hier eine weitere Mail von Herrn Umstätter auf InetBib (12. Oktober), die ich 
weiterleite. Sie ist vielleicht auch für die Diskussion auf wiss-org zur 
Verständigung hilfreich.

Mit freundlichen Gruessen,
With kind regards,
Sincères salutations,
Con saludos cordiales,

H. Peter OHLY
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http://www.isko.org/people.html
Fax: 0049 - 3212 - 1402705


> Gesendet: Samstag, 12. Oktober 2013 um 19:56 Uhr
> Von: h0228kdm <[email protected]>
> An: "Internet in Bibliotheken" <[email protected]>
> Betreff: Re: [InetBib] „Was sind eigentlich Daten?“
>
> Am 2013-10-12 16:06, schrieb Peter Ohly:
> > Lieber Herr Umstätter,
> > zunächst vielen Dank für den Hinweis auf die interessante Darstellung 
> > von
> > Jakob Voß, worin Ballsun-Stantons Punkt der “data as communications” 
> > wohl
> > für die Informationswissenschaft am treffendsten zu sein scheint.
> 
> Das war ja schon bei Shannon die Ausgangssituation, bei seiner
> "Mathematical Theory of Communication". Auch die oft wiederholte 
> Aussage, Informmation sei die Beseitigung von Ungewissheit, ist nur  ein 
> Teilaspekt aus Shannons Informationstheorie.
> 
> > Ansonsten kann nur beigepflichtet werden, dass das jeweilige 
> > Verständnis in unserer
> > multidisziplinären Welt ggf. erst eruiert werden muss.
> > Leider gibt es keinen Bezug zu Wersig oder Kuhlen, die Information als
> > etwas mehr als Daten ansehen, nämlich als interpretierbare,
> > handlungsrelevante Daten.
> 
> Darum habe ich ja versucht deutlich zu machen, dass wir Information und 
> Interpretation nicht verwechseln dürfen. Die Interpretation liegt erst 
> auf der Ebene der Semiotik (bzw. wie es oft heißt, der Semantik, obwohl 
> Semantik ohne Pragmatik und Syntax eigentlich keinen Sinn ergibt. 
> Ähnlich wie Information ohne ausreichend Redundanz
> sinnlos und zu ungesichert bleibt.) Zu Kuhlens "pragmatischem Primat" 
> mit der Aussage "Information ist Wissen in Aktion", habe ich mich 
> bereits mehrfach geäußert. Außerdem denke ich hier ebenso wie Sie, dass 
> Information "die Abgrenzung gegenüber ‚Wissen‘" braucht, und somit keine 
> spezielle Teilmenge von Wissen sein kann.
> 
> > Auch Sie führen leider den Informationsbegriff
> > nur auf Shannon-Weaver zurück, wo es sich in der Tat nur um formale 
> > Bits
> > handelt.
> 
> Das ist der weit verbreitete Fehler, dass die Theorie von Shannon im 
> Laufe der Zeit mit zu viel Unsinn zugeschüttet wurde. Das Bit war und 
> ist ein Maß zur Messung jedweder Information, von Noise, Redundanz und 
> Wissen. Auch beispielsweise des Wissens, das die Evolution über 
> Jahrmillionen auf ihrer DNS hoch redundant gespeichert hat, damit die 
> Arten überleben können. Ebeso kann auch das Wissen in unseren Gehirnen 
> nur in Bit gemessen werden, weil es kein anderes Maß gibt.
> Im Gegensatz zum höchst anthropozenrischen MKS-System ist das Bit eine 
> natürliche Einheit, die die auffällige Eigenschaft besitzt nicht linear, 
> wie Meter, Kilogram und Sekunde skaliert zu sein, sondern exponetiell. 
> So sind bekanntlich 10 Bit nicht das Zehnfache von einem Bit, sondern 
> das 2^10, 1024-fache. Das ist auch kosmologisch interessant, weil es 
> Überlegungen gibt, ob nicht auf der Oberfläche unseres Universums die 
> gesamte Information in diesem Universum, mit seiner gesamten Geschichte 
> holographisch gespeichert sein könnte. Ein faszinierender Gedanke der 
> Informationstheorie.
> 
> > Hier könnte man vielleicht sagen, dass diese schon den Begriff
> > ‚Information‘ vielleicht irreführend verwendet haben. Selbst der 
> > Begriff
> > ‚Nachricht‘ setzt eigentlich eine Interpretationsfähigkeit dieser 
> > voraus,
> > denn sie ist ja an einen (als verstehend vorausgesetzten) Empfänger
> > gerichtet.
> 
> Genau das ist der Unterschied zwischen Information und Interpretation.
> Wenn wir aber diese informationstheoretische Ebene und semiotische Ebene 
> nicht klarer trennen, haben wir permanent all die Unklarheiten und 
> Widersprüche, die wir in unserer Zunft täglich beobachten. Man kann 
> Information auch verarbeiten ohne ihre Bedeutung zu verstehen!
> 
> > Gravierender ist meines Erachtens die Abgrenzung gegenüber
> > ‚Wissen‘. Dies sollte mehr als ‚Information‘ sein: umfangmäßig, in der
> > wissenschaftlichen Absicherung, in der kausalen Vernetzung. Hier liegt
> > derzeit wohl die größte Problematik, dass ständig von ‚Wissen‘ 
> > gesprochen
> > wird, obwohl nur ‚Information‘ geliefert, verarbeitet etc. wird – von
> > Erkenntnis ganz zu schweigen, die zusätzlich eine transzendentale 
> > Qualität
> > aufweist.
> 
> Genau das ist auch mein Anliegen. Wissen als begründete Information hat 
> je nach Begründungstiefe Zuverlässigkeit und Vorhersehbarkeit, um 
> Gefahren aus dem Weg zu gehen. Auch wenn uns die Informationstheorie 
> deutlich macht, dass es keine absolute Gewissheit geben kann, so gibt es 
> Wissen erstaunlich hoher Sicherheit, Präzision und Vorausschau.
> 
> MfG
> Walther Umstätter
> 
> > 
> > Am 12. Oktober 2013 13:14 schrieb h0228kdm <[email protected]>:
> > 
> >> Jakob Voss hat in LIBREAS 
> >> http://libreas.eu/ausgabe23/**02voss/<http://libreas.eu/ausgabe23/02voss/>einen,
> >>  wie ich meine interessanten Beitrag zur Frage „Was sind eigentlich
> >> Daten?“ geschrieben, der aufzeigt, wie chaotisch man in diesem Bereich 
> >> mit
> >> fundamentalen Begriffen wie Information oder Daten umgeht.
> >> 
> >> Seit dem das Internet mit immer mehr Daten von Laien zugeschüttet 
> >> wird,
> >> ist es nicht verwunderlich, dass wir dort fast jeden Unsinn finden 
> >> können,
> >> den sich Menschen (insbesondere unter Pseudonymen) ausdenken und ins 
> >> Netz
> >> bringen. Hier jede Nachricht auf Evidenz zu prüfen ist nicht immer 
> >> einfach.
> >> Darum finden wir in den letzten Jahrzehnten immer häufiger unsinnige
> >> Definitionen für Begriffe wie Daten, Information, Wissen etc. Dazu 
> >> kommt,
> >> dass mit einer wachsenden Wissenschaft und einer zunehmenden
> >> Spezialisierung der Wissenschaftler immer mehr Spezialisten auf einem
> >> Gebiet, die Laien auf vielen anderen Gebieten sind.
> >> 
> >> Obwohl es also legitim und wichtig ist, bei der Frage „Was sind 
> >> eigentlich
> >> Daten?“ dies reviewartig zu hinterfragen, zeigt J. Voß, dass man bei 
> >> den
> >> verschiedenen Autoren, immer wieder prüfen muss, was sie nun gerade 
> >> gemeint
> >> haben. Was allerdings schwierig wird, wen die Autoren soelbst nur sehr
> >> diffuse Vorstellungen entwickeln. Andererseits ist es schon 
> >> bedenklich,
> >> wenn R. L. Gray in seinem Rückblick auf die Entwicklung der Begriffe 
> >> Daten
> >> und Information, die eindeutig wichtigste Quelle (Shannon und Weaver 
> >> 1949)
> >> ignoriert. Denn das wurde im zweiten Weltkrieg bei der Chiffrierung 
> >> und
> >> Dechiffrierung von Nachrichten rasch klar, dass jede Nachricht aus
> >> grundsätzlich drei Grundelementen besteht, der Information, dem 
> >> Rauschen
> >> und der Redundanz. Das Wort Nachricht war damit der Oberbegriff dieser 
> >> drei
> >> Unterbegriffe. Auch die Erkenntnis, dass man jede Nachricht 
> >> grundsätzlich
> >> in binary digits zerlegen und damit in Bits messen kann, fand rasch 
> >> Eingang
> >> in die ersten Computer, bei denen man aber weniger von
> >> Nachrichtenverarbeitung als vielmehr von Datenverarbeitung sprach. 
> >> Damit
> >> konnte man Daten sammeln, speichern, verarbeiten, verschicken etc. Der
> >> Begriff Daten war also nach dem Weltkrieg, als diese Erkenntnisse 
> >> nichtmehr
> >> geheim waren, eindeutig der Oberbegriff von Information, Rauschen und
> >> Redundanz, insbesondere in digitaler Form. Da aber alle Nachrichten, 
> >> wie
> >> Zahlen, Texte, Bilder, Töne oder Metadaten digitalisierbar sind, wurde 
> >> der
> >> Begriff Daten damit sozusagen zum Top Term.
> >> 
> >> Die Fundamentale Erkenntnis von Shannon, der auf der Ebene der
> >> Informationstheorie „Aspekte der Bedeutung explizit ausklammert“ wie 
> >> Voss
> >> richtig schreibt, war gerade bei der anfänglichen Computerisierung
> >> bemerkenswert, weil man die Daten ohne jede Semiotik (die Wissenschaft 
> >> von
> >> der Bedeutung von Zeichen) verarbeiten konnte. Dieser nächste Schritt, 
> >> der
> >> Bedeutungsverarbeitung, und darauf aufsetzend der Wissensverarbeitung, 
> >> ist
> >> erst eine Entwicklung unserer heutigen Zeit. Die Aussage W. Weavers,
> >> „information cannot be confused with meaning“ darf nicht als Nachteil 
> >> der
> >> Informationstheorie verstanden werden, sondern zeigt eine tiefere
> >> Erkenntnis über die Tatsache, dass Information nicht mit 
> >> Interpretation
> >> verwechselt werden darf. Interpretation ist erst Gegenstand der 
> >> sogenannten
> >> Pragmatik in der Semiotik. Auch die Semiotk hat drei Unterbegriffe, 
> >> die
> >> Semantik (Zuordnung von Zeichen zu Gegenständen auf der Senderseite), 
> >> die
> >> Syntax (Zuordnung der Zeichen zueinander), und die Pragmatik
> >> (Rekonstruktion der Zeichen zu ihren Gegenständen auf der 
> >> Empfängerseite).
> >> Das hat seine Entsprechung zu Shannons Kommunikationsmodell mit 
> >> Sender,
> >> Übertragungskanal und Empfänger, aber auf der nächst höheren 
> >> (semiotischen)
> >> Ebene. Während auf der Wissensebene noch die Begründung einer 
> >> Information
> >> hinzu kommt. Sie ist eine a priori Redundanz, weil wir beim Wissen als
> >> Empfänger auch Informationen vorhersagen können, soweit sie sich aus 
> >> dem
> >> zuvor gesendeten logisch oder erfahrungsgemäß ableiten lassen.
> >> 
> >> MfG
> >> Walther Umstätter
> >> 
> >> --
> >> http://www.inetbib.de
> 
> -- 
> http://www.inetbib.de

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