Liebe Jünger-Freunde,

nachstehender Pressenotiz entnehme ich einen Symposions-Vortrag in Wien über 
Ernst Jünger am 25. April. 

Ergänzend zur Pressenotiz die Angaben zum Vortrag:
Esther Marian (Wien): Ernst Jünger: Selbststilisierungen und biographische 
Projektionen 

Das komplette Programm hier: 
http://gtb.lbg.ac.at/index.php?pId=s2037bq1682irb200540&mediaId=10&languageId=DE&mode=record&aId=29


Schöne Grüße rundum, Ihr / Euer TW


        
http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=k&ressort=kl&id=553973
Literaturwissenschaft:
Die Biografie, der Bastard
VON ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse) 24.04.2006
Symposion in Wien, zu einem viel geschmähten Genre.

Als ich noch in der Wiege lag, ist ein Nibbio (ein Greifvogel, Anm.) zu mir 
herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und viele Male mit 
seinem Schwanz gegen meine Lippen gestoßen." So erinnert sich Leonardo da 
Vinci. Früher las man daraus den Wunsch zu fliegen. Erst Freud deutete es als 
Indiz für Homosexualität. Um als Biograf "wirklich zum Verständnis seines 
Helden durchzudringen", dürfe man nicht sexuelle Betätigung und Eigenart des 
Untersuchten übergehen, betonte der Begründer der Psychoanalyse. Freud lehnte 
aber ab, als Arnold Zweig die Lebensgeschichte seines Freundes schreiben 
wollte: "Biografische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn, wäre sie nicht zu 
gebrauchen".

Schamlos, nutzlos - die Biografie wurde schon viel geschmäht. "Im besten Fall 
ist es Dichtung, im schlimmsten penetrante Ichbezogenheit", urteilte der 
Historiker Robin Collingwood. "Seelen-Plagiat" nannte Vladimir Nabokov das 
Genre, einen "Bastard", eine "unreine Kunst" Virginia Woolf. Und doch kommt der 
Dauerseller des Buchmarktes auch wissenschaftlich wieder zu Ehren. Das zeigt 
auch das internationale Symposion "Spiegel und Maske", das heute, Montag, in 
Wien beginnt. Es ist die erste Großveranstaltung, mit der das vor einem Jahr 
eröffnete "Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Theorie der Biographie" 
an die Öffentlichkeit geht.

Freud muss sich im Freud-Jahr nicht ärgern: Es geht nicht um "biografische 
Wahrheit", sondern um deren "Konstruktionen": um Manipulation, Stilisierung, 
Verschweigen, Auslöschen. Schriftstellerbiografien stehen im Mittelpunkt. Der 
Streit darum kann bis zum Mord führen - das zeigt der Fall des rumänischen 
Religionswissenschaftlers und Romanciers Mircea Eliade. Ein Konflikt entbrannte 
nach 1989 um Eliades rechtsextremes Engagement. Und damit auch um die 
Biografie, die dessen Schüler Ioan Petru Culianu über ihn verfasst hatte. 
Culianu wurde ermordet.

Ähnlich politisch brisant für die Nachgeborenen war die Lebensgeschichte des 
1978 verstorbenen italienischen Autors Ignazio Silone. Als Ikone des 
Antifaschismus wurde er gefeiert, bis der Historiker Dario Biocca 1998 bewies, 
dass Silone jahrelang ein Informant der faschistischen Polizei war. Ein 
erbitterter Medienstreit zwischen Kritikern und Anhängern Silones folgte. Auch 
Ernst Jüngers Selbststilisierungen widmet sich ein Vortrag, ein anderer 
Lebensläufen im Dritten Reich, und wie sie später erzählt werden: am Beispiel 
von Marieluise Fleißer, Irmgard Keun und Wolfgang Koeppen.

Vier Österreicher hat sich das Boltzmann-Institut unter der Leitung des 
Germanisten Bernhard Fetz Laufzeit in seiner Arbeit als Schwerpunkt gesetzt: 
Hugo von Hofmannsthal, Eugenie Schwarzwald, Ernst Jandl und Thomas Bernhard. 
Wie kompliziert bei Bernhard Leben und Text ineinander greifen, Spiegel und 
Masken produziert werden, ist auch Gegenstand der Tagung. Titel: "Der 
Wahrheitsgehalt der Lüge".

Man hat es nicht einfach mit der "biografischen Wahrheit" - darauf ganz zu 
verzichten, besteht kein Grund, am wenigsten für Literaturwissenschaftler. Denn 
die "biografische Wahrheit" hat einiges mit der "Wahrheit der Dichtung" zu tun. 
Virginia Woolf zum Beispiel wusste um die Stärken des "Bastards" Biografie: 
"Der Biograf tut mehr, um die Einbildungskraft zu stimulieren, als irgendein 
Dichter, ausgenommen die allergrößten." Er könne bloße Fakten "schöpferisch", 
"fruchtbar" machen.

Die Oxforder Literaturwissenschaftlerin Hermione Lee hat das in ihrer berühmten 
Virginia-Woolf-Biografie versucht. In Wien erzählt sie, wie sie dabei mit 
Woolfs autobiografischen Texten umging. Wie weit muss ein Biograf zwischen den 
Zeilen lesen, die autobiografischen Lebensversionen dekonstruieren, um sie neu 
zu schreiben? Bernhard Fetz, Leiter des Boltzmann-Instituts, schließlich zeigt 
die Eigenart des Biografischen "zwischen Verlebendigung und Liquidierung" am 
Beispiel von Imre Kertész' Roman "Liquidation".

Weitere Veranstaltungen des zehnköpfigen Boltzmann-Instituts sind geplant: 
Symposien zu "Biografie und Film" beziehungsweise "Biografie und Religion" 
geplant sowie Ausstellungen zu Hofmannsthal und zu Schriftstellerinnen der 
Zwischenkriegszeit. 


-- 
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
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