Am 04.01.2018 um 15:39 schrieb Frederik Ramm:
Hallo,mich treibt seit einigen Monaten eine Idee um. Mir scheint, dass das "Craftmapping" bei OSM und vorallem auch im "politischen" Bereich, der OSMF, zunehmend unter den Tisch fällt. "Craftmapping" (zu deutsch: "handwerkliches Kartieren"?) ist in meinen Augen die traditionelle OpenStreetMap-Arbeit: eine Gegend, die man selber kennt, mit allen verfügbaren Mitteln (vorallem mit Ortsbegehung) auf die Karte zu bringen.
Das ist sicher etwas, was nicht unter den Tisch fallen sollte, denn vieles ist auf andere Weise gar nicht in guter Qualität zu ermitteln. Aber nimmt diese Art zu mappen denn tatsächlich ab? Und welche unerfüllten Wünsche haben Craftmapper an die OSMF?
Da können Luftbilder schon eine Rolle spielen, aber "Craftmapping" ist sicherlich nicht das großangelegte Abpinseln eines Luftbildes in einem Land, dessen Kultur mir fremd ist,
In manchen Fällen, etwa bei dünn besiedelten Gebieten, ist das aber wahrscheinlich die beste Möglichkeit, überhaupt eine Karte zu produzieren, die mehr als das Straßennetz und seine direkte Umgebung enthält. Um etwa Seen, Bäche und Waldumrisse in den schottischen Highlands oder in Nordskandinavien einzutragen, braucht man keine besonderen Kenntnisse der dortigen Kultur, und die wenigen Mapper, die da oben wohnen, sind vermutlich auch nicht böse, wenn sie nicht jedes kleine Gewässer selbst eintragen müssen.
und sicherlich auch kein Datenimport
Doch, zum Kartieren "mit allen verfügbaren Mitteln" können auch Datenimporte gehören; es haben ja auch schon viele Craftmapper mit viel Mühe und wechselndem Erfolg bemüht, z.B. bei ihrer Gemeindeverwaltung importierbare Daten zu bekommen. Bei Gemeindegrenzen etwa ist außer durch Importe kaum etwas zu machen, aber auch bei irgendwelchen Objekten tief im Bergwald ist das vielleicht die realistischste Möglichkeit.
und keine Anwendung von künstlicher Intelligenz, um auf Luftbildern Straßen erkennen zu können.
Straßen kann ich als Craftmapper natürlich abfahren und habe dann nicht nur zuverlässigere Informationen, sondern auch solche, die das Luftbild einfach nicht liefert. Wenn es aber eine Anwendung gäbe, die aus einem Luftbild einigemaßen zuverlässig automatisch die Hausumrisse herausholt, so dass ich das nur noch überprüfen und ggf. korrigieren muss, statt Haus für Haus abzupinseln, dann fände ich das als Craftmapper sehr erfreulich und würde das auch benutzen. Da vermisse ich einfach Projekte, bei denen auch wirklich etwas Bemerkenswertes herausgekommen wäre.
All diese anderen Dinge können auch interessant sein und Spass machen, aber sie sind in meinen Augen nachrangig. Ich mappe auch gern mal als "Luftbildtourist" irgendwo in fremden Landen oder schreibe ein Programm, das irgendwas ändert, aber mir ist dabei klar, dass OSM nie zu dem geworden wäre, was es heute ist, wenn sowas die normale Herangehensweise wäre.
Richtig, auf die Vorzüge des Mappens nah am Objekt und mit Hintergrundkenntnissen sollte man natürlich hinweisen, wenn die neuerdings nicht mehr so bekannt sein sollten. Wobei das Abpinseln von coastlines und riverbanks in fernen Landen eigentlich immer auch zur normalen Herangehensweise gehört hat.
Das alte Mapping-Handwerk wird aber zusehends mit Füssen getreten. Es vergeht keine Woche, in der nicht wieder irgendwo jemand jammert, dass man ohne einen groß angelegten Import ja niemals alle Häuser in Kanada oder alle Tankestellen in England mappen könnte, weil es viel zu viel Arbeit sei.
Was die Häuser in Kanada angeht, dürfte das sogar stimmen. Weite Teile des Landes sind dünn besiedelt und dazu bewaldet. Auf Luftbildern sieht man vieles nicht ("weil Baum" ist hier ausnahmsweise mal eine sinnvolle Erklärung), und das weite Land nach der letzten Hütte durchsuchen und dann noch deren Umrisse genau einmessen werden die kanadischen Craftmapper wohl nicht. Wenn die bezahlten Mapper von den kanadischen Katasterämtern uns ihre Ergebnisse zur Verfügung stellen, sollten wir die also nutzen. Natürlich mit offenen Augen.
Es beschäftigen sich mittlerweilse Leute beruflich mit OpenStreetMap, denen nach eigener Aussage ihre Zeit zu schade ist, um fehlende Daten an ihrem Wohnort zu erfassen; man könne mehr zu OSM beitragen, heisst es dann, indem man seine anderen Qualitäten in den Dienst der Sache stellt, als Projektleiter in einem Datenimport-Projekt oder sonst irgendwas.
Geht es ihnen da um ihre Arbeitszeit (dann stimmt das wahrscheinlich, denn fürs Vervollständigen ihres Wohnorts werden sie vermutlich nicht bezahlt, während der Import eben für ihren Arbeitgeber nützlich ist), oder meinen sie das allgemein?
Ich finde das alles sehr bedauerlich; das Craftmapping ist meiner Ansicht nach identitätsstiftend für OpenStreetMap. Es ist das, was uns als Community zusammenhält, worüber wir reden können, wenn wir uns treffen, es ist das Boot, in dem wir gemeinsam sitzen.
Wobei sich natürlich das Boot über die Jahre immer wieder geändert hat. Als in größerem Ausmaß gute Luftbilder für uns verfügbar wurden, hat sich die Art zu mappen doch z.B. deutlich geändert, und ich erinnere mich an nicht wenige Stimmen, die fanden, dass das Abzeichnen von Luftbildern doch kein richtiges Mappen sei. Heute würde man wohl eher eine Gegend, in der noch keiner Luftbilder ausgewertet hat, wohl eher als nicht richtig gemappt ansehen.
"Craftmapper", mich eingeschlossen, werden leicht in die Ecke der Ewig Gestrigen gestellt - Leute, die immer nur "gegen" alles Neue sind. Was ich gern erreichen würde, ist dass "Craftmapping" wieder etwas positives ist, dass man hervorhebt, was daran gut und wichtig ist,
Ja, was sich alles eben nur erfassen lässt, wenn man wirklich auch vor Ort gewesen ist, darauf sollte man natürlich immer wieder aufmerksam machen. Den Eindruck, deswegen gegen den Einsatz neuer Möglichkeiten zum Mappen zu sein, sollte man freilich vermeiden.
dass Craftmapping ein Breitensport ist (im Gegensatz zum anderen sehr IT-lastigen Disziplinen in OSM, die nur einer viel kleineren Gruppe offenstehen).
Wobei etwa Importe jetzt nicht nur IT-lastig sind. Erst mal den Rechteinhaber überzeugen, die Daten rauszurücken. Dann nachprüfen, ob die Lizenz auch mit unseren Anforderungen vereinbar ist. Dann schauen, ob die Daten auch was taugen...
Und Craftmapping kann auch schnell IT-lastig genug werden, ich erinnere mich mit Schaudern an das "GPX", das mein GPS ausgegeben hat, OSM dann aber nicht akzeptieren wollte.
Irgendwie gibt es niemanden, der für das Craftmapping eine Lanze bricht. Die Craftmapper machen alle so ihr Ding und interessieren sich wenig für den Rest. In der OSMF, die ja immerhin einige wichtige Dinge in OSM zu entscheiden hat, sind sie vermutlich mittlerweile sogar in der Minderheit, hinter denen, für die OSM zuvorderst ein Technikprojekt oder ein humanitäres Projekt ist. Auch das ist ein Problem.
Dass die Mitgliedschaft in der OSMF nicht repräsentativ für die Beteiligten bei OSM ist, sehe ich tatsächlich als ein gewisses Problem. Allerdings denke ich eher, dass da nicht die Einordnung des Projekts direkt entscheidend ist, sondern eher, ob sich jemand einen Vorteil (materieller oder ideeller Art) davon verspricht, auf die Tätigkeit der OSMF einen Einfluss zu haben. Und da sind wir wieder bei der Frage: Was sollte die OSMF für die Craftmapper oder Hobbymapper tun, was sie nicht schon tut oder zu wenig tut oder vielleicht bald zu wenig tut?
Ich möchte, dass man mit Stolz sagen kann: Ich bin ein Craftmapper, Leute wie ich haben das hier aufgebaut. Und nicht nur ein paar Großmäuler, sondern alle - *gerade* auch die, die keine Computer-Gurus sind und halt einfach mal ein paar Daten in ihrem Stadtviertel erfasst haben.
Das sollte man vielleicht einfach mit Stolz sagen? Bitte aber nicht mit schiefem Blick auf die Computer-Gurus, die u.a. die ganzen schönen Programme geschrieben haben, mit denen man die Informationen in die Datenbank und wieder heraus bekommt.
Gruß, Mark _______________________________________________ Talk-de mailing list [email protected] https://lists.openstreetmap.org/listinfo/talk-de

