Mein Eindruck ist nicht eben vorteilhaft. Gleich beim Schutzumschlag stellt
sich ein unangenehmes Gefühl ein: „Ernst Jünger. Die Biographie“. Ich kann
mir nicht helfen, das klingt irgendwie pubertär (Man assoziiert: „Dieter
Bohlen. Die Biographie“ etc. …). Beim Klappentext setzt sich das Gefühl
fort, wenn dort gleich dekretiert wird, das Buch sei „glänzend geschrieben“,
eine doch recht kühne Behauptung, die umgehend getoppt wird durch die
nächste, der Verfasser sei „einer der besten Kenner der literarischen
Moderne in Deutschland“. Warum sollte er dies sein? Etwa, weil er in der FAZ
v. 29.6.1990 der Welt mitteilte, daß auch er „Döblins ‚Amazonas’-Roman“
gelesen hat? – Je nun, könnte man vielleicht kalmierend einwenden, das ist
halt alles so, wenn jemand bei Random House publiziert…

 

In der Sache selbst, scheint mir die Arbeit misslungen zu sein. Für
informierte Leser ist das Buch inhaltlich schlicht zu „dünn“, während es für
Leser, die sich bisher nicht mit Jünger beschäftigt haben, in der Konzeption
zu verquast daher kommt.

 

Überrascht war ich von dem Ausmaß an Chuzpe, mit dem Kiesel die Leser
blufft, indem er glattweg unterstellt, Jüngers Aufsatz „Über Nationalismus
und Judenfrage“ wäre „unter dem Einfluß von Carl Schmitt“ geschrieben worden
(314, 333, es geht um Friedrich Julius Stahl…). Diese Passage, die zeigt,
daß der Verfasser vermutlich „einer der besten Kenner“ von überhaupt nichts
ist, werde ich in meine nicht eben kurze Liste „Hanebüchenes zu Carl Schmitt
aus Zwei Jahrhunderten“ aufnehmen. Es ist nicht zu glauben – man sollte doch
erwarten dürfen, daß ein deutscher Professor in der Lage ist - ganz
abgesehen davon, daß ihn bei dieser Passage schon die schrille Warnglocke
der Chronologie hätte aufwecken müssen -  in einer Bibliothek einmal Peter
Drucker und Hans-Joachim Schoeps zu konsultieren…

 

Aber die Zeit, in seiner Bibliographie einen eigenen Titel aufzunehmen(700),
der in den Münchener Fink-Mangroven überhaupt erst im kommenden Jahr
erscheinen soll, hat er schon. Dabei glaube ich eher nicht, daß er auch in
Sachen Schmitt ein ebenso „bester Kenner“ ist. Den „Römischen Katholizismus“
läßt er 1924 erscheinen, Schmitt ist bei ihm jemand aus dem „Kreis um
Brüning“ (417). Auf S. 415 ist Schmitt ein „begeisterter NS-Aktivist“, zwei
Seiten weiter lediglich ein „Kollaborateur“… Grotesk auch der Gedankengang,
„politisch ambitionierte Intellektuelle“ wie Schmitt hätten Jünger daran
gehindert, früher zum „reinen“ Dichter zu werden…

 

Na, ich lasse es gut sein. Würde man sich nun mit anderen wichtigen Personen
in Jüngers Leben befassen, die bei Kiesel vorkommen … nicht auszudenken…

 

 

  _____  

Von: [email protected] [mailto:[email protected]] Im
Auftrag von Klaus Gauger
Gesendet: Dienstag, 11. September 2007 23:35
An: [email protected]
Betreff: [juenger_org] Betrifft: [Jünger-Rundbrief] FAZ 09. September Rez.
zu Kiesel / EJ

 

Lieber John,

Kiesel liegt richtig, wenn er Jünger als "traumatisiert" bezeichnet. 
Julia Enckes Bemerkungen sind ignorant, auch wenn sie seinerzeit eine 
beachtete Dissertation zur literarischen Verarbeitung des Ersten 
Weltkriegs verfasst hat, wenn sie meint, der Traumatisierte müsse 
auch körperlich gezeichnet sein. Natürlich gab es auch Soldaten, die 
durch "shell-shock" kampfunfähig wurden und körperlich Symptome 
zeigten. Aber auch solche Soldaten, die diese Symptome nicht hatten, 
waren durch vier Jahre Grabenkrieg und durch den Tod ihrer meisten 
Kameraden und das harte, oft auch erbärmliche Leben an der Front 
zweifellos psychisch gezeichnet, und zu ihnen gehörte auch Jünger. 
Ich habe in meiner Dissertation selbst im Eingangskapitel, aber auch 
in den Kapiteln danach einiges zur Traumatisierung Jüngers durch den 
Ersten Weltkrieg dargelegt, in meinem Fall im psychoanalytischen 
Kontext. Es wäre ja auch widersinnig, wenn der Krieg spurlos an 
Jünger vorbeigegangen wäre, speziell wenn man daran denkt, dass 
gerade er durch den Krieg nicht nur gezeichnet, sondern auch geradezu 
ausgezeichnet wurde (man denke nur an seine zahlreichen Kriegsorden!).
Und das Gerede über Jüngers "Selbststilisierung" hat mich schon immer 
genervt. Jeder Mensch, der über sich selbst und seine Erlebnisse 
schreibt, betreibt Selbststilisierung, selbst ein 
gewollt "authentisch" daherkommender autobiographischer Text wie 
der "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz betreibt 
Selbststilisierung. Jünger ist da keine Ausnahme, er betreibt aber 
deshalb aber auch keine ihm gern unterstellte, 
hinterlistige "Maskierung" seiner "autoritär-masochistischen" 
Persönlichkeit (zu derlei Thesen siehe die zahlreiche Literatur 
zum "Soldatischen Mann" seit Theweleit).
Es ist die Aufgabe des Interpreten, subjektive und objektive Anteile 
im Text möglichst herauszuarbeiten, wobei immer klar sein wird, dass 
Jüngers Kriegstagebücher - sowohl in ihrer ursprünglichen als auch in 
ihrer später veröffentlichten Form - Bearbeitungen der Realität durch 
den Autor Jünger und nicht etwas objektive Wiedergabe der Realität 
sind. Ein Schriftsteller ist schliesslich kein stumpfsinniger 
Photoapparat.

Klaus Gauger

--- In juenger_org@ <mailto:juenger_org%40yahoogroups.de> yahoogroups.de hat
"jejking" <jejk...@...> 
geschrieben:
>
> Ein paar Bemerkungen erlaube ich mir.
> 
> > 
> > So kommt man nicht weiter. Kiesel fragt allen Ernstes, ob Jünger
> >angesichts der Schrecken des Ersten Weltkriegs denn hätte schweigen
> >sollen, um dann festzustellen, dass dies "vermutlich gar nicht in
> >seinem Belieben stand". Offenbar nicht. Dann wieder weist er auf 
die
> Verbissenheit hin, mit der Jünger jahrelang über den Krieg schrieb,
> >und behauptet, er sei vom Krieg "schwer traumatisiert" gewesen,
> >deswegen das lange Sich-Abarbeiten. Aber war Ernst Jünger
> >traumatisiert? Und wenn, dann doch wohl gerade nicht in der Weise 
wie
> >die erblindeten, tauben, zitternden Kameraden, denen nach
> >Verschüttungen oder Granatexplosionen in den Psychiatrien die
> >Kehlköpfe gespreizt oder die Glieder mit Stromschocks behandelt
> >wurden, um sie mit einem buchstäblichen Gegenschlag zu reparieren?
> >Jünger zeigte offenbar keine körperlichen Symptome. Im 
Kriegskontext
> >bei ihm von "Trauma" zu sprechen, hätte einer Erklärung bedurft. 
Die
> >umgangssprachliche Bedeutung des Wortes führt zu keiner Erkenntnis.
> > 
> > Warum Jünger sich so beharrlich mit dem Ersten Weltkrieg
> >beschäftigte, er an seinen Texten, wie er das nannte, "ameisenhaft
> >herumminierte", sie immer wieder überarbeitete und korrigierte,
> >während er gleichzeitig für die Unempfindlichkeit, den 
distanzierten
> >Blick, den Panzer eintrat - all das hätte psychologisch 
interessante
> >Rückschlüsse zugelassen. Man hätte sie mit Aussagen von 
Weggefährten
> oder Überlieferungen untermauern und kommentieren können. Kiesel 
aber
> >wendet sich lieber dem Werk zu: "Manches von dem, was im ,Kampf als
> >inneres Erlebnis' zur Sprache kommt, ist diagnostisch 
bemerkenswert:
> >die Ahnung, dass dieser Krieg aufgrund der angehäuften Masse an
> >Aggressivität ,nicht das Ende, sondern der Auftakt der Gewalt'
> >gewesen sei." Müsste man nicht dazusagen, dass in dieser "Diagnose"
> >der zwanziger Jahre auch ein Begehren steckte? Ein Sehnen nach dem
> >nächsten Krieg angesichts der Niederlage des Ersten, welches Jünger
> >beim "Herumminieren" an seinen Texten beträchtlich angetrieben hat?
> >
> 
> 1. Die Fragen der Rezensentin zum ersten Weltkrieg sind wenigstens
> bezüglich des Textes schon beantwortet worden. Ich weise zumindest 
auf
> eine gewisse Oxforder Dissertation aus dem Jahr 1999 hin ;) 
Allerdings
> versuchte ich mehr auf das Werk als auf das Leben Bezug zu nehmen,
> denn nur dort sind die Spuren einer grösseren, übergeordneten
> Kulturkrise zu finden und ich fand mich nicht besonders qualifiziert
> ausführliche Anmerkungen und Analyse zu Jüngers Persönlichkeit und
> Person zu machen. Wenn man aber Wörter und Begrife wie "Trauma"
> einsetzen will, sind sie aber auch genauer zu definieren - diese 
sind
> auch durch die medizinische Praxis oder die Psychoanalyse
> (bestensfalls beide!) besetzt.
> 
> >sehr oft, dass Jünger "modern" ist, und an einer Stelle auch, dass
> >er, sozusagen postmodern, Lacan gelesen habe und für ihn die
> >strukturalistische Negation der Möglichkeit fester Bedeutungen 
weder
> >eine große Überraschung noch ein Skandal gewesen wäre. 
> 
> 2. Kommt mir auch bekannt vor. Nicht nur von mir. Aber ebenso wie 
mit
> "Trauma" sind solche Begriffe schlichtweg überladen und müssen für
> Analysezwecke eingegrenzt werden sonst bussen sie Aussagekraft ein.
> 
> >"Anonymität" zu gewinnen; das Verhältnis zu Carl Schmitt; oder das
> >Kapitel über die Zeit in Paris, wohin Jünger ab Juni 1941 in den
> >Kommandostab des Militärbefehlshabers in Frankreich, also zu 
Speidel,
> >abkommandiert wurde. Die Kriege sind, gegenüber der Zeit danach,
> >eindeutiger Schwerpunkt.
> 
> 3. Kann man sagen, ob Kiesel in dem Buch neue Quellen erschliesst? 
In
> meiner kurzen Zeit im Bundesmilitärarchiv in Freiburg fiel mir ein, 
es
> müsste dort auch vieles zu Ernst Jüngers Dienstzeit im 2. Weltkrieg
> geben. Er war nicht gerade an entlegenen Orten. Und die Akten sind
> meines Wissens nicht in dem gleichen Umfang verschollen oder 
verbrannt
> wie die des preussischen Heeres aus dem 1. WK.
> 
> > 
> > Doch will man es genauer wissen. Was war da jeweils los? Was ist
> >nachträgliche Stilisierung und was nicht? Wie haben andere Jünger 
> 
> 4. Hm, ein literarischer Text soll keine Stilisierung sein? Was denn
> sonst? Und auch die ursprunglichen Kriegstagebücher aus dem 1.
> Weltkrieg tragen deutliche Spuren seiner Ansichten und Wunschbilder.
> 
> Da ich das Buch noch nicht gelesen haben, beziehen sich meine
> Bemerkungen auf die Rezension.
> 
> Schöne Grüsse,
> 
> jk
>

 

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