On 07.02.2018 21:29, Stefan Nagy wrote:
glaubst du, die Leute von links und rechts der
Nikolsdorfer Straße erkennen sich dort als Nikolsdorfer?

Es wär interessant, von Tür zu Tür zu gehen und sie zu fragen.
Zumindest ob sie was von Nikolsdorf wissen. Bei den jüngeren,
zugereisten sind die Antworten vorhersehbar, interessant sind die
Senioren. Wenn du Lust hast, können wir das mal gemeinsam versuchen.
Ich wohne auch nur 1½ km entfernt.

Wie ich deinen Berichten entnehme, hast du mit solchen Gesprächen eine
gewisse Praxis. Ich mach sowas – ganz ehrlich – nur sehr ungern. Auch
wenn mich die Ergebnisse so einer Befragung schon interessieren würden…

Ich komme viel herum und habe wenig Scheu, Leute, denen ich begegne, anzusprechen. Von Tür zu Tür gehen und die Leute aus dem Schlaf klingeln tu ich normalerweise nicht, aber wenn wir das für die Wissenschaft machen, brauchen wir uns keine Gewissensbisse machen, schließlich tun genug andere das gleiche aus weniger gemeinnützigen Gründen.

Ganz besonders ärgerlich ist es, wenn man zum
Beispiel als Historiker dann zweien gegenüber steht, die ihr in der
Schule vermitteltes Geschichtsverständnis – und das eint die Laien –
für die Krone der Schöpfung halten…

Es ist halt ein Dogma der Pädagogik, dass Lehrer ihren Schülern den Unterrichtsstoff vereinfacht und mit voller Überzeugung vermitteln müssen. In Wahrheit hat jedes Ding zwei Seiten und zu jeder Lehrmeinung gibt es Alternativtheorien. Das dürfen Lehrer ihren Schülern nicht sagen, denn abgesehen davon, dass manche Alternativtheorien den Lehrer ins Gefängnis bringen würden, würden die Schüler auch ihre Lust am Lernen verlieren. Wer will schon etwas lernen, was vielleicht eh nicht stimmt? Wenn der z.B. ein Geschichtslehrer seinen Schülern von Illigs Phanthomzeitthese erzählt und vielleicht sogar erwähnt, dass sie noch nicht so recht widerlegt werden konnte, wie sollen diese Schüler dann noch motiviert sein, das Krönungsdatum von Karl dem Großen auswendig zu lernen? Darum wird an den Schulen ein schwarzweiß gemaltes Bild der Welt vermittelt, was aber nicht nur ein unkritisches Denken zur Folge hat, sondern auch eine völlige Intoleranz gegenüber anderen Meinungen.

Aber am Ende steht eben einfach die
Erkenntnis, dass ich schlicht versagt habe, meine Position verständlich
und überzeugend darzulegen. Darin hab ich mittlerweile einige
Erfahrung…

In diesem Thread hast du deine Position verständlich genug dargelegt, aber wie gesagt, jedes Ding hat zwei Seiten. Nikolsdorf in OSM zu mappen hat Vor- und Nachteile, und die kann man nur subjektiv bewerten.

Ich sehe trotzdem keine Grundlage dafür, die Namen früherer Vorstädte
oder Dörfer als heutige suburbs oder neighbourhoods einzutragen –
außer, die Namen werden heute von vielen verwendet.

Ich werde mich also sicher nicht für die Löschung von Inzersdorf oder
Oberlaa einsetzen. Mir gehts hier um Nikolsdorf, Hungelbrunn,
Matzleinsdorf, Hundsturm, Magdalenengrund, Laimgrube, Gumpendorf usw.
usf.

Für mich spricht für eine Beibehaltung in OSM vor allem die Subjektivität der Bekanntheit. Wenn ich einen Namen noch nicht gehört habe, kann ich nicht daraus schließen, dass du ihn auch noch nicht gehört hast. Ich kann es bestenfalls vermuten. Selbst wenn du als Anwohner den Namen noch nicht gehört hast, heißt das noch nicht, dass er völlig unbekannt oder in Vergessenheit geraten ist. Ich kam als Höhlenforscher schon mit Leuten ins Gespräch, die nicht wussten, dass auf ihrem Grundstück eine im Kataster geführte Höhle existiert. Also eine Höhle, die einen Namen und eine Katasternummer hat und komplett vermessen wurde. In einem Fall war am Eingang sogar die Katasternummer angeschrieben. Soll die Höhle in so einem Fall nicht gemappt werden, weil sie dem Anwohner unbekannt ist? Oder soll sie gemappt werden, aber ohne Name? Das ist ein Fass ohne Boden.

Wenn wir beschließen, nur jene Vorstädte zu mappen, die heute noch bekannt sind, werden Mapper je nach persönlichem Wissensstand und Tageslaune die place-Nodes eintragen oder löschen, diese werden verschwinden und wieder auftauchen wie Pulsare. Erst vor 2 Monaten hat jemand Nikolsdorf von neigbourhood auf suburb aufgewertet, d.h. er hätte den Node zweifellos angelegt, wenn er zu dem Zeitpunkt nicht existiert hätte.

Das heißt nicht, dass ich Vorstädte wie Nikolsdorf unbedingt als place-Nodes in OSM haben will, aber wenn etwas nicht klar falsch ist und sich sowieso nicht verhindern lässt, dann können wir wenigstens dafür sorgen, dass das Tagging konsistent bleibt und die Lage stimmt.

Ich finde, die Vorstädte sind noch das geringere Übel im Vergleich zum Wildwuchs an Flurnamen, die aus alten Karten und aus der Basemap abgeschrieben werden. Heute stieß ich zufällig auf einen Edit von einem User, den ich als sehr gewissenhaft kenne, der aber nach meinem Geschmack hier etwas übers Ziel hinausgeschossen hat:
http://www.openstreetmap.org/changeset/44234570

Während ich mir bei Nikolsdorf vorstellen kann, dass der eine oder andere ältere Bewohner den Namen noch kennt, glaube ich nicht, dass sich irgendjemand bewusst ist, in der "Kraut Soßen" zu wohnen. :-)

--
Friedrich K. Volkmann       http://www.volki.at/
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