Lieber Herr Raithel,


das alles glaube ich Ihnen sofort, natürlich ist Kiesel alles andere 
als ein Genie. Aber auch die Biographien von Noack oder die eher 
werkbiographische Arbeit von Martin Meyer waren nicht das Gelbe vom 
Ei. Ich selbst habe mir Kiesels Arbeit bisher nicht angesehen, werde 
es aber bei Gelegenheit tun. Die Bemerkungen von Julia Encke finde 
ich eher unangebracht, aber dieses ganze grossmäulige 
Rezensentengehabe, das meist dazu dient, jahrelangen Forscherfleiss 
auf 100-200 Zeilen niederzumachen, hat mir nie gepasst. Ich bin 
selbst seit 20 Jahren Journalist und ich war in meinen 
Buchrezensionen immer behutsam, ausser wenn offensichtlich Unsinniges 
zu Papier gebracht wurde. Kiesel habe ich selbst mal bei einem 
Symposium zu den Brüdern Jünger von fast zehn Jahren in Heidelberg 
kennengelernt, er schien mir kein grosses Licht zu sein, aber glatten 
Schwachsinn hat er sicher nicht verfasst, auch wenn solches Gerede 
wie "glänzend geschrieben" oder "einer der besten Kenner der 
literarischen Moderne Deutschlands" der übliche Unsinn ist, der auf 
dem Klappentext zum Autor zusammengepinselt wird.







 --- In [email protected] hat "Andreas Raithel" 
<andreasrait...@...> geschrieben:
>
> Mein Eindruck ist nicht eben vorteilhaft. Gleich beim 
Schutzumschlag stellt
> sich ein unangenehmes Gefühl ein: „Ernst Jünger. Die Biographie". 
Ich kann
> mir nicht helfen, das klingt irgendwie pubertär (Man 
assoziiert: „Dieter
> Bohlen. Die Biographie" etc. …). Beim Klappentext setzt sich das 
Gefühl
> fort, wenn dort gleich dekretiert wird, das Buch sei „glänzend 
geschrieben",
> eine doch recht kühne Behauptung, die umgehend getoppt wird durch 
die
> nächste, der Verfasser sei „einer der besten Kenner der 
literarischen
> Moderne in Deutschland". Warum sollte er dies sein? Etwa, weil er 
in der FAZ
> v. 29.6.1990 der Welt mitteilte, daß auch er „Döblins ‚Amazonas'-
Roman"
> gelesen hat? – Je nun, könnte man vielleicht kalmierend einwenden, 
das ist
> halt alles so, wenn jemand bei Random House publiziert…
> 
>  
> 
> In der Sache selbst, scheint mir die Arbeit misslungen zu sein. Für
> informierte Leser ist das Buch inhaltlich schlicht zu „dünn", 
während es für
> Leser, die sich bisher nicht mit Jünger beschäftigt haben, in der 
Konzeption
> zu verquast daher kommt.
> 
>  
> 
> Überrascht war ich von dem Ausmaß an Chuzpe, mit dem Kiesel die 
Leser
> blufft, indem er glattweg unterstellt, Jüngers Aufsatz „Über 
Nationalismus
> und Judenfrage" wäre „unter dem Einfluß von Carl Schmitt" 
geschrieben worden
> (314, 333, es geht um Friedrich Julius Stahl…). Diese Passage, die 
zeigt,
> daß der Verfasser vermutlich „einer der besten Kenner" von 
überhaupt nichts
> ist, werde ich in meine nicht eben kurze Liste „Hanebüchenes zu 
Carl Schmitt
> aus Zwei Jahrhunderten" aufnehmen. Es ist nicht zu glauben – man 
sollte doch
> erwarten dürfen, daß ein deutscher Professor in der Lage ist - ganz
> abgesehen davon, daß ihn bei dieser Passage schon die schrille 
Warnglocke
> der Chronologie hätte aufwecken müssen -  in einer Bibliothek 
einmal Peter
> Drucker und Hans-Joachim Schoeps zu konsultieren…
> 
>  
> 
> Aber die Zeit, in seiner Bibliographie einen eigenen Titel 
aufzunehmen(700),
> der in den Münchener Fink-Mangroven überhaupt erst im kommenden Jahr
> erscheinen soll, hat er schon. Dabei glaube ich eher nicht, daß er 
auch in
> Sachen Schmitt ein ebenso „bester Kenner" ist. Den „Römischen 
Katholizismus"
> läßt er 1924 erscheinen, Schmitt ist bei ihm jemand aus dem „Kreis 
um
> Brüning" (417). Auf S. 415 ist Schmitt ein „begeisterter NS-
Aktivist", zwei
> Seiten weiter lediglich ein „Kollaborateur"… Grotesk auch der 
Gedankengang,
> „politisch ambitionierte Intellektuelle" wie Schmitt hätten Jünger 
daran
> gehindert, früher zum „reinen" Dichter zu werden…
> 
>  
> 
> Na, ich lasse es gut sein. Würde man sich nun mit anderen wichtigen 
Personen
> in Jüngers Leben befassen, die bei Kiesel vorkommen … nicht 
auszudenken…
> 
>  
> 
>  
> 
>   _____  
> 
> Von: [email protected] [mailto:[email protected]] 
Im
> Auftrag von Klaus Gauger
> Gesendet: Dienstag, 11. September 2007 23:35
> An: [email protected]
> Betreff: [juenger_org] Betrifft: [Jünger-Rundbrief] FAZ 09. 
September Rez.
> zu Kiesel / EJ
> 
>  
> 
> Lieber John,
> 
> Kiesel liegt richtig, wenn er Jünger als "traumatisiert" 
bezeichnet. 
> Julia Enckes Bemerkungen sind ignorant, auch wenn sie seinerzeit 
eine 
> beachtete Dissertation zur literarischen Verarbeitung des Ersten 
> Weltkriegs verfasst hat, wenn sie meint, der Traumatisierte müsse 
> auch körperlich gezeichnet sein. Natürlich gab es auch Soldaten, 
die 
> durch "shell-shock" kampfunfähig wurden und körperlich Symptome 
> zeigten. Aber auch solche Soldaten, die diese Symptome nicht 
hatten, 
> waren durch vier Jahre Grabenkrieg und durch den Tod ihrer meisten 
> Kameraden und das harte, oft auch erbärmliche Leben an der Front 
> zweifellos psychisch gezeichnet, und zu ihnen gehörte auch Jünger. 
> Ich habe in meiner Dissertation selbst im Eingangskapitel, aber 
auch 
> in den Kapiteln danach einiges zur Traumatisierung Jüngers durch 
den 
> Ersten Weltkrieg dargelegt, in meinem Fall im psychoanalytischen 
> Kontext. Es wäre ja auch widersinnig, wenn der Krieg spurlos an 
> Jünger vorbeigegangen wäre, speziell wenn man daran denkt, dass 
> gerade er durch den Krieg nicht nur gezeichnet, sondern auch 
geradezu 
> ausgezeichnet wurde (man denke nur an seine zahlreichen 
Kriegsorden!).
> Und das Gerede über Jüngers "Selbststilisierung" hat mich schon 
immer 
> genervt. Jeder Mensch, der über sich selbst und seine Erlebnisse 
> schreibt, betreibt Selbststilisierung, selbst ein 
> gewollt "authentisch" daherkommender autobiographischer Text wie 
> der "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz betreibt 
> Selbststilisierung. Jünger ist da keine Ausnahme, er betreibt aber 
> deshalb aber auch keine ihm gern unterstellte, 
> hinterlistige "Maskierung" seiner "autoritär-masochistischen" 
> Persönlichkeit (zu derlei Thesen siehe die zahlreiche Literatur 
> zum "Soldatischen Mann" seit Theweleit).
> Es ist die Aufgabe des Interpreten, subjektive und objektive 
Anteile 
> im Text möglichst herauszuarbeiten, wobei immer klar sein wird, 
dass 
> Jüngers Kriegstagebücher - sowohl in ihrer ursprünglichen als auch 
in 
> ihrer später veröffentlichten Form - Bearbeitungen der Realität 
durch 
> den Autor Jünger und nicht etwas objektive Wiedergabe der Realität 
> sind. Ein Schriftsteller ist schliesslich kein stumpfsinniger 
> Photoapparat.
> 
> Klaus Gauger
> 
> --- In juenger_org@ <mailto:juenger_org%40yahoogroups.de> 
yahoogroups.de hat
> "jejking" <jejking@> 
> geschrieben:
> >
> > Ein paar Bemerkungen erlaube ich mir.
> > 
> > > 
> > > So kommt man nicht weiter. Kiesel fragt allen Ernstes, ob Jünger
> > >angesichts der Schrecken des Ersten Weltkriegs denn hätte 
schweigen
> > >sollen, um dann festzustellen, dass dies "vermutlich gar nicht in
> > >seinem Belieben stand". Offenbar nicht. Dann wieder weist er auf 
> die
> > Verbissenheit hin, mit der Jünger jahrelang über den Krieg 
schrieb,
> > >und behauptet, er sei vom Krieg "schwer traumatisiert" gewesen,
> > >deswegen das lange Sich-Abarbeiten. Aber war Ernst Jünger
> > >traumatisiert? Und wenn, dann doch wohl gerade nicht in der 
Weise 
> wie
> > >die erblindeten, tauben, zitternden Kameraden, denen nach
> > >Verschüttungen oder Granatexplosionen in den Psychiatrien die
> > >Kehlköpfe gespreizt oder die Glieder mit Stromschocks behandelt
> > >wurden, um sie mit einem buchstäblichen Gegenschlag zu 
reparieren?
> > >Jünger zeigte offenbar keine körperlichen Symptome. Im 
> Kriegskontext
> > >bei ihm von "Trauma" zu sprechen, hätte einer Erklärung bedurft. 
> Die
> > >umgangssprachliche Bedeutung des Wortes führt zu keiner 
Erkenntnis.
> > > 
> > > Warum Jünger sich so beharrlich mit dem Ersten Weltkrieg
> > >beschäftigte, er an seinen Texten, wie er das 
nannte, "ameisenhaft
> > >herumminierte", sie immer wieder überarbeitete und korrigierte,
> > >während er gleichzeitig für die Unempfindlichkeit, den 
> distanzierten
> > >Blick, den Panzer eintrat - all das hätte psychologisch 
> interessante
> > >Rückschlüsse zugelassen. Man hätte sie mit Aussagen von 
> Weggefährten
> > oder Überlieferungen untermauern und kommentieren können. Kiesel 
> aber
> > >wendet sich lieber dem Werk zu: "Manches von dem, was im ,Kampf 
als
> > >inneres Erlebnis' zur Sprache kommt, ist diagnostisch 
> bemerkenswert:
> > >die Ahnung, dass dieser Krieg aufgrund der angehäuften Masse an
> > >Aggressivität ,nicht das Ende, sondern der Auftakt der Gewalt'
> > >gewesen sei." Müsste man nicht dazusagen, dass in 
dieser "Diagnose"
> > >der zwanziger Jahre auch ein Begehren steckte? Ein Sehnen nach 
dem
> > >nächsten Krieg angesichts der Niederlage des Ersten, welches 
Jünger
> > >beim "Herumminieren" an seinen Texten beträchtlich angetrieben 
hat?
> > >
> > 
> > 1. Die Fragen der Rezensentin zum ersten Weltkrieg sind wenigstens
> > bezüglich des Textes schon beantwortet worden. Ich weise 
zumindest 
> auf
> > eine gewisse Oxforder Dissertation aus dem Jahr 1999 hin ;) 
> Allerdings
> > versuchte ich mehr auf das Werk als auf das Leben Bezug zu nehmen,
> > denn nur dort sind die Spuren einer grösseren, übergeordneten
> > Kulturkrise zu finden und ich fand mich nicht besonders 
qualifiziert
> > ausführliche Anmerkungen und Analyse zu Jüngers Persönlichkeit und
> > Person zu machen. Wenn man aber Wörter und Begrife wie "Trauma"
> > einsetzen will, sind sie aber auch genauer zu definieren - diese 
> sind
> > auch durch die medizinische Praxis oder die Psychoanalyse
> > (bestensfalls beide!) besetzt.
> > 
> > >sehr oft, dass Jünger "modern" ist, und an einer Stelle auch, 
dass
> > >er, sozusagen postmodern, Lacan gelesen habe und für ihn die
> > >strukturalistische Negation der Möglichkeit fester Bedeutungen 
> weder
> > >eine große Überraschung noch ein Skandal gewesen wäre. 
> > 
> > 2. Kommt mir auch bekannt vor. Nicht nur von mir. Aber ebenso wie 
> mit
> > "Trauma" sind solche Begriffe schlichtweg überladen und müssen für
> > Analysezwecke eingegrenzt werden sonst bussen sie Aussagekraft 
ein.
> > 
> > >"Anonymität" zu gewinnen; das Verhältnis zu Carl Schmitt; oder 
das
> > >Kapitel über die Zeit in Paris, wohin Jünger ab Juni 1941 in den
> > >Kommandostab des Militärbefehlshabers in Frankreich, also zu 
> Speidel,
> > >abkommandiert wurde. Die Kriege sind, gegenüber der Zeit danach,
> > >eindeutiger Schwerpunkt.
> > 
> > 3. Kann man sagen, ob Kiesel in dem Buch neue Quellen 
erschliesst? 
> In
> > meiner kurzen Zeit im Bundesmilitärarchiv in Freiburg fiel mir 
ein, 
> es
> > müsste dort auch vieles zu Ernst Jüngers Dienstzeit im 2. 
Weltkrieg
> > geben. Er war nicht gerade an entlegenen Orten. Und die Akten sind
> > meines Wissens nicht in dem gleichen Umfang verschollen oder 
> verbrannt
> > wie die des preussischen Heeres aus dem 1. WK.
> > 
> > > 
> > > Doch will man es genauer wissen. Was war da jeweils los? Was ist
> > >nachträgliche Stilisierung und was nicht? Wie haben andere 
Jünger 
> > 
> > 4. Hm, ein literarischer Text soll keine Stilisierung sein? Was 
denn
> > sonst? Und auch die ursprunglichen Kriegstagebücher aus dem 1.
> > Weltkrieg tragen deutliche Spuren seiner Ansichten und 
Wunschbilder.
> > 
> > Da ich das Buch noch nicht gelesen haben, beziehen sich meine
> > Bemerkungen auf die Rezension.
> > 
> > Schöne Grüsse,
> > 
> > jk
> >
>


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