Hi,

Herr Schneier [1] hat einen ausgesprochen interessanten Link auf ein
NSA Security Advisory [2] verteilt, das sich direkt auf die Solarwinds
Orion Problematik bezieht und wegen des sehr spezifischen Fokus auf
doch sehr direkt benannte on-site SSO-Systeme und deren Anbindung an
Cloud Systeme einige interssante Anhalts-Punkte bietet.

Ich greife mal einige Anteile heraus.

> In the first TTP, the actors compromise on-premises components of a
> federated SSO infrastructure and steal the credential or private key
> that is used to sign Security Assertion Markup Language (SAML)
> tokens.

Da waren offenbar mehrere (ob Solarwinds auch oder nur deren Kunden
ist hier für die Überlegung irrelevant) nicht in der Lage, eine selbst
betriebene Komponente sicher zu betreiben - bitter, wenn es sich dabei
um _den_ Trust-Anchor für die komplette eigene Infrastruktur handelt.

Wenn ich an mein kürzliches Erlebnis mit einer mittelständigen Bank
denke, die einzelne Systeme mit LDAP ohne TLS an das AD angeschlossen
hatte, vermutlich eher der Standard. Ob mein damaliger Bericht
diesbezüglich korrekt bearbeitet wurde, kann ich nicht bewerten; wenn
ich aber gefragt werden würde, vermutete ich angesichts des völligen
Unverständnisses der Verantwortlichen über die Auswirkungen eines
solchen Aufbaus eher, daß nicht.

> Microsoft Active Directory Federation Services (ADFS)® is an
> identity federation technology used to federate identities with
> Active Directory (AD)®, Azure Active Directory (AAD)®, and other
> identity providers, such as VMware Identity Manager.

Jetzt wissen wir auch, welche Systeme hauptsächlich angegriffen
werden. Daß die Firma Winzigweich als eine der ersten bereits vor
einer Woche dazu ausführlich ein Advisory publizierte [3], stützt
diese meine Vermutung.

> By abusing the federated authentication, the actors are not
> exploiting a vulnerability in ADFS, AD, or AAD, but rather abusing
> the trust established across the integrated components.

Na ja. Ob ich diesem Abstreiten folgen möchte, weiß ich nicht.
Unstrittig gehören die Bediener und Nutzer mit zum System. Ich
selbst habe noch kein AD aufgesetzt, wenn ich aber beobachte, wie
zusammengeschustert die AD-Systeme bei meinen Kunden aussehen, ist es
offenbar nicht trivial.

Man muß sich schon die Frage stellen, ob ich als größerer Software-
Vendor eine Beurteilung der Komplexität meiner Produkte iVm der
marktüblichen Fachkompetenz vornehmen müsste. Ich kann auch nicht
kleinen Kindern hochperformante Elektrofahrräder für deren Schulweg in
die Hand drücken und dann, wenn sie sich dabei aus Versehen tot
gefahren haben, rechtfertigen, daß sei ja gar nicht mein Produkt
gewesen, sondern ein Bedienerfehler.

Ich bin mir noch unschlüssig, aber aus dem Bauchgefühl heraus waren
die Sicherheitsvorfälle mit den heftigsten Auswirkungen in den letzten
Jahren alle mit entweder Microsoft Active Directory, Microsoft
Exchange oder Microsoft SMB verbunden.

> Due to the popularity of ADFS, numerous actors target ADFS, as well
> as other identity providers trusted by ADFS (T1199),to gain access
> to cloud services,such as Microsoft Office 365.

Nur wegen deren Popularität oder vielleicht auch wegen des Mismatches
der Komplexität der AD Federation und der Kompletenz der Bediener? Ich
habe mal eine AWS-Umgebung an das AD eines Kunden angeschlossen, das
war ein entsetzliches Hin-und-Her, weil ich erst im dreiunddrölfigsten
Versuch und nach Eskalation an deren Team-Lead die paar Parameter, die
ich zur Einrichtung brauchte, bekommen hatte und sich danach niemand
die Mühe machen wollte, daß mit mir ordnungsgemäß zu testen.

Ich kann nicht Leuten "nur zur Selbstverteidigung" eine Knifte in die
Hand drücken, wissend, daß die Mumpel mit hoher Wahrscheinlichkeit in
deren eigenen Fuß (unangenehm wegen der Knochen) oder im A... (wenig
problematisch, meistens nur Fleischwunde, es sei denn bei Treffer
Zielmitte) landen wird. Oder in anderen Unbeteiligten ...

> Consider using Azure Active Directory as the Authoritative Identity
> Provider
>
> By consolidating identity and access natively in the cloud, tenants
> relieve themselves from the burden of managing the federation of
> authentication and the on-premises service, and gain more of the
> protections that the cloud provider has in place, including system
> hardening, configuration and monitoring. The drawback of doing this
> is that SSO may not work across on-premises and cloud resources and
> the tenant must trust the cloud provider to host user credential
> information.

Schöner Abschluß: Kunden sind zu doof, Software zu betreiben (nix
Neues). Dann gebt das lieber in die Cloud, selbst wenn das bedeuten
würde, daß Ihr die Fähigkeit on-premises völlig verliert, und dem
Cloud-Provider vertrauen müßt.

Ausgesprochen unangenehm finde ich nun, daß es die NSA ist, die dieses
Advisory verteilt. Der letzte Absatz klingt für mich fast schon, als
sei die Aussage "liefert Euch lieber uns aus als den Russen oder Nord-
Koreanern".

Ich möchte einen Punkt meiner Ausführungen aus dem November auf-
greifen, weil ich Christians Frage, ob es Keycloak auch "as a Service"
gebe, im Fokus meines Vortrags zu eng aufgefaßt habe. Ich kenne zwar
immer noch nicht "Keycloak as a Service", die ganzen Cloud Identity-
Systeme gibt es natürlich sehr wohl "as a Service". Im Hintergrund
verwenden die auch entweder SAML oder OAuth2/OIDC.

Ungeachtet dieser Korrektur bleibe bei meiner Haltung, die ich auch
bei meinem Vortrag im November geäußert habe: Authn & Authz gehören
dann nicht in fremde Hände, wenn die Informationen, die ich damit
schütze, mehr als nur oberflächlich schutzwürdig sind. Dann muß ich
halt zu diesem Zweck Kompetenz beschaffen und vorhalten.

Wenn der Deckungsbeitrag das nicht her gibt, dann ist die Schutz-
würdigkeit wahrscheinlich doch nicht so hoch.

Euch allen viele Grüße und eine angenehme Weihnachtszeit,
--
Christopher

[1]: https://www.schneier.com/
[2]: 
https://media.defense.gov/2020/Dec/17/2002554125/-1/-1/0/AUTHENTICATION_MECHANISMS_CSA_U_OO_198854_20.PDF
[3]: 
https://blogs.microsoft.com/on-the-issues/2020/12/13/customers-protect-nation-state-cyberattacks/


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