Hallo zusammen,
ich wies schon vor längerer Zeit darauf hin, dass die Wissensorganisation zwei Arbeitsgebiete besitzt: ein fachexternes und ein fachinternes. Letzteres hat die Aufgabe, das in den Lehrbüchern enthaltene Wissen in eine systematische Darstellung zu bringen. Es handelt sich um eine innerfachliche Angelegenheit, für die Fachkenntnisse zwingend erforderlich sind, daher die Kennzeichnung ‚fachintern‘. Sie ist aussagenbasiert, und folglich ergeben sich hier Aussagensysteme. Das fachexterne Gebiet ist charakterisiert durch die Aufgabe, eine Menge von Dingen (z.B. Bücher) so zu ordnen, dass man in der Menge ein einzelnes Ding (Buch) wiederfinden kann. Dazu werden die Dinge (bei Büchern ihr Inhalt) in geeigneter Weise beschrieben. Fachkenntnisse sind natürlich immer hilfreich, aber nicht zwingend erforderlich. So braucht ein Indexierer nicht notwendig mit dem Inhalt eines Buches vertraut zu sein, daher die Kennzeichnung ‚fachextern‘. Es handelt sich um einen begriffsbasierten Ansatz, in dem Klassifikations- bzw. Begriffssysteme entwickelt werden.
Soweit ich sehen konnte, gehörten alle einschlägigen Beiträge (mit Ausnahme meines Beitrages) der fachexternen Richtung an. Ich halte die Missachtung der fachinternen Richtung für bedauerlich, zudem ist sie der Grund für zahlreiche Missverständnisse.
Man kann es sich natürlich leicht machen und festlegen: Eine fachinterne Wissensorganisation gibt es nicht, für sie sollte man daher besser einen anderen Namen suchen. Es gilt: Wissensorganisation = fachexterne Wissensorganisation. Diese Argumentation ist legitim, nur bleibt es fraglich, ob solch eine Trennung auch sinnvoll ist.
Versteht man z.B. eine Ontologie als ein Expertensystem, dann erwartet man, dass sie auf Expertenwissen beruht. Für einfache Anwendungen mag dies zutreffen. Wenn man allerdings den Anspruch erhebt, auch wissenschaftliches Wissen auf diese Weise erfassen zu können, gerät man in Schwierigkeiten, denn letzteres steht in den Lehrbüchern, und um es für den Rechner nutzbar zu machen, benötigt man es in systematischer Darstellung; man benötigt also das Ergebnis einer fachinternen Wissensorganisation. Setzt man sich darüber hinweg, läuft man Gefahr, etwas für erfahrungswissenschaftliches Wissen zu halten, das in den Erfahrungswissenschaften gar nicht vorkommt. Außerdem ergibt sich ein Darstellungsproblem, denn die Struktur, welche eine systematische Darstellung besitzt, muss nicht notwendig die Form ‚Begriff-Relation-Begriff‘ haben.
Im Zusammenhang mit Ontologien wird oft mit prädikatenlogischen Ausdrücken (first order logic) gearbeitet, unter der Annahme, jede Aussage lasse sich in eine prädikatenlogische Form bringen. Nun liegen z.B. die Aussagen der Physik bereits in einer mathematischen Sprache vor, also in einer formalen Sprache (im Sinne der theoretischen Informatik), so dass sich die Frage ergibt, welchen Sinn es hat, mathematische Ausdrücke in prädikatenlogische zu übersetzen? Im übrigen ist dies nicht ganz unproblematisch, weil damit zugleich behauptet wird, dies könne ohne Inhaltsverlust geschehen (was allerdings erst bewiesen werden müsste). Bei der Verwendung von prädikatenlogischen Ausdrücken gilt es zu beachten, dass ein Rechner eine rein aussagenlogische Maschine ist. Die Ontologie Tools, welche prädikatenlogische Darstellungen „erlauben“, täuschen ihre Fähigkeit nur vor. In Wirklichkeit muss jedoch jeder prädikatenlogische Ausdruck auf einen aussagenlogischen heruntergebrochen werden, so dass sich auch hier die obige Sinnfrage stellt.
Ich hätte mir für die angesprochenen Methodenfragen eine größere Sensibilität gewünscht. Es sind vor allem zwei Punkte, die bei Tagungen immer wieder zu kurz kommen: Wenn man eine Methode vorstellt, sollte man sich (1) die Voraussetzungen genau überlegen, die erfüllt sein müssen, damit sie angewendet werden darf, und man sollte sie (2) von anderen bekannten Methoden abgrenzen, etwa nach dem Schema: Es wurde bereits versucht, die Aufgabe mit den Methoden M1, M2, … zu lösen; diese haben aber den Nachteil X. Mit der vorliegenden Methode lässt sich dieser Nachteil beheben … Damit wäre auch klar ersichtlich, welches Problem mit der neuen Methode gelöst werden soll.
Viele Grüße
Peter Jaenecke
