Hallo Matthias,

danke für dein langes und `direktes´ Mail. 

Wir werden morgen mit dem Team von 
[EMAIL PROTECTED] ein Arbeitsreffen
haben und danach beginnen, auf deine Fragen 
thematisch zu reagieren, ok?

Ein JourFixe-Abend wäre auch eine Möglichkeit, 
diese Diskussionen weiterzubringen - 
wir melden uns, wie gesagt. 

Auf bald und 

Best wishes, 

Andreas Leo


Teil 1)

Hallo liebe NetzNetz Leute,

erstmal ein freundliches Dankeschön von Michael, Sarah, Simon & mir. Wir werden 
das zugesprochene Kapital sinnstiftend verwenden; es war ein schöner Abend!

lG, 

They Shoot Music - Don't They 

Teil 2) 

... der folgende Teil kommt von mir persönlich; das Thema wird keine 
Überraschung sein, und ich werde vermutlich auch nicht der erste sein, der die 
Punkte anspricht. Damit ich euch nicht langweile, versuch ich's mit Direktheit:

Die Wahlprozesse schreien geradezu nach unsauberer Wurschtelei. Als kleines 
Beispiel:
Ausgehend von der Anzahl letztjährig Validierten und derer, die tatsächlich 
eine Stimme abgegeben hatten, hatte ich die uns zugeteilte Fördersumme auf 2850 
Euro prognostiziert. Darin waren unsere selbstsüchtig vergebenen Eigenstimmen 
inkludiert, plus zwei von Leuten, die wir im Vorfeld von unserer Idee 
begeistern konnten. 

Die tatsächliche vergebene Summe hat sich dann - vor der Kürzung aufs Minimum 
durch die Trustees - auf 3080 Euro belaufen. Kein sehr aufregender Unterschied. 

Problem 1)
Die Menge der wählenden Leute ist zu klein. Eine Vollstimme ist umgerechnet ca. 
450 Euro wert. Das ist ein hoher Betrag, der einiges an Aufwand rechtfertigt. 
So könnte man z.B. jemandem 100 Euro Aufwandsentschädigung für eine Stimme 
anbieten. Mich würde übrigens eine Statistik der vergebenen Punkte 
interessieren. D.h. wieviel % der Leute z.B. 100 Punkte an ein Projekt vergeben 
haben, wieviel 90, usw. Daran könnte man vermutlich ganz gut ablesen, ob das 
System der Streuung funktioniert, oder primär aus 
"Geh-wählst-dieses-mal-eh-wieder-für-uns-Wir-revangieren-uns-das-nächste-mal-Stimmen"
 besteht. 

Problem 2)
Die Community selbst ist (aus Zweckmäßigkeit) kaum an neuen Projekten 
interessiert. D.h. die Präsentationsarbeiten werden per Konzept nichtig. Das 
scheint toleriert zu werden; warum sonst sollte es möglich sein, zu wählen, 
bevor die letzte Präsentation vorüber ist? Warum gibt es keine 
Song-Contest-artige Zwangsstreuung? 12 Punkte 10 Punkte 8 Punkte 6 Punkte z.B. 
Das würde gekaufte, oder über bestehende soziale Kontakte erlangte Stimmen 
abschwächen und man motiviert die Projektteams, sich auch mit anderen Projekten 
auseinanderzusetzen. Generell kommt mir die Bandbreite von 100 für NetzNetz 
Dimensionen groß vor. Wieviele Leute haben außerhalb der 10er Schritte gewählt?

Problem 3)
Der Wahlvorgang selbst. Warum wird auf eine anonyme Wahl verzichtet? Obiges 
Beispiel der 100 Euro Aufwandsentschädigung könnte damit z.B. unattraktiver 
werden. 

Problem 4)
Der Validierungsvorgang. Die Liste war Freitag Nacht online, wenn ich mich 
recht erinnere. Ein im Vorfeld fragendes Mail von mir an die Koordinations 
Email Adresse wurde ignoriert. Wenn man die Menge der Wählenden groß halten 
will - und das will man, wie oben dargelegt - muss man sich um seine Wähler 
bemühen. In der Nacht von Freitag auf Samstag zu erfahren, dass man für Sonntag 
wahlberechtigt ist, erscheint mir etwas knapp. Übrigens habe ich jetzt schon 
von zwei Leuten gehört, dass Sie niemals eine Antwort auf ihre Bitte zur 
Validierung bekommen haben. Der Validierungprozess darf nicht im Nichts 
verlaufen. Warum erhalten Leute, die abgelehnt werden, keine Mail mit 
Begründung? Vermutlich wäre ein Dialog vernünftiger, als ungewünschte 
Teilnehmer zu ignorieren. 

Problem 5)
Die Unterschiedlichkeit der Projektdimensionen. Wenn ein Projekt bereits läuft, 
eine gewisse Größe erreicht hat und fest verdrahtet ist, fängt man vermutlich 
sogar im Kulturumfeld an, eine vernünftige Projektplanung und Kostenrechnung 
anzufertigen. Spätestens dann mutieren Stimmen zur formalen Sache. Und genau 
dann müssen diese Projekte auch dafür sorgen, dass die benötigten 
Stimmen=Summen reinkommen, weil sonst laufende Kosten nicht mehr gedeckt werden 
können, was den Untergang des Projekts bedeuten würde. Lt. dieser 
Daumen-Theorie ist es also sehr wahrscheinlich, dass ausgewachsene Projekte zur 
methodischen NetzNetz Geldzieherei neigen. Daraus resultiert nun, dass - so 
sich einige große Projekte etabliert haben und die insgesamte Fördersumme 
gleich bleibt - zunehmend weniger Restkapital für neue Projekte bleibt. Das 
System dichtet sich über die Zeit also von selbst. 

Problem 6)
Das Trustee Prinzip. Wie oben dargestellt, hat die bestehende Community keinen 
Anreiz neue Personen 'aufzunehmen'. (Sieht man auch recht schön an den 
Trusteewertungen). Wenn ich nun die Community selbst "Supernodes" bestimmen 
lasse, werden das die, die die Interessen der etablierten Community vertreten. 
D.h. der Wille der Mehrheit wird verstärkt.

Problem 7) 
Die Kulturschaffenden in eine direkte Konkurrenzsituation zu bringen ist imho 
grundsätzlich keine schöne Idee; dafür gibt's den freien Markt. Rechnerisch 
gesehen, ist jeder Punkt, der an ein anderes Projektteam vergeben wird, eine 
schlechte Sache für das eigene Projektteam. Natürlich findet man andere 
Projekte trotzdem toll, aber diesen Fakt per Wahlsystem zu verankern finde ich 
unschön. Das ist wohl der Preis, wenn man vom Jury-Prinzip weg will. 

Problem 8)
Das Alles-in-einen-Topf Prinzip. Die Spanne Technologieentwicklung bis 
Politikplattform ist groß; der Begriff "Digitale Kultur" zu diffus, um damit 
Grenzen ziehen zu können. Vllt. wäre es eine gute Idee, konkret 
auszuformulieren, was man damit meint. Anzudenken wäre imho auch eine 
Klassifizierung der Projekte in Bezug auf Größe bzw. Lebensdauer. Wenn ein 
Projekt aufgezogen wird, das zeitlich abgrenzbar ist; z.B. ein Event, eine 
Publikation, usw. hat das andere Anforderungen, als ein Projekt, das für eine 
Lebensspanne von mehreren Jahren konzipiert ist. Während für die einen eher der 
unkomplizierte Zugang im Vordergrund steht, legen die anderen auf Sicherheit 
und Kontinuität wert. Diese zwei Zugänge zufriedenstellend mit einem 
Fördersystem zu vereinen, ohne auf Dauer Unfrieden in Kauf zu nehmen, erscheint 
mir schwierig bis unmöglich. 

Problem 9)
Die Resignation gegenüber der Wurschtelei. Ich habe vor der Wahl mit einer 
Trustee-Person geplaudert (Name wird nicht genannt). Der hierfür interessante 
Gesprächsfetzen ging in etwa so über die Bühne:
--- snip ---
[...]
Ich: Und, nach welchen Kriterien verschiebt ihr das Wahlergebnis?
Trustee: Naja, wenn wir zB sehen, dass ein Projekt mit hohen Kosten viel 
weniger Geld als benötigt zugeteilt wurde, schauen wir, dass das ausgeglichen 
wird. 
Ich: Lädt das nicht zur Korruption ein; also ist es dann nicht für alle ein 
Anreiz möglichst hoch einzureichen. 
Trustee: Ja, aber ist das nicht überall so?
[...]
--- snap ---
Neben den offensichtlichen Problemen haben wir im Vorfeld von Leuten aus der 
Journalismusecke, dem engeren Bekanntenkreis, dem öffentlichen Sektor und 
anderen Projektteams mehr oder minder unverblümt gehört, dass die 
NetzNetz-Vergabe verwurschtelt wäre. Vllt. hört man ja etwas anderes, wenn man 
andere Leute kennt, aber imho ist der Ruf von NetzNetz bereits angekratzt. Ob 
es strategisch sinnvoll ist, eine relativ unkomplizierte Förderschiene durch 
solche Ungereimtheiten den Risiken eines stereotypen Wurschtelimages 
auszusetzen, möchte ich bezweifeln. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein 
gelangweilter Yellow-Press Journalist da den ein oder anderen reißerischen 
Artikel rausholen könnte. Wenn NetzNetz dann zum Politikum wird, macht das die 
Sache auch nicht besser. 

Es würde mich freuen, die angesprochenen Probleme durchzudiskutieren. 
Inzwischen plane ich meine "Social Engineering For Digital Screwheads" 
Einreichung, die validierten Netzkünstlern auf direktem Wege 100 Euro 
Förderungsgelder zukommen lässt, wenn sie für das Projekt stimmen. 200 Euro 
gibt es übrigens, wenn man sich als Trustee für das Projekt betätigt. :P

So long

Matthias
--
Ing. Matthias Leihs, B.Sc.
Johann-Strauss-Gasse 20/7
A-1040 Wien
Tel.: +43 660 13 000 31
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