hi, eventuell ist es für den einen od. anderen ebenfalls von Interesse, daher dieser OffTopic Post:
Wir hatten an unserem Trainertreffen die Diskussion darüber, wie unsere eigenen Firmenhierarchie aussieht, da dies nicht so ganz klar ersichtlich war. In unserem Fall haben wir eine Flache Hierarchie, was bedeutet, dass es keine "Chefs" (von der rechtlichen Seite mal abgesehen) gibt, sondern nur "Spezialisten" für bestimmte (Teil-) Aufgaben. Genau das greift ein TAZ Artikel auf der dieses mit der OpenSource Gesellschaft zu vereinen versucht: http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/unternehmen-20-arbeit-20/ Darauf hin hat einer von uns gleich geantwortet: > Ich denke allerdings, dass der Artikel vieles sehr blauäugig sieht. > > Zum Beispiel vermutet der Autor, dass »in der Softwareentwicklung« > viel Interessantes »ohne Unternehmen« geschieht, aber verkennt dabei > IMHO die Tatsache, dass sehr große Anteile der Open-Source-Entwicklung > tatsächlich von Leuten vorangetrieben werden, die das entweder im > Rahmen ihrer bezahlten Arbeitszeit tun (sei es bei > »Open-Source«-Firmen wie Red Hat oder »traditionellen« Firmen wie IBM) > oder aber in der Freizeit, die ihnen nach der Arbeit in einem > »traditionellen« Unternehmen bleibt, mit der sie Miete, Essen usw. > finanzieren. In diesem Sinne ist Open-Source-Entwicklung > das Ventil, mit dem man den Frust eines Arbeitstags in einem > »traditionellen« Unternehmen loswerden kann, aber nicht > notwendigerweise die alleinige Lebensgrundlage für einen Entwickler. > Dies zumal, da in der allgemeinen Wahrnehmung »Open Source« mit > »kostenlos« gleichgesetzt wird und die Masse der »Kunden« entsprechend > wenig bereit ist, zum Lebensunterhalt von > Fulltime-Open-Source-Entwicklern beizutragen. Wenn Firefox auch nur 10 > Euro kostete und die Einnahmen an die Firefox-Entwickler verteilt > würden, dann wäre der »Marktanteil« dieses Browsers vermutlich noch > unter 1% -- denn Internet Explorer haben die meisten Leute schon > »kostenlos« bekommen, und der Browser ist zwar gruselhaft, aber nicht > *so* gruselhaft, dass man Geld für einen Ersatz ausgeben muss. (In der > Geschichte des WWW hat es bisher kein kostenpflichtiger Browser auf > merkbare »Marktanteile« geschafft.) > > Dieses »Problem« fußt natürlich auf dem Umstand, dass unsere > Gesellschaft nach wie vor darauf besteht, dass Miete und Essen auch > bezahlt werden. (Ich lese die taz nicht regelmäßig genug, um eine > Aussage darüber machen zu können, inwieweit in deren Redaktion und > Leserkreis diese Prämisse als gegeben hingenommen wird.) In dem > Moment, wo wir die »Grundbedürfnisse« menschlichen Daseins wie > Unterkunft, Essen und Internet-Connectivity (!) allen Menschen > frei zur Verfügung stellen können, können wir auch auf > »Softwareunternehmen« traditioneller Prägung verzichten. Ich würde die > Luft beim Warten allerdings nicht anhalten :^| > > Der zweite Trugschluss in dem Artikel äußert sich in der Passage > --- Zitat --- Ganz anders die Arbeit in Open-Source-Zusammenhängen. Hier ist die Basis eine "Peer-Produktion" -- das heißt: Es gibt keine Hierarchie, sondern alle Beteiligten arbeiten selbstorganisiert als "Peers" (Ebenbürtige) miteinander. Die zweite Grundlage ist Offenheit -- während traditionell bürokratische Strukturen auf exklusivem Herrschaftswissen basieren und Misstrauen das Klima vergiftet, existiert in Open-Source-Strukturen ein anderes Verständnis von geistigem Gemeineigentum -- das sagt schon der Name: Open Source = offene Quelle. Hier sind die Menschen hochmotiviert und gerne bereit, ihr Wissen und ihre Ideen mit anderen zu teilen - weil ihnen Vertrauen, Respekt, Anerkennung, Fairness und Toleranz entgegengebracht wird. --- Zitat Ende --- > Aus diesem Absatz spricht ein bemerkenswertes Unwissen über die > tatsächlichen Verhältnisse (das vermutlich auf Wunschdenken > basisdemokratischer Provenienz beruht). Wer sich nämlich einbildet, > dass Open-Source-Projekte ohne Hierarchie auskommen und alle darin > »ebenbürtig« sind, der hat sich noch keins davon genauer angeschaut. > In vielen Open-Source-Projekten (angefangen beim Linux-Kernel) mag > zwar »ein anderes Verständnis von geistigem Gemeineigentum« herrschen, > aber das heißt noch lange nicht, dass alle Entwickler gleich > (gleichberechtigt, mit gleichem Einfluss versehen, ...) > sind. Im Gegenteil herrscht in Open-Source-Projekten oftmals eine > radikale Kultur, die so manchem »Kuschelpädagogen« aus der > Lernen-2.0-Fraktion den Atem verschlagen dürfte. Denn es wird > vorausgesetzt, dass man nicht nur zum sinnerfassenden Lesen fähig ist > (heutzutage oft ein Problem), sondern auch bereit und in der Lage, > seine Hausaufgaben zu machen. Wer herausfinden möchte, wie weit es mit > der Hochmotiviertheit und Bereitschaft, »Wissen und Ideen mit anderen > zu teilen«, tatsächlich her ist, sollte mal eine Frage wie »Wie > schreibe ich einen Linux-Gerätetreiber, muss ich dafür C können?« > auf LKML posten (und sich dann schleunigst hinter einem Asbestschild > verschanzen). Es kommt ja auch nicht von ungefähr, dass die Leiter > einiger Open-Source-Projekte den Ehrentitel »Benevolent Dictator for > Life« führen -- »benevolent« vielleicht, aber dennoch »dictator«! > Diejenigen Open-Source-Projekte, die tatsächlich demokratische > Strukturen umzusetzen versuchen, kann man an den Fingern einer Hand > abzählen, und ob das den Projekten unter dem Strich etwas bringt, ist > noch eine ganz andere Frage. (Das sollte ausgerechnet der *taz* > eigentlich ein Dorn im Auge sein.) > > Open-Source-Projekte basieren oft auf einer Meritokratie, aber um in > einer solchen ernst genommen zu werden, muss man sich erst mal Meriten > erwerben. Und das bedeutet eine erhebliche Vorinvestition an Zeit und > Aufwand, während der man auch bereit sein muss, zum Teil vernichtende > Kritik einzustecken, daraus Schlüsse zu ziehen und diese umzusetzen. > (Anders gesagt: Open Source mag das Schlaraffenland sein, aber man > muss erst mal durch die Mauer aus Grießbrei durch.) Die postulierten > »sieben Kernkompetenzen« von Tony Wagner kommen da sicherlich zum > Tragen, aber sie alleine versetzen jemanden noch nicht in die Lage, > sich tatsächlich produktiv in ein Open-Source-Projekt einzubringen -- > selbst der Harvard-Professor Wagner scheint, zumindest wenn > der Kasten im Artikel dessen Arbeit akkurat wiedergibt, eine ziemlich > offensichtliche Tatsache zu übersehen: Um in der Wissensgesellschaft > »überleben« zu können, muss man zuerst mal etwas *wissen*. Wir können > »kritisches Denken und Problemlösen«, Zusammenarbeit und > alles andere lernen und auch unseren Kindern beizubringen versuchen; > ohne Wissen im Hintergrund ist man (mit den Worten des Apostels > Paulus) dennoch »ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle« ohne > Aussage. (Dieses Problem wird auch nicht einfach dadurch behoben, dass > man Kindern Laptops, Wikis und Blogs gibt ... aber das ist ein Thema > für eine andere Mail.) > > Leider heißt »Meriten erwerben« in Open-Source-Projekten heute in der > Regel »Code schreiben«. Das bedeutet, Nichtprogrammierer werden in > vielen Fällen ausgegrenzt, auch wenn es alle möglichen anderen > Tätigkeiten gibt, mit denen man sich nützlich machen kann (Testen, > Dokumentation schreiben, Benutzerfragen beantworten, Webseiten > warten, ...) -- man kann sich zwar auch auf diese Weise einbringen, > aber gilt doch als »Bürger zweiter Klasse«, denn die Entscheidungen > darüber, wie ein Projekt sich technisch weiterentwickelt, > fällen in den allermeisten Fällen diejenigen, die am dichtesten an > dieser Entwicklung dran sind, nämlich die Programmierer. > > Man könnte noch mehr über diesen Artikel schreiben, aber ich muss > leider zurück an meine ehrliche Arbeit -- in einem Unternehmen :^) cu denny
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