Hallo Florian,
eigentlich wollte ich ja eher Feedback generieren im Stil von "Schritt 17 ist unsicher weil Akteur X ja Aktion Y machen kann." Stattdessen bekomme ich aus unterschiedlichen Perspektiven das Feedback, dass Online-Wahlen grundsätzlich gefährlich sind und wir tunlichst die Finger davon lassen sollten. Nun gut, damit hätte ich rechnen können, weil es psychologisch viel leichter ist – und auch keinen Sinn ergibt sich in die technischen Details eines Ansatzes reinzudenken, den man grundsätzlich für falsch hält. Also muss ich wohl oder übel meine Argumente, warum ich Online-Wahlen durchaus für erwägenswert halte, ausführen (obwohl ich diese Diskussion eigentlich gar nicht führen wollte). On 09.11.20 22:03, Florian Snow wrote:>Ein > wichtiger Vorteil muss aber immer die Verständlichkeit sein, denn es > soll ja jeder nachvollziehen können, warum jemand anderes die Wahl > gewonnen hat. Zustimmung. Aber: Bei klassichen Papierwahlen kann kein Mensch alleine den gesamten Prozess überblicken. Insbesondere nicht die Auszählung. Wenn die Abstimmungsergebnisse in einem öffentlichen Repo liegen würden, wäre das sehr einfach. Im Informatikunterricht der 8. Klasse könnte man ein 7-zeiliges Programm schreiben, was diese Ergebnisse auswertet. Oder Menschen könnten sich auf Whats-App oder Facebook zu spontanen manuellen Auszähl-Kommitees zusammenfinden, etc. Dass es ein Repo ist macht die Redundanz und die Integritätsprüfung sehr sehr einfach. > Manche Auszählungen dauern lange und dann kommt der Ruf nach > technischen Lösungen, die das beschleunigen sollen. Mein Argument war nie, dass Auszählungen von Papierwahlen zu lange dauern. Den Hauptnachteil von Papierwahlen sehe ich darin, dass sie von Menschen vorbereitet und durchgeführt werden, die von den Menschen abhängig sind, über die entschieden wird. Zusammen mit der schlecht skallierenden Tranzsparenz beim Auszählen ist es nicht verwunderlich, dass es hinterher Manipulationsvorwürfe gibt. Drei Beispiele aus den letzten Wochen: Belarus, Tansania, USA. > Leider haben aber die technischen Systeme unlösbare Nachteile, z.B. > dass man nicht verifizieren kann, ob die Software, die vielleicht als > Freie Software zur Verfügung steht, auch wirklich die ist, die auf > dem Wahlcomputer läuft. Mein Vorschlag plädiert für: Wählen am eignen Rechner. Da gibt es schon Methoden, die es sehr unwahrscheinlich machen, dass eine andere Software läuft: Boot von einem Live-Linux z.B. > Aber selbst wenn das möglich wäre, kann aktuell jeder eine Wahl > kontrollieren, denn ich schau früh in die Kiste, ob die keinen > doppelten Boden hat und leer ist und abends schau ich wenn sie > aufgemacht wird und ob noch von woanders irgendwelche Stimmzettel > kommen. Das überzeugt mich nicht hinreichend. 1. Immenser Aufwand. 2. Pro Individuum nur in einem oder wenigen Wahllokalen durchfürbar. 3. Ich habe schon genug Zaubershows gesehen, um dem menschlichen Augenschein genau so zu misstrauen wie anderen Informationsquellen. 4. Der kritischste Punkt ist das aggregieren der Ergebnisse. Die werden aus den Wahllokalen irgendwie "nach oben" weitergemeldet. Was dort genau passiert ist aus meiner Sicht sehr auf Vertrauen gegenüber den Behörden angewiesen. Und dann kommen ein paar Leute die mit dem Ergebnis unzufrieden sind und sagen sie glauben es nicht und ihr Favorit hätte doch gewonnen. > Wenn das alles passt, weiß ich, die Wahl passt. Bei elektronischen > Wahlen können nur noch Experten diese Prüfung vornehmen und das ist > ein Problem. Das sehe ich anders. Aus meiner Sicht muss man bei Papierwahlen viel Vertrauen reinstecken. Bei dem von mir vorgeschlagenen System hat jede*r die Chance so tief wie gewünscht einzutauchen und Teilalspekte zu verstehen. Aber das wichtigste das Wahlergebnis könnte sehr sehr einfach und für alle transparent bestimmt werden. > > Es gibt natürlich noch weitere Probleme, z.B. die deutlich höheren > Kosten von elektronischen Wahlen (auch wenn das anders versprochen > wird) 1. Kosten halte ich für sekundär. 2. Ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass OnlineWahlen massiv günstiger sind. Vermutlich kommt es aber darauf an, was man mit einbezieht. Aus meiner Sicht sollten folgende Kosten berücksichtigt werden: Wahlzettel, Urnen, Verteilungslogistik, Wahllokalauf- und -abbau, Arbeitszeit Wahlhelfer:innen, Zeitaufwand (inkl. Wartezeit und Fahrkosten) der Wähler:innen. Das von mir vorgeschlagenen System sind ein paar Mails und ein paar git-commits pro Wähler:in selbst mit paralleler und redundanter Infrastruktur sehe ich nicht, wie man da ansatzweise auf die gleichen Kosten kommen soll. > und nicht zuletzt die Sicherheit. Bei unseren Papierwahlen ist eine > Manipulation, z.B. durch Geheimdienste nur schwer vorstellbar. Das sehe ich anders. Mein Eindruck ist, dass in einer Vielzahl der internationalen Wahlen über die berichtet wird, Manipulationsvorwürfe im Raum stehen. Und auch wenn ich sie in den jüngsten US-Wahlen für unbegründet halte, ist die Frage, wie man sie wirklich überzeugend zurückweisen kann. Und zwar so, dass auch emotional aufgewühlte Menschen mit Waffen es glauben, die nicht beim Öffnen Urnen und beim Auszählen leider nicht dabei sein konnten. > > Aus diesem Grund hat das Bundesverfassungsgericht elektronische > Wahlen untersagt und die FSF/GNU ein Projekt für ein freies > Wahlsystem eingestellt[0]. Danke für den Hinweis. Ich glaube aber, dass die Technologie heute weiter ist. Das Projekt wurde 2002 eingestellt. Damals war man Early-Adopter, wenn man die Versionskontrolle von CVS auf SVN migiert hat. :) An tor und git – zwei Kernkomponenten in meinem Entwurf – war für viele Jahre nicht zu denken. Genau so wie, dass jede:r heute in wengigen Minuten einen Server mieten oder einen Raspi ans Netz hängen kann. Oder 10. Oder 100. > > Wo solche Systeme aber interessant sind, ist bei Vereinen, gerade im > Moment. Da sind die Hürden nicht ganz so hoch, das Vertrauen > zwischen allen Organisatoren der Wahlen auch höher, weil sich viel > mehr Personen kennen und dort ist sowas nützlich. Volle Zustimmung. Ein Zwischending zwischen Vereinswahlen und politischen Wahlen, ist noch die Kandidat:innen-Wahl auf Parteitagen. > Da gibt es auch schon gute Lösungen, z.B. hat die FSFE für die > diesjährige Mitgliederversammlung OpenSlides[1] eingesetzt, das neben > den Wahlen auch noch ein paar mehr Funktionen bietet. Es gibt also > gute Verwendungen, nur halt nicht für allgemeine Wahlen. OpenSlides hat aus meiner Sicht einen massiven Nachteil: Alle müssen dem einen Server vertrauen bzw. den Menschen die diesen Server kontrollieren. Und andersrum können diese Menschen sich im Streitfall nicht glaubhaft gegen den Vorwurf der Manipulation wehren. Deswegen bin ich ganz ganz stark für einen dezentralen Ansatz, wo man eben keiner einzelnen Instanz vertrauen muss, sondern nur, dass die Instanzen nicht konspirativ kooperieren. Aus meiner Sicht ist Gewaltenteilung (besser: "Machtaufteilung") das Grundprinzip der Demokratie. Mein Ansatz versucht, dieses Prinzip durch Kombination von vertrauenswürdigen Standardwerkzeugen (git, gpg, email, tor) technisch abzubilden. https://github.com/cknoll/git-voting Abschließend möchte ich nochmal auf die ursprüngliche Motivation zurückkommen: Die aktuelle mediale Aufmerksamkeit für das Thema "Wahlen" dafür verwenden, Prinzipien wie Deneztralität, Signaturen und Annonymisierung mittels tor ins gespräch zu bringen. Und um Standards zu setzen. Sonst kommt vielleicht irgendwann wirklich "facebook vote". On 09.11.20 00:45, Carsten Knoll wrote: > Aus meiner Sicht verschaffen die Pandemie und der > US-Wahl-Glaubwürdigkeitskonflikt dem Thema "Online-Wahl" (und einem > potentiell daran festgemachten Loblied auf Freie Software und > Anonymisierungstools) gerade eine gute medial Bühne. > > Ich könnte mir folgendes vorstellen: > > 1. Den Text zu einem guten Blog-Beitrag aufzubohren und damit ggf. > ein bisschen Medienecho zu generieren. Nicht als Selbstzweck, sondern > um die Wichtigkeit von Verschlüsselung und Annonymisierung > hervorzuheben. > > 2. Eine Prototyp-Implementierung angehen. Da nur ausgereifte Tools > verwendet werden, sollte der Aufwand, um diese zusammenzubinden, > überschaubar sein. Dieser Prototyp könnte dann z.B. bei den > anstehenden Online-Parteitagen zum Einsatz kommen, und ganz nebenbei > der Politik die Nützlichkeit von Freier Software demonstrieren. > > > Für beides würde ich mich über Anregungen und Unterstützung freuen. > Noch wichtiger wäre aber Feedback, wo der Ansatz ggf. systemische > Schwachstellen hat. Beste Grüße, Carsten -- https://plq.de (Gründungsinitiative der Partei für Lebensqualität) https://plq.de/programm.html (Grundsatzprogramm Juli 2019) https://dresden.bits-und-baeume.org/ http://tu-dresden.de/pythonkurs (Pythonkurs für Ingenieur*innen) http://cknoll.github.io (Blog) http://tuuwi.de (TU Umweltinitiative) https://fsfw-dresden.de (HG für Freie Software und Freies Wissen) https://sober-arguments.net/ (Web-App für konstruktivere Diskussionen) Was bedeutet eigentlich der Anhang "signature.asc"? -> http://cknoll.github.io/emails-signieren.html
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