Ein paar Bemerkungen erlaube ich mir. > > So kommt man nicht weiter. Kiesel fragt allen Ernstes, ob Jünger >angesichts der Schrecken des Ersten Weltkriegs denn hätte schweigen >sollen, um dann festzustellen, dass dies "vermutlich gar nicht in >seinem Belieben stand". Offenbar nicht. Dann wieder weist er auf die Verbissenheit hin, mit der Jünger jahrelang über den Krieg schrieb, >und behauptet, er sei vom Krieg "schwer traumatisiert" gewesen, >deswegen das lange Sich-Abarbeiten. Aber war Ernst Jünger >traumatisiert? Und wenn, dann doch wohl gerade nicht in der Weise wie >die erblindeten, tauben, zitternden Kameraden, denen nach >Verschüttungen oder Granatexplosionen in den Psychiatrien die >Kehlköpfe gespreizt oder die Glieder mit Stromschocks behandelt >wurden, um sie mit einem buchstäblichen Gegenschlag zu reparieren? >Jünger zeigte offenbar keine körperlichen Symptome. Im Kriegskontext >bei ihm von "Trauma" zu sprechen, hätte einer Erklärung bedurft. Die >umgangssprachliche Bedeutung des Wortes führt zu keiner Erkenntnis. > > Warum Jünger sich so beharrlich mit dem Ersten Weltkrieg >beschäftigte, er an seinen Texten, wie er das nannte, "ameisenhaft >herumminierte", sie immer wieder überarbeitete und korrigierte, >während er gleichzeitig für die Unempfindlichkeit, den distanzierten >Blick, den Panzer eintrat - all das hätte psychologisch interessante >Rückschlüsse zugelassen. Man hätte sie mit Aussagen von Weggefährten oder Überlieferungen untermauern und kommentieren können. Kiesel aber >wendet sich lieber dem Werk zu: "Manches von dem, was im ,Kampf als >inneres Erlebnis' zur Sprache kommt, ist diagnostisch bemerkenswert: >die Ahnung, dass dieser Krieg aufgrund der angehäuften Masse an >Aggressivität ,nicht das Ende, sondern der Auftakt der Gewalt' >gewesen sei." Müsste man nicht dazusagen, dass in dieser "Diagnose" >der zwanziger Jahre auch ein Begehren steckte? Ein Sehnen nach dem >nächsten Krieg angesichts der Niederlage des Ersten, welches Jünger >beim "Herumminieren" an seinen Texten beträchtlich angetrieben hat? >
1. Die Fragen der Rezensentin zum ersten Weltkrieg sind wenigstens bezüglich des Textes schon beantwortet worden. Ich weise zumindest auf eine gewisse Oxforder Dissertation aus dem Jahr 1999 hin ;) Allerdings versuchte ich mehr auf das Werk als auf das Leben Bezug zu nehmen, denn nur dort sind die Spuren einer grösseren, übergeordneten Kulturkrise zu finden und ich fand mich nicht besonders qualifiziert ausführliche Anmerkungen und Analyse zu Jüngers Persönlichkeit und Person zu machen. Wenn man aber Wörter und Begrife wie "Trauma" einsetzen will, sind sie aber auch genauer zu definieren - diese sind auch durch die medizinische Praxis oder die Psychoanalyse (bestensfalls beide!) besetzt. >sehr oft, dass Jünger "modern" ist, und an einer Stelle auch, dass >er, sozusagen postmodern, Lacan gelesen habe und für ihn die >strukturalistische Negation der Möglichkeit fester Bedeutungen weder >eine große Überraschung noch ein Skandal gewesen wäre. 2. Kommt mir auch bekannt vor. Nicht nur von mir. Aber ebenso wie mit "Trauma" sind solche Begriffe schlichtweg überladen und müssen für Analysezwecke eingegrenzt werden sonst bussen sie Aussagekraft ein. >"Anonymität" zu gewinnen; das Verhältnis zu Carl Schmitt; oder das >Kapitel über die Zeit in Paris, wohin Jünger ab Juni 1941 in den >Kommandostab des Militärbefehlshabers in Frankreich, also zu Speidel, >abkommandiert wurde. Die Kriege sind, gegenüber der Zeit danach, >eindeutiger Schwerpunkt. 3. Kann man sagen, ob Kiesel in dem Buch neue Quellen erschliesst? In meiner kurzen Zeit im Bundesmilitärarchiv in Freiburg fiel mir ein, es müsste dort auch vieles zu Ernst Jüngers Dienstzeit im 2. Weltkrieg geben. Er war nicht gerade an entlegenen Orten. Und die Akten sind meines Wissens nicht in dem gleichen Umfang verschollen oder verbrannt wie die des preussischen Heeres aus dem 1. WK. > > Doch will man es genauer wissen. Was war da jeweils los? Was ist >nachträgliche Stilisierung und was nicht? Wie haben andere Jünger 4. Hm, ein literarischer Text soll keine Stilisierung sein? Was denn sonst? Und auch die ursprunglichen Kriegstagebücher aus dem 1. Weltkrieg tragen deutliche Spuren seiner Ansichten und Wunschbilder. Da ich das Buch noch nicht gelesen haben, beziehen sich meine Bemerkungen auf die Rezension. Schöne Grüsse, jk
