On 23.03.2018 18:28, Marcus MERIGHI wrote:
Eh schon wieder einmal: eh schon alles gesagt worden zum Thema...

Ich glaube, auf den wesentlichen Unterschied wurde noch nicht hingewiesen: Dass eine ML sich besser für Themen eignet, die sofort diskutiert werden müssen (z.B. wenn in London eine Atombombe explodiert), aber dafür kurzlebig sind; während ein Webforum sich besser für langatmige Diskussionen (z.B. wie mappt man Adressen) eignet, wo alle paar Tage mal jemand was dazuschreibt und auch Jahre später jemand die Diskussion noch weiterführen kann.

Denn ein neues E-Mail poppt am Computer (oder Handy) dem Empfänger gleich mal ins Gesicht, während ein neuer Beitrag im tausendsten Thread im hundersten Unterforum unbemerkt dahinschlummert, bis man nach ein paar Monaten wieder in dieses Unterforum hineinschaut. Dass moderne Webforen das Feature einer E-Mail-Benachrichtigung bei einer neuen Antwort bieten, sagt schon alles.

Es ist der gleiche Unterschied wie im Vor-Computerzeitalter zwischen einem schwarzen Brett und einem Eilboten, der an die Tür klingelt.

Es kann lästig werden, wenn ein Eilbote 10x am Tag an die Tür klingelt, und genauso ist eine Mailingliste nicht sehr zweckmäßig, wenn hunderte neue Beiträge am Tag daherkommen, wie das zeitweise in der Tagging-Mailingliste der Fall war. Es wär besser, dort würden nur die RFCs und CFVs gepostet werden, und die Diskussionen würden im Wiki bzw. in einem Webforum stattfinden. Denn wenn in einer Mailingliste der Traffic so hoch wird, dass man sich einen Order dafür einrichtet, in dem sich tausende ungelesene Messages sammeln, die man vorhat irgendwann in den übernächsten Ferien durchzulesen, dann geht der eingangs beschriebene Vorteil einer Mailingliste verloren, und es bleiben nur die Nachteile.

Insofern finde ich es sogar gut, dass auf Talk-AT nicht viel los ist.

Es gibt übrigens noch eine dritte Möglichkeit, nämlich sogenannte Newsgroups, klassischerweise im Usenet. Kevin Kofler hat das mit Gmane und NNTPS schon ins Spiel gebracht, aber nicht erklärt. Newsgroups sind gewissermaßen ein Mittelding aus Mailinglisten und Webforen. Wie Mailinglisten sind sie nur Text, sie bieten aber im Gegensatz zu ihnen die Möglichkeit, Beiträge nachträglich noch zu korrigieren (supersede) oder zu löschen (cancel). Allerdings ist das Usenet derart aus der Mode gekommen, dass heute fast keiner mehr weiß, was das ist und wie man das nutzt. So was können wir für OSM-Diskussionen nicht ernsthaft in Betracht ziehen.

Was jetzt konkret Talk-AT vs. users:Austria angeht, stimme ich Kevin zu, dass das Forum "ein später enstandenes Konkurrenzprodukt, das die Community spaltet" ist. Es ist viel zu umständlich, regelmäßig ins Forum *und* in die Mailingliste zu schauen. Diese Zweigleisigkeit wär nur dann sinnvoll, wenn - wie eingangs erwähnt - alle kurzlebigen Themen nur in der ML behandelt werden und alle langatmigen nur im Forum. Aber das werden erstens die User nicht schaffen, und zweitens spricht auch der Gesamttraffic nicht für diese Aufteilung.

Schuld an der Communityspaltung sind ganz klar diejenigen, die das Forum eingerichtet haben. Sie hätten die Einrichtung erst mal in der Mailingliste diskutieren müssen, mit 4 möglichen Ergebnissen: Konsens für Forum statt ML, Konsens für beides, Konsens gegen Forum, kein Konsens. Stattdessen haben sie, soweit ich mich erinnern kann, in der Mailingliste die Einrichtung des Forums nicht mal erwähnt. Das Forum war plötzlich einfach da. Wie aus dem Nichts. Sneak attack!

Aber das ist Geschichte, und wir müssen uns um die Zukunft kümmern. Grundsätzlich kann ich mich auch mit einer Auflösung der Mailingliste anfreunden. Ich glaube, die meisten Leute kommen mit einem Webforum besser klar als mit einer Mailingliste. Den Knackpunkt sehe ich in der Moderation. Sowohl ML als auch Forum sind derzeit faktisch unmoderiert. In so einem Fall können Spammer und Netiquetteverletzer unbehelligt ihr Unwesen treiben. Dann kann nur jeder User für sich diese Beiträge rausfiltern. Leider ist forum.openstreetmap.org im Funktionsumfang ein bisschen steinzeitlich. So fehlt ein Feature, das in jedem besseren Mail- oder Newsreader selbstverständlich ist: bestimmte User zu ignorieren (d.h. ihre Beiträge auszublenden). Somit kann das nur der Moderator machen. Den habe ich schon mal auf den Wochennotiz-Spam angesprochen, aber er hat nicht reagiert. Dabei ist er menschlich voll ok. Es gibt auch richtige Spaltpilze als Moderatoren, z.B. in der Tagging-Mailingliste. Abseits von OSM kenne ich einige Webforen, wo die Moderatoren einen Gutteil der User vertrieben haben, und die meisten dieser Foren waren irgendwann ganz verschwunden und die Beiträge mit ihnen. Da lobe ich mir das gute, alte Usenet. In meinem Newsreader sind noch Threads aus 1998 gespeichert, und die Newsgroups sind bis 1995 zurück auf groups.google.com (vormals Dejanews) archiviert und werden wahrscheinlich noch die nächsten Jahrtausende erhalten bleiben, genauso wie die sumerischen Tontafeln. Manchmal haben alte Technologien halt doch den längeren Atem.

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Friedrich K. Volkmann       http://www.volki.at/
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