Hallo,
letztes Wochenende wurde die Ausstellung "Anna
Kournikova Deleted By Memeright Trusted System -
Kunst im Zeitalter des Geistigen Eigentums" in
der PHOENIX Halle Dortmund eröffnet. Sie läuft
bis zum 19. Oktober 2008. Die Ausstellung ist
Teil des Projektes "Arbeit 2.0 - Urheberrecht und
kreatives Schaffen in der digitalen Welt", das
der HMKV gemeinsam mit iRights.info durchführt.
In der von Inke Arns und Francis Hunger
kuratierten Ausstellung sind 26 Arbeiten zu
sehen, u.a. von AGENTUR (BE), Daniel Garcia
Andújar (ES), Walter Benjamin (US), Pierre
Bismuth (FR), Christian von Borries (DE),
Christophe Bruno (FR), Claire Chanel & Scary
Sherman (US), Lloyd Dunn (US/CZ), Fred Froehlich
(DE), Nate Harrison (US), John Heartfield (DE),
Michael Iber (DE), Laibach/Novi kolektivizem
(SI), Kembrew McLeod (US), Sebastian Lütgert
(DE), Monochrom (AT), Negativland and Tim Maloney
(US), Der Plan (DE), Ramon & Pedro (CH), David
Rice (US), Ines Schaber (DE), Alexei Shulgin &
Aristarkh Chernyshev (Electroboutique, RU),
Cornelia Sollfrank (DE), Stay Free (US), Jason
Torchinsky (US), UBERMORGEN.COM & Alessandro
Ludovico & Paolo Cirio (CH/AT/IT).
Der folgende Text erscheint Anfang September 2008
im Ausstellungskatalog, der die gesamte
Ausstellung in der PHOENIX Halle in Text und Bild
dokumentieren wird. Der Katalog enthält außerdem
Texte von Martin Conrads, Florian Cramer, Francis
Hunger sowie ein Vorwort von Susanne Ackers und
Volker Grassmuck.
Viele Grüße,
Inke
www.hmkv.de
www.iRights.info
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Inke Arns
Use = Sue1
Von der Freiheit der Kunst im Zeitalter des geistigen Eigentums'
You can't use it without my permission ...
I'm gonna sue your ass!"
Negativland & Tim Maloney, Gimme the Mermaid,
Musikvideo, 4:45 min., 2000
Diese Sätze schreit die kleine Meerjungfrau von
Disney mit der wütenden Stimme eines
Urheberrechts-Anwaltes in dem Musikvideo Gimme
the Mermaid2 der Band Negativland und des
Disney-Animationsfilmers Tim Maloney zum Black
Flags Song Gimme Gimme Gimme. Das Video ist im
Stil der Video-Ästhetik der frühen 1980er Jahre
gehalten und ist bewusst - als quasi politisches
wie quer zum Zeitgeist liegendes ästhetisches
Statement - an den Anfang der Ausstellung Anna
Kournikova Deleted By Memeright Trusted System -
Kunst im Zeitalter des Geistigen Eigentums
gesetzt.
1970er/1990er: Plunderphonics
Negativland ist eine kalifornische
Plunderphonics"-Band, die in den späten 1970er
Jahren gegründet wurde und mit Collage- und
Samplingtechniken arbeitet. 1991 erschien die
nicht-kommerzielle Single U2, die unter anderem
Samples aus dem U2-Song I Still Haven't Found
What I'm Looking For verwendete. Diese
Veröffentlichung brachte der Band eine Klage des
Labels Island Records im Namen der Rockband U2
wegen Verletzung des Urheber- und Markenrechtes
ein. Negativland versuchte zwar, die Verwendung
der Samples als Fair Use" zu bezeichnen, kam
damit aber nicht durch und musste die gesamte
Auflage zurückrufen und vernichten. Die
Prozesskosten brachten die Band an den Rand des
finanziellen Ruins.
Plunderphonics" (dt. etwa Plünderphonik")
bezeichnet Musik, die ausschließlich aus Samples
anderer Musik besteht. Der kanadische Musiker Jon
Oswald prägte den Begriff 1985 auf einer
Konferenz in Toronto.3 Plunderphonics" sind
konzeptuelle Musikstücke, die für Oswald - im
Gegensatz zur heutigen Verwendung des
Sampling-Begriffs - ausschließlich aus Samples
eines einzigen Künstlers bestehen - zum Beispiel
nur aus musikalischem Material (typischen
Gesangsparts oder Rhythmen) von James Brown.
Oswalds 1989 erschienenes, nicht-kommerzielles
Album Plunderphonics enthielt 25 solchermaßen
verdichteter' Stücke, für die er jeweils
Material eines einzigen Künstlers gesampelt
hatte. So hatte er unter anderem den Song Bad von
Michael Jackson in kleinste musikalische
Einheiten zerschnitten und unter dem Titel Dab
wieder neu zusammengesetzt. Oswald führte jedes
Sample auf dem Cover minutiös auf. Das
Dab-Albumcover bestand aus einer entblößenden'
Montage des Covers von Michael Jacksons Album
Bad. Nachdem die Canadian Recording Industry
Association Jon Oswald wegen Verstoßes gegen das
Copyright mit harten juristischen (und daraus
folgend: finanziellen) Konsequenzen drohte,
musste er alle noch nicht in den Umlauf gelangten
Platten vernichten.4
1960er: Cut-Up
Eine wichtige Inspiration für Oswalds Konzept der
Plunderphonics war die Technik des Cut-Up". Am
1. Oktober 1959 erfanden Brion Gysin und William
Burroughs, dessen Buch Naked Lunch gerade
erschienen war, im Beat Hotel in Paris den
Cut-up. Diese Technik besteht darin,
vorgefundenes Text- und Audiomaterial willkürlich
auseinander zu schneiden und nach dem
Zufallsprinzip wieder zusammenzufügen.5 Dabei
kommen durchaus vollständige Sätze zustande, die
teils erheiternden Nonsens enthalten, teils aber
auch einen verschlüsselten Sinn zu haben
scheinen. Gysin und Burroughs setzten auch
Tonbandgeräte ein, deren Bänder von Hand über die
Tonköpfe gezogen wurden, so dass auf einmal ganz
neue Laute und Wörter zu hören waren. »Es war,
als würde ein Virus das Wortmaterial von Mutation
zu Mutation treiben«,6 und Burroughs fand es
durchaus nahe liegend, in seinen ersten
Textmontagen einen Bericht über den Stand der
Virusforschung zu verwenden.
1950er/1980er: Détournement, Plagiarism
Ein weiterer historischer Strang - der des
situationistischen Détournement (Entwendung) und
des neoistischen Plagiarism - geht auf den
französischen Dichter Comte de Lautréamont
(Isidore Ducasse, 1846-1870) zurück. In seinen
Poésies (1870) schreibt er: Das Plagiat ist
notwendig. Es ist im Fortschritt inbegriffen. Es
geht dem Satz eines Autors zu Leibe, bedient sich
seiner Ausdrücke, streicht eine falsche Idee,
ersetzt sie durch die richtige Idee."7 Florian
Cramer weist darauf hin, dass Lautréamonts
Konzept des Plagiats in den 1950er Jahren zum
situationistischen Détournement wurde und
wiederum 30 Jahre später die
Anticopyright-Subkulturen8 es zurück übersetzten
in plagiarism". Die Festivals of Plagiarism"
1988-89 definieren Plagiarismus" als conscious
manipulation of pre-existing elements in the
creation of 'aesthetic' works. Plagiarism is
inherent in all 'artistic' activity, since both
pictorial and literary 'arts' function with an
inherited language (...) Plagiarism enriches
human language."9 Die in den Festivals of
Plagiarism (die ihrerseits die Fluxus-Festivals
und die neoistischen Apartment-Festivals
plagiierten) verwendeten analogen Medien wie
Fotokopierer, bedruckte T-Shirts, VHS- und
Audiocassetten ähneln denen der Mail Art, die mit
Collagen und Fotokopien arbeitete. Diese
Bewegung, in der sich an Dada und Fluxus
orientierte Amateurkünstler vernetzten, ging in
den 1960er Jahren aus Ray Johnsons New York
Correspondence School hervor. Während die Mail
Art und insbesondere der Neoismus das Konzept der
Originalität durch den Akt des bewussten
Wiederholens zu unterlaufen versuchten, wurde
jedoch erstaunlicherweise die unbegrenzte
Kopier- und Plagiierbarkeit von digitaler
Information (...) von keinem der Beteiligten
reflektiert."10
Eine breite Kultur der Aneignung
Dafür war es womöglich Ende der 1980er Jahre noch
zu früh. Die oben geschilderten - für eine
größere Öffentlichkeit zugegebenermaßen obskuren
- Beispiele sind Vertreter einer breiten Kultur
der Aneignung des 20. Jahrhunderts, die unter
Verwendung von Bildern, Texten, Aufnahmen und
anderen Fragmenten der Kultur über eben diese
Kultur spricht - fast im Sinne eines close
reading". Bekanntester Vertreter dieser Kultur
der Aneignung ist die Pop Art, die in den späten
1950er Jahren in Großbritannien von Richard
Hamilton und in den USA unter anderem von Andy
Warhol begründet wurde. Diese Kunstrichtung, die
als einer der Vorläufer der Postmoderne gilt,
verwendet Bilder aus der westlichen Konsum- und
Warenwelt und eignet sich diese an. Analog dazu
entwickelte sich in der Sowjetunion in den 1970er
Jahren die so genannte Soz Art", die sich des
Bildarsenals der sozialistischen Waren- und
Propagandawelt bediente. Die VertreterInnen der
US-amerikanischen Appropriation Art" (dt.:
Aneignungskunst") der 1970er und 1980er Jahre
kopieren bewusst und mit strategischer Überlegung
die Werke anderer Künstler (so z.B. Sherrie
Levine, After Walker Evans, 1971), um damit
Begriffe wie Originalität und Authentizität zu
unterlaufen. Found Footage" wiederum bezeichnet
filmische Arbeiten, die vorgefundenes
Filmmaterial übernehmen und manipulieren (zum
Beispiel Martin Arnold, Douglas Gordon, Oliver
Pietsch). Radikale Konzepte der Appropriation
formulieren die frühen Erzählungen von Jorge Luis
Borges wie auch die Literaturwissenschaftlerin
Julia Kristeva in ihrer 1966 publizierten
poststrukturalistischen
Intertextualitäts-Theorie: [T]out texte se
construit comme mosaïque de citations, tout texte
est absorption et transformation d'un autre
texte."11 Sowohl die explizite (d.h. als bewusste
Strategie gewählte) als auch die implizite
Intertextualität (dass jeder Text aus einem
Mosaik von Zitaten besteht und Übernahme und
Transformation eines anderen Textes ist"12)
unterlaufen das romantische Konzept des autonom
aus sich selbst heraus schaffenden
Künstler-Genies des 19. Jahrhunderts und ersetzen
es durch ein zeitgemäßeres, für das die Rezeption
(und Verarbeitung des Vorhandenen) wichtiger als
Produktion von genuin Neuem ist.
Geistiges Eigentum als Öl des 21. Jahrhunderts"