On Mo, 3.12.2007, 16:42, Helga Köcher wrote:

> Dass auch jetzt die Auflösung von Netznetz in Erwägung gezogen wird,
> schockt mich womöglich noch mehr.
> Sind das tatsächlich die Leute, die sich da in den letzten beiden Jahren
> verbal so unglaublich stark gemacht haben?
> Was ist das für ein Standvermögen?
> Was täten die, wie würden die reagieren, wenn sie sich wirklich mal
> einer Macht gegenüber sehen?
> Und hat diese ja doch in vieler Weise vernetzte und kooperierende Menge
> dieser Menschen (wenn ich nicht Community sagen soll) wirklich nichts
> anderes Gemeinsames als die bescheidene Förderung der Stadt Wien?

Liebe Helga,
liebe alle,

diese Fragen habe ich nahezu gleichlautend an das gestern sehr schütter
besetzte Plenum gerichtet - leider ohne eine befriedigende Antwort zu
erhalten.

Es wäre natürlich bequem zu sagen, soziale Bewegungen haben eben
erfahrungsgemäss eine Fieberkurve, die nach 2-3 Jahren abnimmt. In der
Regel passiert dies, wenn frühe idealistische Konstrukte der Notwendigkeit
von Realpolitik weichen müssen.

Unter einem Bekenntnis zur Realpolitik verstehe ich zB die kollektive
Einsicht, dass bestimmte Formen der - von manchen so geliebten
-Desorganisation (etwa "wir wissen nicht wer wir sind" oder "wir dürfen
den Fördergegenstand nicht definieren" oder "wir haben eh ausreichend für
alles Zeit") aufgegeben werden müssen, wenn dieses Experiment weitergehen
soll.

Sonnenklar ist, dass dieser Fördertopf nur dann weiter unter dem Titel
"Selbstverwaltung" existieren kann, wenn gewisse Mindeststandards
eingehalten werden - formal, inhaltlich, terminbezogen und auf den Umgang
untereinander.

Wer wundert sich denn hierlists wirklich, dass die Stadt "einen Schuss vor
den Bug setzt", wenn etwa der vormalige Koordinator Andreas Trawöger 6
Monate lang Vertreter/innen der Stadt nicht zurückruft und auch gegenüber
NetzNetz die ihm übertragenen Aufgaben nicht erfüllt hat? Die
"Plenarordnung" etwa sollte bereits Ende 2006 zum betreffenden
Gemeinderatsantrag für das Jahr 2007 geliefert werden, passiert ist da bis
heute nichts. Paul Böhm hat zwar dankenswerter Weise diese Aufgabe bei
Plenum Ende September übernommen (Frist gestern abegelaufen), aber mir ist
klar und es ist sicher jedem und jeder hier verständlich, dass er aufgrund
der DeepSec-Organisation vermutlich auch noch nicht dazugekommen ist -

bloss, die Zeit ist nahezu abgelaufen und wenn NetzNetz keine Vorgaben
liefert, werden sie ab sofort von anderer Stelle, nämlich der entnervten
Kulturabteilung, gemacht. So siehts aus, Leute - sonnenklar.

Unklar ist mir hingegen, warum die allseits bekannten Befürworter/innen
des Jurymodells plötzlich Kreide schluckt haben und den Verlust der
Selbstverwaltung öffentlich bedauern - vor allem verstehe ich nicht, wieso
der Glaube aufkeimen kann, dass die Menschen hier ein derartiges
Kurzzeitgedächtnis an den Tag legen.

Meine Meinung:

Ich persönlich sehe schon eine gut vernetzte, im Grunde sogar eine geeinte
Szene die in den vergangenen 3 Jahren eine beachtenswerte Form von
Solidarökonomie ausgebildet hat, die ihresgleichen europaweit suchen kann
(womit ich selbstverständlich nicht meine, dass jeder mit jeder kann). Ich
sehe in Wien etwa die grossartige Möglichkeit, mit einem sprichwörtlichen
Koffer anzukommen und - ex nihilo mit vielen helping hands - ein Projekt
auf die Beine stellen zu können. Das finde ich phantastisch!

In den vergangenen Wochen habe ich mit vielen, sehr vielen Menschen
gesprochen, die das ebenso sehen. Der Tenor ist: NetzNetz ist eben NICHT
das Fördermodell, was von einigen aus offensichtlichem Interesse immer
wieder so dargestellt wird.

Faktum ist aber, dass WENN NetzNetz darüber hinaus weiter einen
selbstverwalteten Fördertopf selbstbestimmt verwalten soll, dass manche
"Fundis" eben über ihren Schatten springen müssen (s. o.) oder das Projekt
ist tot, weil es zu keiner Einigung auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner
kommt. Ein vernünftiger politisch denkender Mensch weiss einfach, wann es
nötig ist einen Kompromiss zu schliessen.

Herzliche Grüsse,
Stefan


PS> Ich hätte auch vorschlagen können, als Druckmittel auf die Stadt die
Opernball-Demo wieder anzumelden, durch NetzNetz (Motto: "Tod dem
Überwachungsstaat", auf den Namen von Telehans) - aber ich denke, es wird
aus meinem Mail klar, dass ich persönlich für sachlichere, konstruktivere
und vor allem konkretere Realpolitik optiere.



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