Hallo Networkers,

Klaus Arnhold schrieb:

> Jedes profitorientierte Unternehmen MUSS ab und an neue
> Geschaeftsmodelle entwickeln.

Mich wundert doch ein bisschen, mit welcher Verve Klaus die neue
Yahoo! Strategie verteidigt.
Da spiegelt sich die laufende Diskussion in den US-Listen, wo
z.B. ein Netz-Guru und ansonsten sehr kritischer Kopf wie
Mark Welch die Yahoo!-Absahne geradezu hysterisch bejubelt.
In der Tat ist das Ganze sehr amerikanisch, sowohl bei den IMO
richtigen als auch bei den IMHO falschen Argumenten.

Klar: Yahoo! hat ueber Jahre in Image und Marktwert investiert
und hat natuerlich alles Recht der Welt, jetzt zu kassieren.

Klar: Der Anbieter von Waren und Dienstleistungen im Netz
(und nur um solche Sites geht es angeblich),
der nicht in der Lage ist, ein paar hundert Dollar fuer die zuegige
Aufnahme seiner Site hinzublaettern, ist ohnehin nicht serioes und
gehoert halt nicht auf die (vorderen) Plaetze.

Yahoo! betreibt also bloss Sperrmuell-Entsorgung gegen Gebuehr.

Klar: Yahoo! ist ein boersennotiertes Unternehmen und hat die
Verpflichtung, den Shareholder Value zu maximieren (und nicht
das Lust-Netto mittelloser Online-Junkies).

Soweit so gut - oder doch: so schlecht?!

Gerade *weil* Yahoo! zu einer zentralen Institution im Netz geworden
ist (obwohl hier immer schon Image und Realitaet weit auseinander-
klafften, wie jeder weiss, der Web-Promotion fuer Kundensites betreibt),
bedeutet die neue Strategie einen radikalen - und, wie ich denke,
am Ende fuer Yahoo! auch toedlichen - Bruch.
Yahoo! ist sozusagen von den White Pages offen ins Lager der
Yellow Pages gewechselt.

Das hat Konsequenzen. Auch solche, die von Yahoo!, Welch und Klaus bestritten
werden.

Ein ziemlich weites Feld. Hier nur ein naheliegendes Beispiel:
Gerade von Klaus habe ich an anderer Stelle mit grossem Vergnuegen
und Zustimmung Verrisse der Web-Sites unserer grossen (und reichen)
Werbeagenturen gelesen, die mit viel Schnickschnack und Null Inhalt
das Internet zumuellen.
Positiver Kontrast: etliche kleine Web-Agenturen, die sich nicht scheuen,
Ihr Wissen mit anderen Netizens zu teilen (wohl wissend, dass sie sich
das heute leisten koennen, weil sie morgen schon wieder viel mehr
- als die mitlesende Konkurrenz - wissen).

Jetzt aber kommt Yahoo! und tut die Schlechten ins Toepfchen und
die Guten ins Kroepfchen - und die Klausens dieser Welt spenden
Beifall.

Wo die Portokasse einer Grossagentur den Abgang von 200 oder
1.000 Dollar kaum spuert, ist bei manchem Kleinen und vor allem
beim Neueinsteiger die Schmerzgrenze schon ueberschritten.
Bill Gates haette vor 20 Jahren bei Yahoo! keine Chance gehabt.

Das waere, wie Klaus argumentiert, im Prinzip Wurscht, da ja alle
User wissen, dass es so ist und sich danach verhalten koennen.
Der muendige User entscheidet also selbst, ob der Kommerz-Gig
Erfolg hat. Richtig!
Der Witz bei GoTo.com mit der Quasi-Versteigerung der Rangplaetze
ist ja gerade, dass jeder sehen kann, wieviel Geld fuer den Platz bezahlt
wurde.

Falsch wird das Argument aber bei Yahoo!

Ob zu Recht oder zu Unrecht, Yahoo! ist der fuehrende Umschlagplatz
fuer Traffic im Netz und wird das ueber lange Zeit bleiben - schon
weil lange Zeit nur die Insider von dem Stragiewechsel etwas wissen.

Der unbefangene User glaubt, von Yahoo! zu den relevantesten
Sites seines Interesses gesteuert zu werden
(o.k., das war immer schon falsch, aber der Anspruch hatte doch normative
Wirkung)
und erhaelt nun statt der gewichtigen die nach Dollarzeichen gewichteten
Informationen.

Der Markt wird�s schon richten? Klar, aber: "in the long run we�re all dead"
(Keynes).
Zwischen short und long liegt hier der Beschiss.

Und noch etwas: Glaubt wirklich jemand daran, dass die Dollars nur
beschleunigen und nicht auch ranken!?
Als Fachzeitschriften-Oldie haengt mir diese Diskussion ohnehin zum Hals
raus.

Nichts fuer ungut und mit Abbitte fuer die Ueberlaenge.

Gruss,

Leopold Bergmann
--
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