Privijet FER,
und liebe NetzNetzler/inn/en,

du weisst, ich bin ein Softie, der sich am liebsten an schöngeistigen  
kulturellen Werten erbaut.

Und weil die Interpretation des Pergamon-Frieses durch Peter Weiss  
unzweifelhaft die bedeutendste ist, habe ich den gesamten Wälzer  
glatt ins Museum mitgenommen und dort auf den Stufen des Altars den  
letzten grandiosen Satz des Romans gelesen.

Und weil dieser letzte grandiose Satz des Romans so trefflich auf die  
aktuelle Situation von NetzNetz - und auch meinen durch berufliche  
Dispositionen erzwungenen Abschied vom Wiener Tagesgeschehen - passt,  
sei er hier an dieser Stelle wiedergegeben:

"Ich würde mich vor den Fries (des Pergamon-Altars, Anm.) begeben,  
auf dem die Söhne und Töchter der Erde sich gegen die Gewalten  
erhoben, die ihnen immer wieder nehmen wollten, was sie sich erkämpft  
hatten (...) ein immerwährendes Lärmen von eisenbeschlagenen Stiefeln  
würde um sie sein, ein Knattern von Maschinenpistolen, Steine würden  
durch die Luft fliegen, Feuer und Blut würden aufschiessen (...) und  
blind geworden vom langen Kampf würden sie, die sich auflehnen nach  
oben, auch herfallen übereinander, wie sie oben, einander würgend und  
zerstampfend, einander überrollten und zerfleischten (...), und ein  
Platz im Gemenge würde frei sein, die Löwenpranke würde dort hängen,  
greifbar für jeden, und solange sie unten nicht abließen voneinander,  
würden sie die Pranke nicht sehn, und es würde kein Kenntlicher  
kommen, den leeren Platz auszufüllen, sie müssten selber mächtig  
werden dieses einzigen Griffs, dieser weit ausholenden und  
schwingenden Bewegung, mit der sie den furchtbaren Druck, der auf  
ihnen lastete, endlich hinwegfegen können."

Freundschaft,
Stefan



Am 02.02.2009 um 18:58 schrieb [email protected]:

> heeee Stefan -
> jetzt liest du noch immerin Peter Weiss´ Aesthetik des Widerstands  
> - das buch
> steht schon etwas verstaubt und weiter oben in meinem buchregal in  
> Wien.
>
> habe als quasi nachbemerkung zum khb-gig noch eine anregung fuer  
> lekture -
>
> Jeder Ort, der durch feste Wahrnehmungsschranken begrenzt ist und  
> an dem eine
> bestimmte Art von Taetigkeiten regelmaessig ausgeuebt wird, ist eine
> gesellschaftliche Einrichtung. Derartige Einrichtungen koennen  
> erfolgreich
> unter dem Aspekt der Eindrucksmanipulation untersucht werden.  
> Innerhalb der
> Grenzen einer gesellschaftlichen Einrichtung finden wir ein  
> Ensemble von
> Darstellern, die zusammenarbeiten, um vor einem Publikum eine gegebene
> Situation dar-zustellen. Wir finden haeufig eine Trennung in einen  
> Hintergrund,
> auf dem die Darstellung einer Rolle vorbereitet wird, und einen  
> Vordergrund, auf
> dem die Auffuehrung stattfindet. Der Zugang zu diesen Regionen wird  
> unter
> Kontrolle gehalten, um das Publikum daran zu hindern, hinter die  
> Buehne zu
> schauen. Innerhalb des Ensembles herrscht Vertraulichkeit - und  
> Geheimnisse,
> die das Schauspiel verraten koennten, werden gemeinsam gehuetet.  
> (Erving
> Goffman, Soziologe).
>
> cheers - ah sorry: freundschaft,
> fer
>
>
> Zitat von Stefan Lutschinger <[email protected]>:
>
>> On Sa, 31.01.2009, 18:21, christoph theiler wrote:
>>
>>> liebe emissäre,
>>>
>>> nachdem du, stefan die verhandlungen mit gasprom erfolgreich
>>> abgeschlossen hast, ist nicht ganz klar, worauf seine weiteren
>>> bemühungen ausgerichtet sind.
>>> ist es eine reaktivierung der bismarck´schen  
>>> rückversicherungspolitik
>>> oder doch eher ein festes wilhelminisches bündnis preussens an  
>>> deine
>>> heimat österreich.
>>
>> Lieber Christoph,
>>
>> die Zuständigkeit für alle politischen Fragen liegt beim  
>> Koordinationsteam
>> um Leo Findeisen, der - heuer als Jurymitglied des Transmediale
>> Vilem-Flusser-Theory-Awards 09 - eine ausgesprochen 'gute Figur'  
>> gemacht
>> hat, und der letztjährigen TM Preisträgerin Lizvlx als Head of  
>> Validation:
>> einer bewährten Frau mit hoher Tatkraft und einem Gespür fürs  
>> Wesentliche.
>>
>> Ich selbst habe unsere beiden Freunde solidarisch nach Kräften
>> unterstützt, lebe und arbeite aber - wie gelegentlich meiner  
>> definitiv
>> allerletzten Trustee-Kandidatur im letzten Frühjahr angekündigt  
>> - 2009 zu
>> gleichen Teilen in London und Leningrad und bin damit für  
>> NetzNetz-Belange
>> leider schon seit geraumer Zeit einfach viel zu weit 'weg vom  
>> Schuss'.
>>
>>> zum schluss meine empfehlungen für ein wienerisch geprägtes
>>> tourismusprogramm:
>>
>> Danke dir für deine Tips! - Ich werd jetzt mal ein Rührei mit  
>> Schinken
>> schnabulieren, das schon in der Küche liebevoll zubereitet auf  
>> mich wartet
>> und dann zur Hebung meines proletarischen Bildungsniveaus mit  
>> Peter Weiss'
>> Ästhetik des Widerstands unterm Arm den Pergamon-Altar besichtigen.
>>
>> http://de.wikipedia.org/wiki/Die_%C3%84sthetik_des_Widerstands
>>
>> Herzlichen Gruss,
>> Stefan
>>
>>
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>> [email protected]
>> http://listen.esel.at/mailman/listinfo/liste
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