COMPLICITY. Wie können Hacker & Journalisten, Amateure & Profis, Piraten & Kapitalisten zusammenarbeiten? Berliner Gazette-Jahreskonferenz | Public Talks | 9. November SUPERMARKT, Brunnenstr. 64, Berlin http://berlinergazette.de/complicity
LABORBERICHTE | 10:00 Öffentlich frei zugängliche Matineé mit Präsentationen der Ergebnisse aus den drei COMPLICITY-Workshops: Amateure & Profis, Piraten & Kapitalisten, Hacker & Journalisten. MITTAGSPAUSE | 12:00 ÖFFENTLICHER AUFTAKT | 13:30 Begrüßung: Thorsten Schilling (Bundeszentrale für politische Bildung/bpb), Krystian Woznicki (berlinergazette.de) ERÖFFNUNGSVORTRAG: Was ist Komplizenschaft? | 14:00 Occupy, Commons und andere soziale Experimente zeigen: Auf der ganzen Welt werden neue Formen der Zusammenarbeit erfunden und ausprobiert. In ihrem Einführungsvortrag zeigt Gesa Ziemer, Professorin für Kulturtheorie und kulturelle Praxis, dass die Umdeutung alter Formen gemeinschaftlichen Handelns eine wesentliche Rolle spielen kann. Der Blick auf Komplizenschaften in Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft legt eine solche Form aktueller Kollektivierung frei. Basierend auf ihrem aktuellen Buch "Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf Kollektivität" schlägt Ziemer ein neues Verständnis des Begriffs vor, der bisher vorrangig mit kriminellen Aktivitäten in Verbindung gebracht wird: Man hat eine Idee, macht einen Plan und setzt die Sache dann mit einem Komplizen um. Ziemer begreift das Illegale weder als Endstation des Denkens, noch als moralische Grenze des Handelns. Stattdessen erkundet sie neue Potenziale kollektiver Handlungen – besonders in innovativen Umgebungen. Entstehen aus einer Komplizenschaft heraus unerwartete Lösungen für bestimmte Probleme? Hat Komplizenschaft damit einen Nutzen für die ganze Gesellschaft? Input: Prof. Gesa Ziemer (HafenCity Universität, Hamburg) Moderation: Ela Kagel (Gründerin, SUPERMARKT, Berlin) HACKER & JOURNALISTEN: Die Welt informieren oder reformieren? | 15:15 Schätzungsweise 20 bis 30 Billionen US-Dollar sind im Ausland versteckt. Das entspricht der Summe des wirtschaftlichen Aufkommens der USA und Japans. Das Recherche-Projekt „Offshore Leaks“ hat sich dieser Schieflage angenommen und im April 2013 Details über 130.000 Offshore-Konten aufgedeckt. Der Bericht wurde vom Internationalen Konsortium der Investigativen Journalisten (ICIJ) herausgegeben, die weltweit mit 86 Journalisten aus 46 Ländern waren kooperierten, um die Serie von investigativen Berichten zu erstellen. Die Untersuchung basiert auf 2,5 Millionen geheimen Berichten über die Offshore Assets von Menschen aus 170 Ländern und Gebieten. Kurz: Es ist eines der Investigativ-Projekte unserer Zeit, eine bahnbrechende Zusammenarbeit von Journalisten und Programmierern. Was können wir von diesem Fall über Komplizenschaft lernen? Welche Reformen löst sie in der Welt der traditionellen Medien aus? Zwei Insider dieses Projekts teilen ihre Einblicke und Überlegungen. Vortrag: Stefan Candea (Journalist, thesponge.eu & crji.org, Bukarest) Antwort: Sebastian Mondial (Daten-Journalist, NDR.de, Hamburg) Moderation: Marlis Schaum (Köln) AMATEURE & PROFIS: Übernehmen jetzt kreative User das Ruder? | 16:15 Eine Software, die ihren Nutzer ermöglicht mit der künstlichen Gesangsstimme einer futuristischen Diva zu singen, begeistert ganze Menschenmassen in Asien. Sie heißt Hatsune Miku und wurde 2007 in Japan auf den Markt gebracht. Als singende Synthesizer-Applikation, humanoide Persona und Avatar zugleich ist sie inzwischen bekannter als menschliche Idole und ist dabei fast vollständig ein Produkt ihrer Nutzer und Fans: Die haben zwischen Singapur und Tokio mittlerweile über 100.000 Songs und über 400.000 Videos im Namen von Hatsune hervorgebracht. Diese Explosion von Kreativität wird durch freie Lizenzen, soziale Netzwerke beflügelt und einer hochproduktiven Fan-Kultur. Ist das ein Modell für die Zukunft der kreativen Arbeit, in der Amateure und Profis interagieren? Wo liegen die Grenzen dieses Modells? Vortrag: Prof. Mitsuhiro Takemura (Gründer, SMAL.jp, Sapporo) Antwort: Valie Djordjevic (Redakteurin, iRights.info, Berlin) Moderation: Lilian Masuhr (Berlin) KAFFEEPAUSE | 17:15 PIRATEN & KAPITALISTEN: Einfach die Wirtschaft neu erfinden? | 17:45 Mit Technologien wie Internet und Verschlüsselung wird Geldverkehr ohne Banken möglich. Für die Durchführung von finanziellen Transaktionen ohne Kommission gibt es inzwischen Bitcoin. Aber Bitcoin ist immer noch eine Blase, die darauf baut, dass andere sich darauf verlassen, dass Bitcoin noch lange verwendet wird. Ein Vorschlag zur Lösung dieses Problems ist Opentabs. Es ist ein „Ich schulde dir etwas“-System (IOU für engl. „I owe you“), das nur auf dem Vertrauen jener basiert, die an einer Transaktion beteiligt sind. Es ist kein Dritter zwischengeschaltet. Opentabs versteht sich als ein Buchhaltungswerkzeug, das bei der Abschreibung der IOUs hilft. Als Werteinheit für diese IOUs können Bitcoins, Euro oder andere Dinge wie Bier (im Sinne von „Ich schuld dir ein Bier“) genutzt werden. Wie verändern sich soziale Beziehungen, wenn Vertrauen zur Basis alltäglicher Austauschprozesse avanciert? Ist es sogar im Zuge dessen möglich, die Wirtschaft zu transformieren? Bietet Graswurzel-Banking à la opentabs ein nachhaltiges Modell für die Finanzierung von Graswurzel-Produktionen im Bereich von Kultur und Wissen? Vortrag: Michiel de Jong (Programmierer, opentabs.net, Amsterdam) Antwort: Eleanor Saitta (Forscherin, IMMI, Seattle) Moderation: Marlis Schaum (Köln) ABSCHLUSSDISKUSSION: Welche Regeln braucht Komplizenschaft? | 18:45 Unsere Zeit wird von soziokulturellen Kämpfen geprägt. So prallen immer häufiger unterschiedliche Welten aufeinander und gehen miteinander teils überraschende Allianzen ein. Dabei verfügen sie über ganz unterschiedliches Kapital: Kommerzielle Akteure und Unternehmensverbände haben große finanzielle Mittel. Zivile Aktivisten haben sich einer „guten Sache“ verschrieben. Forscher hingegen erreichen ihren diskursiven Expertenstatus über die neutrale Einschätzung von Fakten. Wenn diese drei Akteure Koalitionen bilden, um ein gemeinsames Ziel voranzubringen, kann das Resultat auch weniger als die Summe seiner Teile werden. Komplizenschaft zwischen diesen verschiedenen Akteuren kann die Glaubwürdigkeit der Beteiligten untergraben. Was sind akzeptable, was sind notwendige Kompromisse einer grenzübergreifenden Koalitionsbildung? Gibt es Alternativen zur Komplizenschaft? Was bedeutet Verantwortung in diesem Zusammenhang? Wie kann eine Ethik der Komplizenschaft aussehen? Welche Standards und welche Werte können Komplizenschaften tragfähig machen? Vortrag: Leonhard Dobusch (Wissenschaftler, Freie Universität Berlin) Antwort: Janina Sombetzki (Philosophin, Universität Kiel) Moderation: Lilian Masuhr (Berlin)
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