsteller zu befestigen und auszubauen. Nachdem die Schranken des Publikationsverbots gefallen waren, veröffentlichte er unter dem Titel »Strahlungen« die während des zweiten Weltkriegs entstandenen Tagebuchaufzeichnungen, die seinen Weg zum »Glauben«, zur »neuen Theologie« dokumentieren. Nach dem utopischen, von theologischen und geschichtsphilosophischen Motiven durchzogenen Roman »Heliopolis« folgte während der fünfziger Jahre eine Reihe geschichtsphilosophischer Essays, die zum Teil als direkte Fortsetzung des »Arbeiters« von 1932 gedacht sind. Auch weitere Erzählungen werden veröffentlicht, so der mystische, von Drogenexperimenten beeinflußte »Besuch auf Godenholm«. Von 1959 bis 1970 gab Jünger zusammen mit dem rumänischen Religionswissenschaftler Mircea Eliade die Zeitschrift »Antaios« heraus. Als eigentliches Hauptwerk des späten Ernst Jünger gelten die den Zeitraum von 1965 bis 1996 umfassenden Tagebücher »Siebzig verweht«, mit denen er seinen Ruf als »Begleiter des 20. Jahrhunderts« befestigte. Mit seinem Spätwerk »Die Schere«, der Summe seiner »neuen Theologie«, gewann er sogar die Aufmerksamkeit von Papst Johannes Paul II.. Ernst Jüngers »letztes Werk« war kein Buch, sondern die - erst nach seinem Tod bekannt gewordene - Konversion zur katholischen Kirche, im Alter von 101 Jahren. Heimo Schwilk beschreibt Ernst Jüngers Weg nach 1945 zurecht als einen »Sonderweg«, der Folge seines Selbstverständnisses als »mystischer Dichter« sei. Als solcher »versuchte Ernst Jünger, die Gegenwart des Mysteriums sichtbar zu machen durch Naturbilder, Gleichnisse, Verweise. Sein ganzes Werk keist um die Frage nach dem élan vital, nach jener Kraft, die das Lebendige in immer neuen Formen schafft.« (S.16) Indem er mit seinem Werk Unvergängliches zu bezeugen sucht, »meldet Jünger seinen Anspruch an, mehr als nur ein Schriftsteller zu sein: Er sieht sich selbst als Protagonisten einer priesterlichen, apokalypseresistenten Kunst. Dass ihn dies zum Außenseiter einer Literaturszene machen muss, die mit Autoren wie Heinrich Böll, Martin Walser, Helmut Heißenbüttel und Günter Grass dabei ist, sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit der prosperierenden Bundesrepublik mit sozialkritischen, psychologischen, sprachexperimentellen oder satirischen Mitteln zu nähern, kann auch ihm selbst nicht verborgen bleiben. Seine Autorschaft versteht sich nicht als littérature engagée, er will die Welt nicht zeigen, wie sie sein soll, sondern wie sie ist.« (S.491) Dem »Mystischen« gilt Schwilks Faszination. Hier aber zeigt sich leider die große Schwäche des Buches: sie liegt im Theoretischen, im Begrifflichen. Sobald an die Stelle des von der Bedeutung abstrahierten Lebens das für uns unmittelbar Bedeutsame, das Werk, zu treten hat, erliegt Schwilk seiner größten Gefahr: der Phrase. Sie verdirbt viel. Wann immer von der »Gewissheit, dass das Leben ein Geheimniszustand sei« (S.15), die Rede ist, von Ernst Jüngers Frage »nach jener Kraft, die das Lebendige in immer neuen Formen schafft« (S.16), von »Gestalten von zeitloser Gültigkeit«, in denen sich »für ihn die mythische Tiefenstruktur der Geschichte« manifestiere (S.235), vom »Unaussprechlichen« als »Mysterium des Absoluten« (S.453), wann immer ein »magischer Innenraum der Seele« beschworen wird, »wo die verborgene Harmonie der Dinge aufscheint« (S.312) - es bleibt bei bloßem Phrasengeklapper, bei abstrakten Wortgespenstern, kein einziger Inhalt wird von innen heraus entwickelt, nachgezeichnet, in seinem Werden dargestellt und verständlich gemacht. Das ist umso befremdlicher, als »Einfühlung« hier ja der Universalschlüssel zu sein behauptet. Vor dem Werk versagt sie offenbar peinlich, und das ist kein Wunder: denn in Gedanken kann man sich nicht »einfühlen«. »Intuition« nennt sich das beliebte Surrogat, auf das sich auch Schwilk beruft. Wenn aber Ernst Jünger »jene Intuitionen ... , mit denen sich die kriegerische Philosophie ins Ganzheitlich-Kosmische weiten lässt«, hat walten lassen - sein Biograph darf es noch lange nicht. Denn er hat, worin Ernst Jünger sich als in seinem Element bewegte, Gedanke und Sprache werden zu lassen. Bei Heimo Schwilk wird daraus das leere Postulat eines Mitvollzugs, der ob seiner Gedankenarmut gar nicht anders kann, als dauernd sich seiner schlechthinnigen Irrationalität zu versichern. Es liegt in der Natur der Phrase, keine Grenzen des Verständnisses anerkennen zu können. Von dem Ernst Jünger, der uns auf den Seiten dieses Buches zweifelsohne sehr menschlich entgegentritt, ist nichts zu lernen, weil wir alles schon wissen. An seinen Werken gibt es nichts zu verstehen, weil - dem Leser schmeichelnd - alles schon verstanden ist. Der Begriff der »Gestalt« ist ein gutes Beispiel. Während Helmuth Kiesel immer wieder auf ihn zurückkommt, ihn als eines der Grundwörter Ernst Jüngers kenntlich macht, ihn problematisiert, einordnet, befragt, vor allem aber: betont, daß dieser wichtige Begriff zu den noch unaufgehelltesten Elementen des jüngerschen Werkes gehört, glaubt Schwilk, mit zwei Sätzen ihn »in der Tasche« zu haben: »Mit der Gestalt ist ein die Wirklichkeit organisierendes Prinzip gemeint, das alles durchdringt und einem einheitlichen Stil unterwirft: Gestalten können nicht begriffen, sie können nur gesehen werden.« (S.354) Damit ist das Wort für Schwilk »erledigt«. Zahlreiche weitere Beispiele ließen sich anführen. Anstatt zu zeigen, welche Stellung das Postulat einer »totalen Mobilmachung« in Ernst Jüngers Gedankenwelt zu Anfang der dreißiger Jahre einnimmt, woran es anschließt, und wohin es führt, begnügt Schwilk sich mit der Feststellung, Jünger bringe »die Bewegungsprinzipien des 20. Jahrhunderts auf eine prägnante Formel - eine Fähigkeit, die auch seine weiteren geschichtsphilosophischen Arbeiten auszeichnen wird«. (S.352) Als müsse jeder Leser sofort bescheid wissen, müsse wissen, was »die Bewegungsprinzipien des 20. Jahrhunderts« sind. Es ist Heimo Schwilks »Masche« - es ist wirklich eine -, sich die Arbeit des Denkens zu ersparen, indem er sich und dem Leser ein Verständnis suggeriert, das an vielen Stellen bloß behauptet, nicht realisiert wird. Nur eine einzige Stelle sei noch zitiert. Schwilk versucht hier Jüngers Begriffe des »Ungesonderten« und der »Annäherung« näher zu bestimmen. Mit dem »Ungesonderten«, so Schwilk »ist etwas Grund-Legendes gemeint, etwas, das hinter alle Sonderungen zurückgreift und für das Jünger weitere Begriffe wie das Unvermessene, das Namenlose, das Unfaßbare oder das Eine geprägt hat. Er stellt sich damit in die Tradition des Plotinismus, der den göttlichen Geist als Urgrund begreift, aus dem alle Erscheinungen hervorgehen. Es gehört zur Methodik der Stereoskopie, sich dieses Ungesonderte als etwas Bildhaftes, als optisches Phänomen vorzustellen. Dieser Optik eignet jedoch immer auch eine temporale Qualität, das Wahrgenommene wird aus dem Zeitfluss gelöst und angehalten, wobei das Abbild für einen blitzartigen Moment den Blick auf sein Urbild freigibt. Diesen Vorgang der Überblendung von Oberfläche und Tiefe nennt Jünger Annäherung, ein transzendentaler Vorgang, weil er hinter die Erfahrung, hinter die Kategorien von Raum und Zeit zurückgreift. Annäherung beschreibt religiöse und künstlerische, aber auch existenzielle Erfahrungen - letztlich das Mysterium des Todes.« (S.504) Hier zeigt sich deutlich das trügerische Gesicht der Phrase: nichts an ihr ist falsch, und trotzdem scheppert es an allen Ecken und Enden. Nun könnte man sagen, daß zwischen Heimo Schwilk und Helmuth Kiesel eine Art unbewußte Arbeitsteilung stattgefunden hat. Das Wissenschaftliche, Theoretische, Begriffliche sei eben eher die Sache des Germanisten Kiesel, das Einfühlsame, Menschliche, Lebensnahe dagegen die Sache des Journalisten Schwilk. Diese Rechnung geht aber nicht restlos auf. Um nur ein Beispiel zu geben: im ersten Kapitel spricht Schwilk von Jüngers Überzeugung, »dass der Tod nur eine Durchgangspforte sei und hinter der Zeitmauer eine Widerbegegnung mit den Verstorbenen stattfinden werde« (S.24). Bei dieser Gelegenheit schildert Schwilk einen Traum Ernst Jüngers, der auch in Helmuth Kiesels Buch Erwähnung findet. »Da wird plötzlich die Tür zu seinem Schlafzimmer aufgestoßen. Zwei kräftige Burschen treten ein und bieten ihm mit roten Kaviar belegte Brote an. Dann betritt Jünger das Badezimmer und sieht mit Entsetzen seine vor Jahrzehnten verstorbene Frau Gretha in einem Badezuber liegen. Das Wasser reicht ihr bis zum Mund. Jünger reißt sie aus dem Wasser und beginnt sie wie eine Ertrunkene zu beatmen.« Es ist der Wissenschaftler Kiesel, der jetzt Feingefühl beweist und die noch folgende Traumszene schlicht »erschütternd« nennt. Mehr bedarf es wirklich nicht. Schwilk hingegen macht mit einem völlig unpassenden literarischen Vergleich alles kaputt: »Bald schlägt sie zu seiner Freude die Augen auf. Er sagt: Ich will dich wärmen, komm ins Bett. Sie aber lockt ihn wie die Nixe in Goethes Ballade vom Fischer in ihr Reich und verheißt dort eine Wiederbegegnung mit dem im Krieg gefallenen Sohn Ernstel: Komm du zu mir. Dort ist auch der Sohn.« Hier - wie an einigen anderen Stellen - wirkt die Kommentierungswut, im Theoretischen die Folge des selbstgenügsamen Scheinverständnisses der Phrase, auch auf jene »menschliche« Sphäre zurück, in der doch eigentlich tatsächlich - das sei zum Abschluß noch einmal hervorgehoben - die Stärke dieses lesenswerten Buches liegt. Timo Kölling -- Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand Waldhof Tiefendorf Tiefendorfer Str. 66 58093 Hagen-Berchum 02334-502826 http://www.waldgaenger.de/fragebogen.html USt-IdNr.: DE251720280 unsere Angebote (ZVAB, AbeBooks, Amazon, Booklooker, Antbo, Antiquario, Antikbuch24, Guthschrift, Buchfreund und Allstores) finden Sie hier: http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/gp/registry/IBSBOT1B0 Yahoo! 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