Hallo, interessierte Leute,
Ich weiß, lange Texte wirken repressiv; aber man wird ja normalerweise
schnell merken, ob man weiterlesen will.
Die Diskussion »OOO schlanker« scheint geklärt, ohne daß geklärt wurde,
was offenbar bei manchen ein Problemgefühl auslöst. Daß ein solches
verbreitet ist, wurde unübersehbar deutlich. Anscheinend reduziert sich,
so die letzten Meinungen, die Frage auf die Startgeschwindigkeit des
Pakets. Nun, es ist schon beeindruckend, wenn TextMaker (beim ersten
Start) in 1,5 sec da ist und OOO ungefähr das zwölffache braucht (bei
folgenden Starts ca. das vierfache). Aber: Geschenkt doch! Haben wir
keine Zeit, um mal aus dem Fenster zu gucken? Was soll das?
In meinen Augen ging aus der Behandlung des Themas hervor, daß Johannes
B. mit seinem Hinweis auf
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30791/1.html auf etwas Richtiges
hinweist, nämlich darauf, was ein sich zwangsläufig einstellendes
Gruppendenken der OOO-Protagonisten u.U. an Einschränkungen zu echtem
Innovationswillen mit sich bringt.
Unbedingt zu betonen ist vorab: OOO ist ein exzellentes Paket, und
niemand sollte meckern, und wenn er kritisiert, dann mit großemRespekt
vor einer derart komplexen Leistung. Aber, und hier scheint mir das
Problem begründet zu sein:
OOO hat sich schon immer als MSO-Klon verstanden und darauf geschielt.
Das war unübersehbar an der Nachahmung der Ikons, das setzt sich fort
bis 3.1 mit den sachlich-funktional ganz unsinnigen Menüpunkten z.B.
Bearbeiten, Format, Extras, die MS vor Jahrzehnten in die Welt gesetzt
hat (wer kann, schaue in MS Word 2.0 von Anno Tobak nach; wer kann
darunter schon etwas Konkretes verstehen, wenn er arbeitet?) Jetzt ist
sogar Microsoft mit seinen Ribbons davon abgekommen, hat etwas gemerkt,
doch wie immer bei den dort gefundenen Lösungen in einer monströsen,
verheerenden, jedes Herangehen, das Übersichtlichkeit erwartet,
hohnsprechenden Weise. Und unter der Haube? Exakt die gleichen
fantasielosen, die Arbeit erschwerenden unzugänglichen Bedienfelder und
verwickelten Prozeduren. Genauso, etwas besser, OOO: Ich gehe unter in
dem Angebot von 46 oder 137 Standardabsatzvorlagen der
Standarddokumentvorlage, mühe mich ab bei der Definition von
Aufzählungspunkten und anderem mehr -- aber demnächst finde ich Ribbons
und kann dann vielleicht auch unter 52 verschiedenfarbigen Absatzlinien
wählen worauf ich seit X Jahren der Arbeit mit Textverarbeitungen,
Layoutprogrammen usw. gewartet habe. Immerhin hat mir OOO 3 ja schon à
la MS beim Markieren den hellblauen Hintergrund geschenkt.
Worauf es in meinen Augen ankommt, ist das seltsame Wörtchen
*»Ergonomie«*. Ein Computerprogramm muß sich in der Organisation seiner
Funktionalität als Vermittler zwischen Sache und Arbeitendem verstehen.
Bei der Tabellenkalkulation ist das sofort klar: Ohne
Mathematikkenntnisse muß ich gar nicht erst daran gehen. Die
Textverarbeitung bietet sich einerseits immer noch als Schreibmaschine
an, ist jedoch ein Funktionspool geworden, der das Wissen der »Schwarzen
Kunst« seit Gutenberg enthält und anbietet -- so, als ob man das alles
nicht lernen müßte. Dadurch wird es hier besonders schwierig, denn jeder
denkt »Tippen kann ich doch«.
Das heißt also: Den Benutzer von seiner Warte aus, so wie ein
menschliches Hirn arbeitet, an die Möglichkeiten des Programms
heranführen und ihn lernen lassen. Das tut OOO nicht. Um solches zu
leisten, muß man reale Arbeitsabläufe analysieren und die
Programmführung darauf ausrichten. Eines der besten Merkmale des Pakets
ist die weitgehend freie Veränderbarkeit der Menus usw. (außer offenbar
den Monolithen »Format«, »Extras« u.a.). Was die OOO-Betreuer selbst
davon vielleicht halten, erlebte ich, als mir 3.0/3.1 das in 2.4 an
Anpassungen vorhandene Funktionsinventar rücksichtslos zerschoß.
Allerdings: Für die meisten ist der Umgang mit Programmen so
kompliziert, daß sie kaum etwas wahrnehmen mögen, was dem Bekannten
nicht entspricht. Das bekannt MS-Problem infolge Marktmacht und damit
auch OOO-Problem. Hier muß sich der Benutzer tatsächlich an etwas
anderes heranwagen. Aber da verhält OOO sich ja ganz angepaßt.
Es gab meines Wissens bisher erst eine Firma, die ihre Office-Suite
einmal konsequent nach Fragestellungen der Ergonomie vollständig
umgebaut hat: Lotus mit der Lotus SmartSuite. Die Unmengen in WordPro
(mit Ami Pro als beliebtem Vorreiter) beispielsweise gefundener genialer
Lösungen harren nur darauf, daß man sie aufgreift. Lotus (bzw.
inzwischen IBM-Lotus) hat leider die Smartsuite zugunsten einer
monströsen, unsinnigen Symphony-Neuauflage fallengelassen (allein 1/2 GB
für das Programm auf Festplatte; nicht einmal einen funktionierenden
Lotus-Filter brachte IBM zustande). Das einzige, was Word Pro fehlt, ist
Unicode-Funktionalität (mein Grund der zusätzlichen Wahl von OOO) -- so
handeln eben Monopolisten. *Hierher, auf solche hunderterlei
vorhandener, ergonomisch durchdachter Lösungen sollten die
OOO-Mitentwickler einmal schauen*, anstatt Ribbons und sonstigen Quark
abzukupfern -- im Sinne eines besten MS-Klons.
*Und nun noch einmal »schlank«: Es gibt eine ganz einfache Lösung*, die
auch schon Word Pro vorgemacht hat: Mit zwei Mausklicken kann sich der
Benutzer hier eine »Word Pro Light«-Oberfläche mit entsprechend
verkürzten Menus etc. herstellen (oder auch, wenn er denn mußte, eine MS
Word Menu-Führung). Das müßte bei OOO als Extension möglich sein. So hat
derselbe Benutzer die Möglichkeit, sich das Programm anzupassen und ggf.
mitzuwachsen -- oder zwei Benutzer können zwischen verschiedenen
»Niveaus« wählen.
Voraussetzung aber wäre die Implementierung einer ergonomisch
hergeleiteten, nicht vom Programm-Fachmann her gedachten
Benutzerführung: Die würde schon sehr vieles vereinfachen. Warum soll
ich als Benutzer die Möglichkeit der Kapitelnumerierung unter »Extras«
suchen (und nicht etwa »Text(gestalt)«? Warum steht »Ausrichtung« unter
»Format«? Warum startet das Paket nicht mit der Auswahlmöglichkeit, so,
wie der Mensch arbeitet, eines der letzten Dokumente zur Bearbeitung
oder eine spezielle Dokumentvorlage für den aktuell intendierten Zweck
auszuwählen (siehe wieder Word Pro)? Warum hat die Calc-Tabelle, von
Excel wieder seit Anno Tobak abgekupfert, graue Tab-Reiter unten links
und nicht farbige Reiter an der oberen Kante (wo der Mensch hinguckt --
beim Karteikasten gucke ich ja auch nicht unten drunter) wie Lotus 123
oder Lotus Word Pro? Warum sind in Writer Kapitel oder Abschnitte oder
Bereiche nicht anhand selbst beschriftbarer farbiger Reiter oben am Rand
erkenn- und ansteuerbar? Warum kann ich in Writer nicht sehen, ob einem
Wort eine Zeichenvorlage zugewiesen ist? Und und und ... Aber bei OOO
befaßt man sich mit Ribbons und blauem Hintergrund.
Bei manchen Antworten in der Diskussion klangen Aspekte an: Wer ein
anderes Programm will, soll es sich doch kaufen. Das grenzt schon an
Microsoft-Gebaren. Aber Achtung: Ein höchst intelligentes Programm wie
TextMaker/Planmaker mit sehr vielen intelligenten Lösungen ist auf dem
besten Weg, noch reifer zu werden. Und es beherrscht auch einwandfrei
*.odt (und anders als OOO einwandfrei °.doc).
Manche Antworten offenbar von OOO-Betreuern in der Diskussion wirkten
auch genervt: Was will der da, der nicht mal weiß, was er sagen will?
Der Entwickler, der seine bescheidene Rolle als Mittler zwischen
Benutzer und realer Tätigkeitswelt nicht begreift, sollte versuchen, das
schnellstens zu lernen.
Vielleicht stoßen diese Überlegungen etwas an?
Gruß an die Leser
Helmut
PS auf Wunsch stelle ich zur Anregung Bildschirmprints von
WordPro-Features zum Herunterladen zur Verfügung.