1. Dezember 2008
Ort: IFK
Zeit: 18.00 Uhr c. t.
Vortrag
ANDREAS KRASS
DIE WAHRHEIT ÜBER DAS GESCHLECHT. ENTHÜLLUNGEN IN DER "MELUSINE" THÜRINGS VON
RINGOLTINGEN
Ein Ritter heiratet eine Meerfrau, sie schenkt ihm Herrschaft, Söhne und
Burgen; dies aber unter der Bedingung, dass er sie samstags nicht im Bad
besucht. Die Treue seiner Frau bezweifelnd, bricht er das Tabu und späht durchs
Schlüsselloch - um zu entdecken, dass ihr Unterleib einer Schlange gleicht. In
diesem spätmittelalterlichen Roman, der "Melusine" Thürings von Ringoltingen
von 1456, enthüllt des Gatten Blick auf seine nackte Frau, dass, mit Jacques
Lacan gesprochen, die Frau der Phallus ist, den der Mann hat. Denn ihr verdankt
der Ritter Herrschaft, Burgen und Söhne - die kulturellen Attribute seiner
Männlichkeit.
Meerfrauen - die Sirenen der Antike, Melusinen des Mittelalters und Undinen der
Neuzeit - sind Embleme emphatischer Weiblichkeit. Zugleich sind ihre
Geschichten Parabeln des Verstehens von Texten, das immer schon zum Scheitern
verurteilt ist. Denn wer dem Gesang der Sirene begegnen will, muss sich die
Ohren verstopfen (auf das Verstehen verzichten) oder an einen Mast binden
lassen (auf seinem Standpunkt beharren), wenn er sich nicht an ihn verlieren
will.
Andreas Kraß ist seit 2004 Professor für Ältere Deutsche Literatur an der
Goethe-Universität Frankfurt am Main. Promotion und Habilitation an der LMU
München. Forschungs- und Lehraufenthalte in Konstanz, Zürich, New York und
Seattle. Stipendien des DAAD, der DFG, der Humboldt-Stiftung und der Max Kade
Foundation. Er ist IFK_Senior Fellow.
Publikationen (u. a.): gem. mit Thomas Frank (Hg.), Tinte und Blut: Politik,
Erotik und Poetik des Martyriums, Frankfurt/Main 2008; Geschriebene Kleider:
Höfische Identität als literarisches Spiel, Tübingen 2006; (Hg.), Queer denken:
Gegen die Ordnung der Sexualität, Frankfurt am Main 2003; gem. mit Alexandra
Tischel (Hg.), Bündnis und Begehren: Ein Symposium über die Liebe, Berlin 2002;
Stabat mater dolorosa: Lateinische Überlieferung und volkssprachliche
Übertragungen im deutschen Mittelalter, München 1998.
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