Hallo!

Hier die ersten Antworten von Rolf. Er hatte es zwar auch CC an die 
Liste geschickt, aber das funktioniert ja nicht von aussen, deshalb 
nochmal von mir. Interessant sind vielleicht noch ein paar Nachfragen 
zum Finanzierungsmodell. Habt ihr sonst noch Ideen? Er benutzt ein paar 
Fachwörter, aber die können wir einfach verlinken, denke ich und müssen 
die nicht im Interview extra ausklamüstern.

Grüße, Benni

-------- Original-Nachricht --------
Betreff:        Re: Interview
Datum:  Mon, 12 Nov 2007 19:09:47 +0100 (CET)
Von:    Rolf Sander <[EMAIL PROTECTED]>
An:     Benni Bärmann <[EMAIL PROTECTED]>
CC:     [email protected]
Referenzen:     <[EMAIL PROTECTED]>



Hallo Benni,

> unsere Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen.

Äh, wie du siehst, bin ich auch nicht besonders schnell :-(

> Mal gucken, wie oft es hin-und-her-geht, ich werd dann am Schluß
> nochmal eine Zusammenfassung machen mit Vorspann und so und die von
> Dir autorisieren lassen.

Ja, das klingt gut. Hier sind schon einmal ein paar Antworten:

> Achja, nochwas. Hast Du vielleicht ein Foto von Dir was wir dazu 
> veröffentlichen können? Möglichst schon digital natürlich.

Hmm. Ich werde mal was passendes heraussuchen...

> - Seit wann gibt es das Projekt, wie kam es zur Gründung und was ist
> das Hauptziel?

Unsere Zeitschrift "Atmospheric Chemistry and Physics" (ACP) gibt es
seit 2001. Bei der Gründung kamen 2 Ideen zusammen: Erstens wollten wir
eine open access Zeitschrift, und zweitens wollten wir mehr Transparenz
im Gutachterprozess. Ich nehme an, mit open access kennt ihr euch ja gut
aus. Aber bei dem traditionellen Gutachterprozess in den
Naturwissenschaften vielleicht nicht. Also hier ein paar Infos, wie es
bisher war:

1) Der Autor reicht ein Manuskript ein.
2) Der Editor sendet es an ca. 2 anonyme Gutachter.
3) Diese schreiben Gutachten, die nur der Editor und evtl. der Autor zu
    sehen bekommen.
4) Der Editor entscheidet, ob das Manuskript publiziert oder abgelehnt
    wird.

Bei ACP dagegen sind die Gutachten und auch das ursprüngliche Manuskript
öffentlich. Dadurch wird verhindert, dass nichtwissenschaftliche Aspekte
eine Rolle spielen bei der Bewertung des Manuskriptes. Schliesslich
traut sich nur selten jemand, öffentlich dubiose Behauptungen
aufzustellen. In nichtöffentlichen Briefen zwischen Editoren,
Gutachtern, und Autoren ist das schon eher möglich.

> - Wie funktioniert das Projekt praktisch, kannst du einen normalen
> Ablauf beschreiben?

Vom Einreichen des Manuskriptes bis zur Veröffentlichung des endgültigen
Artikels passiert Einiges. Das ist hier recht ausführlich beschrieben:

http://www.atmospheric-chemistry-and-physics.net/review/index.html

> Was läuft gut, was weniger gut?

ACP ist inzwischen sehr gut angenommen in den Atmosphärenwissenschaften.
Dies zeigt sich zum Beispiel an dem hohen "Impact Factor", der zur Zeit
bei 4.362 liegt.

Ein Problem ist im Moment, dass wir sehr viele Manuskripte zugeschickt
bekommen, und nicht in jedem Fall schnell ein Editor dafür zur Verfügung
steht.

> - Seht ihr euer Projekt als Teil von etwas Größerem, dass vielleicht
> auch irgendwann einmal in anderen Bereichen der Gesellschaft
> Veränderungen herbeiführen könnte?

In den Naturwissenschaften geht der Trend (langsam aber sicher)
eindeutig zu open access. Ob das auch auf andere Bereiche der
Gesellschaft zutrifft, kann ich nicht sagen.

> - Plant ihr den weiteren Ausbau des Projektes?

2001 haben wir in den Atmosphärenwissenschaften mit ACP angefangen, und
seitdem sind von der Europäischen Geophysikalischen Union (EGU) noch
etliche weitere Zeitschriften hinzugekommen, die nach dem gleichen
Prinzip arbeiten. Siehe:

http://www.copernicus.org/EGU/publication_overview.html#OpenAccessJournals

> - Wie kann man sich an eurem Projekt beteiligen?

Alle Atmosphärenwissenschaftler können sich beteiligen, indem sie als
Autor Manuskripte einreichen, oder als Gutachter diese eingereichten
Manuskripte bewerten.

> - Habt ihr Kooperationen mit anderen Open-Access-Zeitschriften?

Mit den anderen Zeitschriften der EGU (siehe oben) arbeiten wir eng
zusammen. Schon alleine deshalb, weil wir ja auch alle beim selben
Verlag sind (Copernicus-Verlag).

> - Wie seht ihr insgesamt die Entwicklungstendenz von Open Access?

Ich denke, es ist ein zwar langsamer Prozess, der aber einmal begonnen
wurde und jetzt nicht mehr aufzuhalten ist. Zuerst waren einige Autoren
skeptisch, weil sie für die Veröffentlichung ihrer Arbeit zahlen müssen
(bei einigen Zeitschriften, die über Bibliotheks-Abos finanziert werden,
kann man kostenlos veröffentlichen). So langsam aber wird allen klar,
dass das Geld, das die Bibliotheken dadurch sparen, auch der Forschung
wieder zugute kommen kann.

> - Gibt es Reaktionen von konventionellen Zeitschriften auf euch oder
> auf Open Access allgemein?

Einige versuchen, als Trittbrettfahrer auf den rollenden Zug
aufzuspringen, zum Beispiel mit dem "open-choice" Modell. Das scheint
mir aber nicht sehr Erfolg versprechend zu sein.

> - Hat eure Zeitschrift oder Open Access allgemein das Klima in der
> Wissenschaftlergemeinde verändert? Wenn ja, wie? Gibt es mehr
> Konkurrenz oder weniger? Mehr Zusammenarbeit oder weniger?

Es ist vielleicht noch zu früh, das zu beantworten. Aber ich glaube, es
ist mit open access einfacher, auch Wissenschaftler aus
Entwicklungsländern mit einzubeziehen, die zwar einen Internetanschluss
haben, aber nicht das Geld, teure Zeitschriften zu abonnieren.

> - warum sind im Diskussionsforum nur so verdammt wenige Beiträge?

Man darf das nicht mit dem "typischen" Internet-Forum vergleichen,
sondern mit dem, was in den Wissenschaften sonst üblich war. Früher
schrieben in der Regel zu jedem Manuskript 2 Gutachter ihre Meinung.
Auch in ACP gibt es oft nur 2 Kommentare. Aber alles, was darüber
hinausgeht, ist bereits eine Verbesserung der wissenschaftlichen
Diskussion im Vergleich zu vorher.

                 Viele Grüße
                       Rolf
-- 

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          A new journal, a new concept: www.atmos-chem-phys.org
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