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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.09.2007, Nr. 36 / Seite 34

Mann aus Marmor
Helmuth Kiesels lebensferne Biographie über Ernst Jünger

Als Ernst Jüngers Wohnhaus in Wilflingen 1999, ein Jahr nach seinem Tod, als 
Gedenkstätte eröffnet wurde, die Gäste schon Platz genommen hatten, die 
Ansprachen gleich beginnen sollten, betrat, offenbar in bester Verfassung, ein 
sehr alter Mann mit etwas starrem Blick den Raum: "Das ist der LSD-Hofmann!", 
zischte jemand - und alle wandten sich um.

Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann, Erfinder der Droge LSD, heute 101 Jahre 
alt, hatte 1951 Ernst Jüngers ersten LSD-Versuch beaufsichtigt. Auch danach 
traf man sich regelmäßig, um die "Erkundung von Drogen fortzusetzen", wie 
Jünger das in einem Brief an Gottfried Benn nannte. In seinem Buch 
"Annäherungen - Drogen und Rausch" kann man darüber lesen. Hier aber saß nun 
Albert Hofmann höchstpersönlich, bestellte später, in einer Männerrunde im 
Gasthaus, Bier und tauschte mit den anderen Weggefährten des Schriftstellers 
Anekdoten über den Verstorbenen aus. Wer nicht unmittelbar dabeisaß, lauschte 
neugierig rüber.

Ernst Jüngers Werk ist, was die Person des Autors angeht, so undurchdringlich, 
so voller Stilisierungen und Posen, dass die Anekdoten derer, die ihn gekannt 
haben, die Erwartung wecken, einem mitteilen zu können, was für ein Mensch er 
denn nun war. Für die Literaturwissenschaft mag das unerheblich sein. Wer sich 
länger mit seinen Schriften beschäftigt, den interessiert es aber doch. Und 
weil es bisher nur einen Bildband zu "Leben und Werk" und die intellektuelle 
Biographie von Martin Meyer gab, ist man - wenn man schon Hofmanns Anekdoten 
nicht hören konnte - ganz einfach neugierig, welche Geschichten die in diesem 
Herbst erscheinenden Biographien von Jünger erzählen.

Wo bleibt das Private?

Gleich zwei Biographien erscheinen, was nichts mit einer Jünger-Renaissance zu 
tun hat, sondern mit einem Gedenktag: 2008 ist Jünger zehn Jahre tot. Die eine, 
"Ernst Jünger - Ein Jahrhundertleben", hat sein bekannter Fürsprecher Heimo 
Schwilk im Piper-Verlag geschrieben. Sie wird im Oktober zu lesen sein. Die 
andere, "Ernst Jünger - Die Biographie", verfasst vom Heidelberger 
Germanistik-Professor Helmuth Kiesel, gibt es jetzt schon. Sie ist 
siebenhundert Seiten dick. Ein langes Leben erfordert ein dickes Buch - denkt 
man.

Helmuth Kiesel gehört zu den Kennern des jüngerschen Gesamtwerks. Er 
paraphrasiert so gut wie alle seine Schriften und Romane, hat die umfangreiche 
und immer kontroverse Literatur über Jünger gesichtet, fasst Diskussionen 
zusammen, wägt ab. Zeitzeugen aber befragt er nicht. Er zitiert keine 
Anekdoten, schöpft nicht aus privater Überlieferung. Sein Buch ist deshalb eine 
ganz papierne Angelegenheit, speist sich aus Quellen, die jedem zugänglich 
sind, was man dem Autor nicht zur Last legen würde, hätte er sein Buch nicht 
"Die Biographie" genannt. Denn das ist doch gerade das Besondere an diesem 
Genre, dass es die Grenze zwischen Leben und Werk ohne weiteres überschreiten 
sollte: Das Leben darf und muss in der Biographie überhandnehmen, damit, von 
ihm ausgehend, das Bild eines Menschen gezeichnet werden kann, den man für 
historisch interessant hält. Das heißt nicht, dass man diese Person 
notwendigerweise feiern muss. Es gibt glänzende distanziert geschriebene 
Biographien. Ist ein Leben aber, was bei Jünger fraglos so ist, erzählenswert 
genug, steht das Werk an zweiter Stelle.

Kiesel hat sich ein anderes Ziel gesetzt. Er will Jünger Gerechtigkeit 
widerfahren lassen. "Leben und Werk", schreibt er programmatisch am Ende seiner 
Einleitung, "sollen nicht für sakrosankt erklärt werden. Sie müssen sich 
selbstverständlich eine kritische Musterung und eine Beurteilung nach heutigen 
Maßstäben gefallen lassen. Doch verlangt die Gerechtigkeit auch die 
Berücksichtigung der geschichtlichen Umstände, und das Interesse an einer 
möglichst breiten und eindringlichen historischen Erkenntnis sollte von einer 
Tabuisierung bestimmter Gegenstände abhalten." Man wird von Anfang an den 
Eindruck nicht los, dass Helmuth Kiesel hier der Anwalt ist und Ernst Jünger 
sein Mandant. Die Studie ist ein großes Plädoyer. Aber wogegen und wofür? 
Schließlich gibt es keine Berührungsängste mehr mit dem lange umstrittenen 
Autor, was nicht heißt, dass man ihn nicht weiterhin für streitbar halten kann. 
Man kann sich Jünger mit der größten Selbstverständlichkeit so nähern, wie er 
sich selbst den Dingen genähert hat: mit kühlem Blick. Tabus und ideologische 
Reflexe sind passé.

Kiesel aber will Jünger unbedingt in Schutz nehmen. Da er dabei keine These 
vertritt, immerzu das Für und Wider auslotet und angesichts der "historischen 
Umstände" Verständnis einfordert, ist man irgendwann nur noch verwirrt. 
Einerseits zeigt sich Kiesel zutiefst schockiert über einige Passagen zum 
Ersten Weltkrieg: "Man liest das mit Entsetzen. Man möchte die Augen davor 
verschließen. Man weigert sich, das zu verstehen, obwohl es aus der Zeit und 
aus der Situation heraus erklärbar ist. Und man fragt sich, ob das auch noch 
beschrieben werden musste." Dann wieder empört er sich über jene Kritik, die 
eben diesen Texten "menschenverachtende Indolenz" und "nekrophile Fixierung" 
vorwarf: "Hätte Jünger wirklich ausdrücklich sagen müssen, dass das, was er da 
schilderte, die eigene Abstumpfung eingeschlossen, empörend war? Als ob die 
schockierende und beklemmende Darstellung dieser Dinge nicht Protest und 
Selbstkritik genug wäre!"

So kommt man nicht weiter. Kiesel fragt allen Ernstes, ob Jünger angesichts der 
Schrecken des Ersten Weltkriegs denn hätte schweigen sollen, um dann 
festzustellen, dass dies "vermutlich gar nicht in seinem Belieben stand". 
Offenbar nicht. Dann wieder weist er auf die Verbissenheit hin, mit der Jünger 
jahrelang über den Krieg schrieb, und behauptet, er sei vom Krieg "schwer 
traumatisiert" gewesen, deswegen das lange Sich-Abarbeiten. Aber war Ernst 
Jünger traumatisiert? Und wenn, dann doch wohl gerade nicht in der Weise wie 
die erblindeten, tauben, zitternden Kameraden, denen nach Verschüttungen oder 
Granatexplosionen in den Psychiatrien die Kehlköpfe gespreizt oder die Glieder 
mit Stromschocks behandelt wurden, um sie mit einem buchstäblichen Gegenschlag 
zu reparieren? Jünger zeigte offenbar keine körperlichen Symptome. Im 
Kriegskontext bei ihm von "Trauma" zu sprechen, hätte einer Erklärung bedurft. 
Die umgangssprachliche Bedeutung des Wortes führt zu keiner Erkenntnis.

Warum Jünger sich so beharrlich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigte, er an 
seinen Texten, wie er das nannte, "ameisenhaft herumminierte", sie immer wieder 
überarbeitete und korrigierte, während er gleichzeitig für die 
Unempfindlichkeit, den distanzierten Blick, den Panzer eintrat - all das hätte 
psychologisch interessante Rückschlüsse zugelassen. Man hätte sie mit Aussagen 
von Weggefährten oder Überlieferungen untermauern und kommentieren können. 
Kiesel aber wendet sich lieber dem Werk zu: "Manches von dem, was im ,Kampf als 
inneres Erlebnis' zur Sprache kommt, ist diagnostisch bemerkenswert: die 
Ahnung, dass dieser Krieg aufgrund der angehäuften Masse an Aggressivität 
,nicht das Ende, sondern der Auftakt der Gewalt' gewesen sei." Müsste man nicht 
dazusagen, dass in dieser "Diagnose" der zwanziger Jahre auch ein Begehren 
steckte? Ein Sehnen nach dem nächsten Krieg angesichts der Niederlage des 
Ersten, welches Jünger beim "Herumminieren" an seinen Texten beträchtlich 
angetrieben hat?

Was war da los?

In der Germanistik wird gerne gesagt, dass ein Autor "modern" sei. Jemanden für 
den Kanon der literarischen Moderne zu gewinnen ist gewissermaßen der 
Ritterschlag für den jeweiligen Autor. Kiesel sagt sehr oft, dass Jünger 
"modern" ist, und an einer Stelle auch, dass er, sozusagen postmodern, Lacan 
gelesen habe und für ihn die strukturalistische Negation der Möglichkeit fester 
Bedeutungen weder eine große Überraschung noch ein Skandal gewesen wäre. Was 
daraus hervorgeht, ist unklar. Was es über den Menschen Ernst Jünger sagt, 
auch. "Wie dem auch sei", gehört zu Kiesels wiederholten Formulierungen. Seine 
Biographie ist interessant immer dann, wenn sie tatsächlich Jüngers Lebensweg 
beschreibt: mit wem er im Berlin der Weimarer Republik verkehrte; der Umzug 
1933 aus Berlin weg, um "Anonymität" zu gewinnen; das Verhältnis zu Carl 
Schmitt; oder das Kapitel über die Zeit in Paris, wohin Jünger ab Juni 1941 in 
den Kommandostab des Militärbefehlshabers in Frankreich, also zu Speidel, 
abkommandiert wurde. Die Kriege sind, gegenüber der Zeit danach, eindeutiger 
Schwerpunkt.

Doch will man es genauer wissen. Was war da jeweils los? Was ist nachträgliche 
Stilisierung und was nicht? Wie haben andere Jünger erlebt? Es leben doch noch 
lauter Menschen, die ihn gekannt haben. Dass er elitär war, die Distanz suchte, 
wenn andere agierten, erfährt man bei Kiesel. Dass er 1959, während eines 
Empfangs, einmal neben Otto Dix saß, den er verehrte, und es nicht merkte, weil 
er sich für die Namen der anderen nicht interessierte. Man erfährt, dass er mit 
Drogen experimentierte, aber nicht warum. Dass er in Paris eine Geliebte hatte, 
deren Nachlass aber gesperrt ist. Der in seinen Schriften undurchdringliche 
Jünger, der gerne an seiner "posthumen Existenz" feilte, bleibt so auch im 
Leben undurchdringlich. Oder, wie Kiesel sagen würde: Wie dem auch sei. JULIA 
ENCKE

Helmuth Kiesel: "Ernst Jünger. Die Biographie". Siedler-Verlag. 720 Seiten, 
24,95 Euro


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