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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.08.2006, Nr. 31 / Seite 60


Der Kreis der Philosophen
Geometrische Figuren stehen oft für ganze Weltbilder. Otto Weininger bekämpfte, 
Friedrich Georg Jünger lobte das Zyklische.

Von Lorenz Jäger

Was ist eigentlich ein Kreis? Eine der ältesten Gestalten, in denen sich die 
frühen Völker das Ganze vorstellten, die sie mit Steinen bildeten. Die Vielheit 
der Kräfte - seien sie kosmische oder gesellschaftliche, das eine spiegelte 
damals noch das andere -, die, wenn man sie auf einer bloßen Linie anordnete, 
nicht mehr als eine Summe wären, ein fortlaufendes Eins plus eins plus eins - 
diese Kräfte bekunden im Kreis, daß sie sich zu einer neuen Gestaltqualität 
vereinigt haben und insofern mehr sind als ihre Summe. Der Kreis, so vermuten 
wir, war das sakralisierte Ganze.

Gibt es überhaupt eine frühgeschichtliche Kultur, die diese Figur nicht in 
höchsten Ehren gehalten hätte? Ob der Kreis in seinen monumentalen Gestalten 
einen festlichen Versammlungsort bezeichnete oder ob er eine Art Observatorium 
darstellte, das auf die Sonnenwenden geeicht war, wird immer eine offene Frage 
bleiben, und es mag gut sein, daß er beide Zwecke erfüllte.

Die Denker nun haben gerne zu mathematischen und geometrischen Vorstellungen 
gegriffen, um ihren Systemen eine gewisse Anschaulichkeit zu geben. Nur einer 
unter ihnen war ein entschiedener Kreisfeind: der genialische Wiener Philosoph 
Otto Weininger, der sich nach dem Abschluß seines Hauptwerks "Geschlecht und 
Charakter" am 4. Oktober 1903 erschoß, gerade einmal dreiundzwanzig Jahre alt. 
Die Erhabenheit der planetarischen Kreisbahnen, an denen die Alte Welt hing, 
bis Kepler sie für Ellipsen erkannte, sei Zeichen eines durchaus falschen 
Pathos des Gesetzes, die Würde der Launenlosigkeit nur erschlichen. Die 
rückläufige Bewegung nämlich sei die unethische Form schlechthin: "Sie ist 
selbstzufrieden, sie schließt das Streben aus, sie wiederholt das Gleiche 
immerfort, sie ist, moralisch betrachtet, schlimmer als der wenigstens immer 
weiter rückwärts wollende, wenigstens sinnvolle Krebsgang."

Alles Kreisen sei absurd wie der Tanz, dem Weiningers besondere Erbitterung 
galt (Wien, die Stadt des Walzers, sah er als feminisiert und mithin 
"unsittlich" an), oder die Wiederholung war unheimlich wie das Deja vu; am Ende 
gar auch amoralisch, weil in den Bann zwingend wie der Ring der Ehe oder der 
Magie. Der Planet Saturn erschien Weininger "mit seinen Ringen und Monden 
geradezu als die Summation des Bösen".

Bewundernd steht man vor dieser angesichts der Verwissenschaftlichung fast 
tollkühnen Idee einer universellen physiognomischen Lesbarkeit der Welt, vor 
der psychologischen Ausdeutung von allem und jedem, die sich bei Weininger mit 
einer ungebrochenen Kraft äußert und ihn zu einem der großen Seelenforscher des 
zwanzigsten Jahrhunderts macht - einem gegenüber seinem Zeitgenossen Freud 
immer noch unterschätzten Mann.

Weiningers radikale Sittlichkeit in der Betrachtung der Natur und der 
geometrischen Figuren sparte indes die Struktur der Erfahrung, ja des Glücks 
aus. Von Erfahrung nämlich, dies hatte kein geringerer als Hegel dargelegt, 
läßt sich erst dann sprechen, wenn die jeweils neuen, aktuellen Erlebnisse 
zugleich als Rückkehrbewegungen zu älteren, als deren Erhellung, gedeutet 
werden können. Hegel gehört zu den großen Fürsprechern des Kreises in der 
Philosophie - betrachtete er doch sogar sein System als einen "Kreis von 
Kreisen". Und Glück schließt wohl immer ein "Wiederfinden" ein, eines 
Kinderwunsches vielleicht, eines Verlorengeglaubten.

Aber das Glück war es ja gerade, was dem jungen Weininger auf ewig versperrt 
schien. Nach seiner Lehre sollte die Zeit ausschließlich einsinnig sein. Das 
bedeutete nun: moderne Fortschrittslehre in ihrer allerkahlsten, 
lebensfeindlichsten Form. Denn zwar folgen die großen Kulturen allesamt einem 
Gründungsdatum, von dem her die Jahre in der Tat einsinnig fließen - die 
Griechen der ersten Olympiade, die Juden der Weltschöpfung, die Christen der 
Geburt des Erlösers, die Muslime dem Auszug des Propheten nach Medina -, aber 
das Leben innerhalb des Jahres ist auf die Wiederkehr verwiesen, auf die 
liturgischen oder säkularisierten Feste.

Der Dichter und Schriftsteller Friedrich Georg Jünger, Bruder von Ernst Jünger 
und Verfasser eines modernekritischen Buches über die "Perfektion der Technik", 
hat in einer geistvollen Kritik an Weininger geradezu versucht, den Suizid des 
Philosophen aus dieser ablehnenden Haltung gegenüber allem Zyklischen 
verständlich zu machen: "Wenn das Denken die Wiederkehr ablehnt, wird ihr 
Vollzug gestört. Wenn es sie radikal verneint, wird das Leben, das auf ihr 
beruht, unerträglich. Dort, wo jede Wiederkehr verneint wird, ist der 
Selbstmord unabwendbar. Daß nichts wiederkehren soll, ist der Wunsch dessen, 
der Hand an sich legt."

Literaturhinweis: Otto Weininger: Über rückläufige Bewegung, in: Über die 
letzten Dinge, München 1997

Friedrich Georg Jünger: Otto Weininger, in: Der Pfahl I. Jahrbuch aus dem 
Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft, München 1987


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