Lieber Herr Jaenecke,
leider komme ich erst jetzt (wegen Terminarbeit und einer Reise)dazu, auf Ihre 
EWO/IWO-Unterscheidung einzugehen. Ich begrüße diese Unterscheidung und 
erkannte, dass meine WO-Auffassung bisher mehr in IWO-Richtung ging (d.h. ohne 
Begriffsanalyse kein Begriffssystem als Voraussetzung eines 
Klassifikationssystems), siehe dazu auch meinen Konstanz-Beitrag. Aber 
natürlich gehört EWO auch zur WO und so sollten wird beide Aufgabenbereiche als 
WO-relevant auffassen und auch entsprechend in den Unterricht einbeziehen.
Vielen Dank also, dass Sie mit Ihrer Unterscheidung zur Klarheit über WO 
beigetragen haben!
Herzlichst, Ingetraut Dahlberg  

"Peter Jaenecke" <[email protected]> schrieb: 
Hallo zusammen,

ich wies schon vor längerer Zeit darauf hin, dass die Wissensorganisation zwei 
Arbeitsgebiete besitzt: ein fachexternes und ein fachinternes. Letzteres hat 
die Aufgabe, das in den Lehrbüchern enthaltene Wissen in eine systematische 
Darstellung zu bringen. Es handelt sich um eine innerfachliche Angelegenheit, 
für die Fachkenntnisse zwingend erforderlich sind, daher die Kennzeichnung 
‚fachintern‘. Sie ist aussagenbasiert, und folglich ergeben sich hier 
Aussagensysteme. Das fachexterne Gebiet ist charakterisiert durch die Aufgabe, 
eine Menge von Dingen (z.B. Bücher) so zu ordnen, dass man in der Menge ein 
einzelnes Ding (Buch) wiederfinden kann. Dazu werden die Dinge (bei Büchern ihr 
Inhalt) in geeigneter Weise beschrieben. Fachkenntnisse sind natürlich immer 
hilfreich, aber nicht zwingend erforderlich. So braucht ein Indexierer nicht 
notwendig mit dem Inhalt eines Buches vertraut zu sein, daher die Kennzeichnung 
‚fachextern‘. Es handelt sich um einen begriffsbasierten Ansatz, in dem 
Klassifikations- bzw. Begriffssysteme entwickelt werden.

Soweit ich sehen konnte, gehörten alle einschlägigen Beiträge (mit Ausnahme 
meines Beitrages) der fachexternen Richtung an. Ich halte die Missachtung der 
fachinternen Richtung für bedauerlich, zudem ist sie der Grund für zahlreiche 
Missverständnisse.

Man kann es sich natürlich leicht machen und festlegen: Eine fachinterne 
Wissensorganisation gibt es nicht, für sie sollte man daher besser einen 
anderen Namen suchen. Es gilt: Wissensorganisation = fachexterne 
Wissensorganisation. Diese Argumentation ist legitim, nur bleibt es fraglich, 
ob solch eine Trennung auch sinnvoll ist.

Versteht man z.B. eine Ontologie als ein Expertensystem, dann erwartet man, 
dass sie auf Expertenwissen beruht. Für einfache Anwendungen mag dies 
zutreffen. Wenn man allerdings den Anspruch erhebt, auch wissenschaftliches 
Wissen auf diese Weise erfassen zu können, gerät man in Schwierigkeiten, denn 
letzteres steht in den Lehrbüchern, und um es für den Rechner nutzbar zu 
machen, benötigt man es in systematischer Darstellung; man benötigt also das 
Ergebnis einer fachinternen Wissensorganisation. Setzt man sich darüber hinweg, 
läuft man Gefahr, etwas für erfahrungswissenschaftliches Wissen zu halten, das 
in den Erfahrungswissenschaften gar nicht vorkommt. Außerdem ergibt sich ein 
Darstellungsproblem, denn die Struktur, welche eine systematische Darstellung 
besitzt, muss nicht notwendig die Form ‚Begriff-Relation-Begriff‘ haben.

Im Zusammenhang mit Ontologien wird oft mit prädikatenlogischen Ausdrücken 
(first order logic) gearbeitet, unter der Annahme, jede Aussage lasse sich in 
eine prädikatenlogische Form bringen. Nun liegen z.B. die Aussagen der Physik 
bereits in einer mathematischen Sprache vor, also in einer formalen Sprache (im 
Sinne der theoretischen Informatik), so dass sich die Frage ergibt, welchen 
Sinn es hat, mathematische Ausdrücke in prädikatenlogische zu übersetzen? Im 
übrigen ist dies nicht ganz unproblematisch, weil damit zugleich behauptet 
wird, dies könne ohne Inhaltsverlust geschehen (was allerdings erst bewiesen 
werden müsste). Bei der Verwendung von prädikatenlogischen Ausdrücken gilt es 
zu beachten, dass ein Rechner eine rein aussagenlogische Maschine ist. Die 
Ontologie Tools, welche prädikatenlogische Darstellungen „erlauben“, täuschen 
ihre Fähigkeit nur vor. In Wirklichkeit muss jedoch jeder prädikatenlogische 
Ausdruck auf einen aussagenlogischen heruntergebrochen werden, so dass sich 
auch hier die obige Sinnfrage stellt.

Ich hätte mir für die angesprochenen Methodenfragen eine größere Sensibilität 
gewünscht. Es sind vor allem zwei Punkte, die bei Tagungen immer wieder zu kurz 
kommen: Wenn man eine Methode vorstellt, sollte man sich (1) die 
Voraussetzungen genau überlegen, die erfüllt sein müssen, damit sie angewendet 
werden darf, und man sollte sie (2) von anderen bekannten Methoden abgrenzen, 
etwa nach dem Schema: Es wurde bereits versucht, die Aufgabe mit den Methoden 
M1, M2, … zu lösen; diese haben aber den Nachteil X. Mit der vorliegenden 
Methode lässt sich dieser Nachteil beheben … Damit wäre auch klar ersichtlich, 
welches Problem mit der neuen Methode gelöst werden soll.

Viele Grüße
Peter Jaenecke
 

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