Lieber Herr Jaenecke, nein, da mißverstehen Sie mich. In meinem KO-Beitrag "Knowledge Organization - a new science?" (KO 33/1, p.11-19) habe ich es am Schluß ziemlich deutlich gesagt, dass eine wissenschaftliche Erarbeitung der Inhalte von Wissensgebieten durch Fachexperten, KO-Experten und Terminologen wesentliche KO-Arbeit ist. Niemand hat das bisher begriffen. Es geht hier nicht um Dokumentenrecherche (obwohl diese nicht ausgeschlossen ist), sondern um methodenbezogene Erfassung der Begriffe, die ein Wissensgebiet ausmachen und zwar in der Form, dass aus den dabei ersichtlichen Hierarchien der Beziehungszusammenhalt durch die Merkmale der Begriffe deutlich wird, was einer Definition der damit verbundenen Begriffe gleichkommt. Denn ein gutes Klassifikationssystem ist auch ein Definitionssystem. Habe ich nicht in meiner Diskussionsbemerkung zu Ihrem Vortrag auf die analytischen und synthetischen Merkmale von Begriffen hingewiesen, die Kant unterschieden hat. Alle analytischen sind die wesentlichen Merkmale, alle synthetischen, wie z.B. die Farbe eines Schwans, sind mögliche Merkmale, die natürlich wegen ihres möglichen Vorkommens als Unter-Facettenbegriffe in einem System erfasst werden müssen. Sie haben natürlich Recht, dass eine gestandene Disziplin eine Theorie haben muß. Das ist übrigens wissenschaftstheoretisch auch schon erkannt worden, zuerst werden die bestimmten Objekte und Methoden,später auch die Anwendungen eines neu entdeckten Gebietes bekannt und erst, nachdem ein Gebiet schon eine gewisse Reife erlangt hat, entwickelt ein einsichtiger Kenner eine erste Theorie. Denken Sie an die Psychologie und ihre Entwicklung, wie sich da nach ihrer Entdeckung durch Dilthey so langsam die einzelnen Theorien hervorwagten. In meinem Beitrag für die Zeitschrift "Information" der DGI "Information Coding Classification : Geschichtliches, Prinzipien, Inhaltliches" (Information 61/8, p.449-454) habe ich die Prinzipien formuliert, um die es bei der ICC ging und bei jeder anderen Facettenklassifikation gehen sollte. Nur eine einzige anerkennende Zuschrift erhielt ich dazu von unserer lieben Mitarbeiterin in der ISKO, Frau Deigner! Beginnen wir also damit, eine Theorie der WO zu diskutieren und zu formulieren!? Danke, dass Sie die Anregung dazu gegeben haben! Mit besten Grüßen, Ingetraut Dahlberg
"Peter Jaenecke" <[email protected]> schrieb: Bezug: Gesendet: Donnerstag, 04. April 2013 um 18:28 Uhr Von: [email protected] An: [email protected] Betreff: Re: [WISS-ORG] Rückblick auf die Potsdamer Tagung/Test der Mailingliste Liebe Frau Dahlberg, ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Zwar ist natürlich eine Auseinandersetzung mit dem Fach selbst, für das ein Klassifikationssystem aufgestellt werden soll, unerlässlich. Aber die Aufstellung solch eines Systems ist doch bloß eine Vorarbeit für das, was ich als externe Wissensorganisation bezeichne, also die Vorarbeit für eine bestimmte Methode, zugeschnitten auf das Erreichen eines bestimmten Ziels, nämlich der Dokumentenrecherche. Darüber hinaus gibt es doch aber auch noch andere Aufgaben, für die andere Methoden gebraucht werden. Ich hatte ja in meiner Antwort an Herrn Ohly ein Beispiel angeführt: Das Auftreten einer Sonnenfinsternis kann man mit einem noch so ausgefuchsten Klassifikationssystem nicht bestimmen. Ich möchte noch ein weiteres Beispiel anführen, bei dem EBO und IBO etwas dichter beieinander liegen. Angenommen, man möchte wissen, was ein Dedekindscher Schnitt ist. Wohlgemerkt: Ich suche keine Liste von Dokumenten, in denen der Deskriptor Dedekindscher Schnitt vorkommt, sondern ich möchte den Dedekindschen Schnitt erklärt haben. In der heutigen Zeit wird man hierzu eine Suchmaschine bemühen; allerdings bekommt man von ihr als Antwort gerade das, wonach man nicht sucht, nämlich eine unendlich lange Liste von Treffern. Zum Glück steht der WIKI-Artikel meist an erster Stelle, so dass man dann doch das Gesuchte leicht findet. Aber solch ein WIKI-Artikel muss erst einmal hergestellt werden: die damit verbundene Tätigkeit ordne ich der IWO zu. Die EWO dagegen hätte die Aufgabe, eine brauchbare Suchmaschine zur Verfügung zu stellen. Einen WIKI-Artikel verfassen, ist kein Selbstläufer, das zeigt insbesondere der mäßige WIKI-Artikel zu Dedekindscher Schnitt. Der Stoff muss eben erst in bestimmter, d.h. methodischer Weise aufbereitet werden. Wie solch ein Artikel aufgebaut sein sollte, das halte ich für ein Thema, mit dem sich die IWO und letztlich auch die ISKO beschäftigen sollte. Viele Grüße Peter Jaenecke
