Liebe Freunde,

dies ist die deutsche Version meiner zweiten allgemeinen Antwort in der Debatte auf der Mailliste von www.1net.org in Brasilien.

Fuer die Verfolgung des Diskussion steht das Archiv zur Verfuegung.
www.1net.org Mailing List Archive
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mit lieben gruessen, willi
Jinotepe, Nicaragua



Liebe Freunde,

für die Verspätung meiner zweiten Antwort bitte ich um Entschuldigung. In dieser Antwort will ich einige grundsätzliche technische Fragestellungen behandeln, die in einigen Antworten thematisiert wurden.

1) Die lokale Verantwortung für das Ganze.

In geldorientierten, kapitalistischen Umgebungen gibt es keine Verantwortung für das Ganze. Nur die Quanten an Geldmengen sind entscheidend. Dass es hierbei um Kommunikation geht, ist fuer diese Akteure eigentlich Nebensache.

In nutzerorientierten Umgebungen ist das Ganze immer die Grundlage für das Einzelne. Die Kommunikation setzt die Aktion von mindestens 2 Partnern voraus. Aus dem Interesse einer freien und unbehinderten Kommunikation für uns selbst folgt notwendig das Interesse für die freie und unbehinderte Kommunikation für die Anderen.

2) Geographische oder virtuelle Lokalität.

Es gibt keine virtuelle Lokalität. Lokalität ist immer geographisch definiert. Jede Person kann sich ihre eigene Begriffwelt definieren. Ob sie damit allerdings in eine Kommunikation eintreten kann ist abhängig von der Bereitschaft der Anderen.

Aus der klaren Bestimmung einer Lokalität folgt auch die klare Bestimmung der Adresse einer Lokalität. Es ist der geografische Ort. Und nur dies ist notwendig, um ein Datenpaket beliebig von einem Ort zu einem anderen Ort zu transportieren.

3) Multicasting

Mit eindeutigen Adressen ist auch kein Multicasting möglich. Es ist auch nicht die Aufgabe eines Transportsystems für Datenpakete, diese zu vervielfachen. Diese Aufgabe haben immer die Sender.

Allerdings ist es technisch sehr einfach, in regionalen und lokalen Knoten dynamische Verteilserver zu aktivieren, die dann aus einem Paket viele machen. Ein Beispiel sind Mailverteilung oder Streamserver.

4) Transporttypen

Es gibt nur 2 Typen. Asynchron und synchron. Wegen den Zeitanforderungen werden synchrone Pakete bevorzugt. Sie sind meist kleiner. Sie sind wie Kinder, die zwischen den Beinen der Erwachsenen nach vorne streben. Oder auch wie Hunde, die immer einen Weg finden. Selbst bei einem grossen Stau der Erwachsenen.

Innerhalb der synchronen Pakete unterscheiden wir jene für den Notruf, die immer bevorzugt behandelt werden. Alle anderen warten.

5) Serverinstanzen

Wir unterscheiden nicht zwischen spezifischen Clients oder Servern. Jeder Knoten kann immer beides sein. Wenn zwei Kommunikationspartner die Funktionalitäten für Client und Server haben, dann fliessen die Pakete direkt von einem Partner zum anderen Partner. Dazwischen sind nur Transportknoten. Aber diese interessiert nur der IP-header. Der Inhalt bleibt verschlossen wie in einem Brief.

Aus dieser Symetrie der Operatoren folgt notwendig die Anforderung zur Symetrie der Transportkapazitäten. Und da jedes lokale Netzwerk auch einen zentralen Serverknoten besitzt, können dort all jene ihre Anforderungen auslagern, wenn sie nicht selbst einen eigenen Server unterhalten wollen. Weil die Serververwaltung kein grösseres technisches Problem darstellt, werden die meisten Endknoten im Netzwerk sich zu Client/Server-Instanzen entwickeln.

Zentrale Serverstrukturen wie Google, Facebook, Twitter, Hotmail und Yahoo werden sich auflösen. Sie sind überflüssig. Die Daten bleiben dezentral, wie sie es immer sind. Wie wir die dezentral verteilten Daten auf unserem Client sichtbar machen, ist ein völlig anderes Thema.

6) Backbones und ISP's.

Solche Konstruktionen sind für uns nicht notwendig, weil sie auch technisch nicht erforderlich sind. In der Diskussion "African take on Net Neutrality" können wir sehen, mit welchem Unsinn sich Menschen beschäftigen, weil sie das Netzwerk selbst nicht gestalten können. Sie sind Zaungäste, die nicht hinein gelassen werden. Sie müssen vor dem Zaun stehen und dürfen nur wenige Türen benutzen.

7) Transporttechnologien

In meinem Entwurf habe ich darauf hingewiesen, dass die heutigen technischen Beschränkungen niemals die Grundlage für diese Diskussion sein können. Welche Methoden wir verwenden, hat mit der Diskussion um Prinzipien nur wenig zu tun. Es ist primär eine Frage rationaler Erkenntnis. Es bleibt uns frei, den heutigen Unsinn auch in der Zukunft fortzusetzen.

Wir können die Technologien zum Datentransport auch als eine weltweite Gemeinschaftsaufgabe betrachten. Dies entspricht ihrem realen Gehalt für ein weltweites und freies Kommunikationssystem, an dem alle Menschen unserer kleinen Welt beteiligt sein wollen. Oder zumindest die meisten.

8) Mobile Kommunikationspartner.

Jedes mobile Kommunikationsgerät kontaktiert sich über einen lokalen Accesspoint zum weltweiten Kommunikationssystem. Und daran wird sich auch nichts ändern, weil es einen physikalischen Zwang dafür gibt. Damit hat jeder mobile Kommunikationspartner die globale Adresse des Accesspoints.

Für bewegte Geräte gilt immer das gleiche. Wir melden uns ab und neu an, oder umgekehrt. Ein einfaches Verfahren.

9) Die Analogie zur Strasse.

Unser Transportsystem für Datenpakete ist vergleichbar zu den Transportsystemen auf der Strasse. Es sind Gemeinschaftsaufgaben, weil sie wichtig sind für Gemeinschaften.

10) Staat, private Unternehmen und Comunas

In meinem Entwurf orientiere ich mich an den lokalen Lebensgemeinschaften, den Comunas. Staaten und private Unternehmen sind unwichtig, weil sie eigentlich überflüssig sind. Die Kommunikation findet immer zwischen Menschen statt und nicht zwischen virtuellen, nicht realen Konstruktionen.

Lokale Lebensgemeinschaften existieren real. Staaten und Unternehmen existieren nur in der Vorstellung. Deswegen beschäftige ich mich damit nicht.

Das Bedürfnis nach weltweiter Kommunikation existiert real. Es ist ein Grundbedürfnis der Menschen, miteinander in Kontakt zu treten, Ideen und Erfahrungen auszutauschen. Wenn wir also die Fremdinteressen weglassen, ihre materiellen Basen eliminieren, indem wir sie überflüssig machen, sind unsere Handlungsräume weit offen und frei betretbar.

Eine Zusammenfassung.

Bei unseren Ueberlegungen müssen wir jenes in den Mittelpunkt stellen, was wir erreichen wollen. Wir lösen uns von allen Dogmas. Wenn wir eine weltweite Kommunikationsmöglichkeit für alle Menschen anstreben, dann sollten wir auch dies zum Gegenstand unseres Denkens machen. Mit Nebenschauplätzen brauchen wir uns nicht beschäftigen.

Viele Gruesse in Solidaritaet, willi uebelherr
Jinotepe, Nicaragua

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