Lieber Konrad,
da ich 13 Jahre lang KI-Abteilungsleiter der Siemens AG gewesen bin, und
davon mindestens 3 Jahre in den USA zugebracht habe, und da tüchtig
hinter die Kulissen geschaut, kannst Du mir glauben, daß ich ein wenig
besser US-Englisch beherrsche, als der Durchschnitt der Dresdner
Linux-Informatiker mit Englisch-Unterricht.

Trotzdem geht mir das ständige angeberische Englisch-Getue auf die Nerven.

Wenn wir etwas Schöpferisches hervorbringen wollen, so ist dazu
unbedingt ein voller muttersprachlicher Begriffsfundus
(d.h. mind. 3.500 Wörter mit dahinter ca. 12.000 Bedeutungseinheiten)
notwendig. Wir Deutschen werden uns NIE einen derartigen Fundus
von Bedeutungseinheiten im US-Englischen aneignen können, um dann,
nach Art der Wissenschaft, passende Neue dazuzuerfinden, über die
der Muttersprachler sich nicht totlacht.

Jeder hier prahlt: Ich kann ganz toll Englisch.
Dabei kann er noch nicht mal zwischen US-Englisch und richtigem Englisch
unterscheiden.

Deine Häufigkeitszählung der verschiedenen Sprachen verstehe ich nicht.
Wenn es einen beschränkten, kleinen Fachwörterfundus auf US-Englisch
gibt, wie den Informatik-Fundus, so ist dagegen nichts zu sagen,
wenn wir diese Wörter auch in Deutschland sprechen. Server z.B.

Wenn wir jedoch in Dresden eine Linux-Veranstaltung für Laien ankündigen,
und zwar als Veranstaltung, und nicht als Namen einer internationalen
Firma, dann sollten wir doch bitte sehr die Muttersprache unserer
Adressaten aus der deutschen Kulturnation verwenden.

Allerdings haben ja viele schon gereizt reagiert, das Thema gehöre
nicht hierher. Deshalb entschuldige ich mich für meine Bemerkungen,
die wahrlich nur der Zielgruppe geweiht waren.

Ich höre deshalb damit auf, und entwickle weiter das US-englische
Eurofon dort hin, wie das Deutsche und Chinesische bereits läuft.
(das auch gestattet, eigene, neue Fachbegriffe semantisch zu definieren).

Dann kann die TU München 2020 von ihrem Vorhaben ablassen,
alle Vorlesungen nur auf Stammelenglisch zu halten:
der Prof versteht selbst nicht was er sagt, weil die Materie viel zu komplex 
ist.
die Studenten verstehen erst recht nicht, was er sagt.

Am Schluß weiß keiner was, das ist die Zukunft des deutschen Bildungssystems.
Aber jeder hat zwanzig bis hundert Veröffentlichungen
über Nichts auf "Englisch" gemacht.

Wenn der Prof. es auf Deutsch sagen würde, und dann noch mit Händen und Füßen
und Mimik und Gleichnissen auf Deutsch erklären, dann würde wenigstens 1/4
der Studenten etwas verstehen.

Viele Grüße von Klaus




Am 24.04.2017 21:29, schrieb Konrad Rosenbaum:
> On Monday 24 April 2017 18:32:36 Ronny Seffner wrote:
>> Am 2017-04-24 16:45, schrieb Konrad Rosenbaum:
>>> Spanisch - ähnlich mit den Kolonien, wesentlich weniger Sprecher, hatte
>>> das
>>> Pech in den falschen amerikanischen Ländern gesprochen zu werden.
>>
>> Ethnologue 2015 sagt, 399 Mio Muttersprachler in Spanisch/Castellano und
>> damit Platz eins, dann Mandarin und hinterher vielleicht dieses
>> Englisch.
> 
> Schauen wir doch mal genau(*):
> 
> Chinesisch(**): 1284 Mio Muttersprachler
>   nur Mandarin: 898 Mio
> Spanisch: 437 Mio
> Englisch: 372 Mio
> Arabisch(***): 295 Mio
> 
> etc.pp
> 
> Platz 13 - Deutsch: 76,8 Mio
> 
> (*) https://www.ethnologue.com/statistics/size
> (**) ja, chinesisch ist eine Gruppe von Sprachen (Makrosprache) mit 
> identischer Schriftsprache aber unterschiedlicher gesprochener Sprache.
> (***) auch eine Makrosprache, aber man kann davon ausgehen dass alle 
> Sprecher den Dialekt des Korans verstehen
> 
> Schauen wir uns auch die Zweitsprachler an (Summe 1./2. Sprache):
> 
> Chinesisch: wie oben (ca. 1 Mio mehr?)
>  Mandarin: 1091 Mio
> Spanisch: 528 Mio
> Englisch: 983,5 Mio
> Deutsch: 129,5 Mio
> 
> Nimmt man also Zweitsprachler dazu, dann liegt Englisch vor Spanisch. 
> Chinesisch hängt rein nach Zahlen beide ab, selbst nur Mandarin-Chinesisch 
> liegt noch vor den anderen Sprachen.
> 
> Bisher haben die Chinesen noch nicht die intenationale Bedeutung dass alle 
> Schulkinder auf dem Globus Chinesisch lernen müssen - Englisch schon seit 
> dem 18.Jhd. Das kann sich in den nächsten paar Jahrzehnten ändern.
> 
>> Esperanto fehlt in Deiner Aufzählung - ist/war es doch extra als
>> Universalsprache gedacht.
> 
> Stimmt, über Esperanto wollte ich mich ja auch despektierlich zeigen: der 
> nett gemeinte aber gescheiterte Versuch einer Einheitsbreisprache. Dem Ziel 
> der universellen Adoption der Sprache versuchte man besonders dadurch nahe 
> zu kommen dass man eine unnötig komplexe Grammatik erfand, die das Lernen 
> schön schwer macht.
> 
> Etwas konstruktiver betrachtet: welche Chance hat eine Sprache die jeder 
> einzelne erst lernen muss wenn die Sprache des ehemaligen (damals noch 
> aktuellen) britischen Empire bereits von einigen hundert Millionen 
> beherrscht wird?
> 
>> Zugegeben der Post auf den Du Dich beziehst ist etwas "fanatisch", aber
>> dieses ständige ignorieren unserer regionalen Kultur, sprich permanentem
>> "Denglisch" und/oder "Germisch" geht auch mir gehörig auf den Zeiger.
> 
> Ich gehe so weit mit: wenn ich Plakate sehe wo irgendein "Werbestratege", 
> der im Englischunterricht geschlafen hat, versucht ein deutsches Sprichwort 
> auf Denglisch auszudrücken, dann dreht sich mir auch der Magen um. Aber an 
> der nächsten Straßenkreuzung ist es ja Gott sei Dank wieder vorbei.
> 
> Ich habe absolut kein Problem Dinge in einer Sprache auszudrücken, die man 
> beherrscht und die die meisten Leute ringsherum auch verstehen. Ich habe 
> auch absolut kein Problem damit Worte aus einer anderen Sprache zu 
> importieren, wenn sie ein Konzept besser beschreiben als die deutsche 
> Übersetzung (z.B. "e-mail", "Browser", ...) - dazu gehört auch dass man 
> kreativ mit Fremdworten experimentiert - wenn es weh tut läßt man es halt 
> wieder bleiben.
> 
> Das ist ein Prozess der seit tausenden Jahren läuft - sonst wäre Fenster 
> (latein: fenestra) immernoch Wandloch, Gurke (slavischer Ursprung) wäre eine 
> Grünwurst oder als Gift verschrien, Känguru (Aborigi-Sprache: gangurru) wäre 
> ein unbestimmtes Hüpftier und das ursächsische "nu!" würde schlicht nicht 
> existieren (tschechisch: anno).
> 
> Auf der anderen Seite: Tom Pauls will ich ohne englische Untertitel hören, 
> genau wie die deutsche Synchronisation der meisten anglo-amerikanischen 
> Filme einfach nur scheußlich anzuhören ist wenn man die Originalsprache 
> fließend beherrscht.
> 
> Ich kann gut in mehreren Kulturen gleichzeitig unterwegs sein. Manchmal 
> reagiere ich allergisch wenn jemand versucht mir eine davon wegzunehmen... 
> ;-)
> 
> 
> 
>       Konrad
> 


Antwort per Email an