Ja, Pavel,

> "Sollte ich selbst in den Vorstand gewählt werden...

in der Tat, ich meinte zukünftiger Aufsichtsrat (oder zukünftiges 
Präsidium, je nachdem, welche Satzung gewinnt) - jedenfalls das Gremium, 
das im Moment noch Vorstand heißt. Manchmal bin ich noch nicht in der 
zukünftigen Rechtsform angelangt.

Was die Frage der Projekte und Ressorts der Vorstandsmitglieder 
anbetrifft sowie der daraus resultierenden Probleme - dabei bleibe ich: 
Dass hier wohl eine problematische Verküpfung von Amt, Würde und Arbeit 
vorliegt. Vorstand und Geschäftstelle agieren im Moment unter dem 
Eindruck, dass sie selbst im Wesentlichen die Vereinsarbeit machen. Du 
selbst sagtest in der zweiten Sitzung der AGV, dass an 
Mitgliederinitiativen gar nicht zu denken sei. Von den Mitgliedern komme 
nichts, selbst wenn Du sie dazu aufriefest, sich in einem Projekt, das 
Du aufbaust, zu engagieren. Da antworteten allenfalls ein oder zwei 
Personen. Du meintest damals, ich könne wohl einen Entwurf verfassen, 
der Mitgliederinitiativen vorsieht, doch ich dächte da über eine gar 
nicht bestehende Realität nach.

Ich hatte eben damals geringe Lust, den Punkt Skillshare nochmals und 
nun vor allen anzusprechen - im Juli waren wir im Begriff darüber, was 
da geschah, weiter. Ganz offenkundig, so die Lektion des letzten Jahres, 
können Initiativen aus der Mitgliederschaft kommen. Speziell solche 
Initiativen werden eher dann kommen, wenn weder Du noch ich unsere 
Hauptaufgabe darin definieren, Projekte zu erdenken und Stellen dazu 
auszuschreiben. Offenkundig können voll funktionsfähige Projekte aus der 
Community kommen. Aus meiner Perspektive muss eine Struktur gefunden 
werden, mit der wir dieses Geschenk (hat ja fast nichts gekostet) wieder 
kriegen. Dazu müssen wir klären, wie wir in Zukunft mit dergleichen 
Initiativen umgehen. Das war kein Debakel, das wir durch unser eigenes 
Skillshare-Produkt im Herbst auswetzen müssen - das war vielmehr ein 
verwirrender Optimalfall, auf den wir nicht gefasst waren und auf den 
wir völlig heillos reagierten. Nichts Besseres kann unserem Verein 
passieren, als dass Leute, und zwar selbst dann noch, wenn sie die 
Führung gar nicht mögen, mit solchem Engagement dabei sind.

Skillshare sollten wir nicht als Unfall begreifen, sondern als Hinweis 
auf ein vollkommen ungenutzes Potential, und zwar kein kleines 
Potential. Das war dicker im Organisationsvolumen als die größte 
öffentliche Veranstaltung, die WMDE selbst hinlegte. Mir ist, nachdem 
wir ausgiebig beklagten, wie viel im Vorfeld falsch lief, unklar, ob man 
wenigstens im Nachhinein überlegte, das Potential zu gewinnen - nicht 
durch Produktpiraterie vom Schlage, wir können das selbst, sondern 
dadurch, dass man an die Initiatoren offen herantrat, so offen, dass 
alle, die ähnliches leisten könnten, es hören und ermuntert werden. Man 
wird dabei ein Eingeständnis riskieren müssen - etwa so: "Wir haben uns 
verschätzt - ihr habt ein Projekt gestemmt, das im organisatorischen 
Volumen massiv war. Falls ihr im Team, das ihr bildetet, noch mehr 
dergleichen Projekte auf Lager habt, wollen wir euch die freie Hand 
lassen, die ihr begehrt, denn vor allem das haben wir in jenem Sommer 
gelernt. Ihr macht so was vor allem, wenn ihr eure Vorstellungen dabei 
realisieren könnt. Wir dachten bislang, wir müssen in Projekten unsere 
Vorstellungen realisieren, und das war prekär gedacht. Wenn hundert 
Mitglieder etwas stemmen, dann sind diese WMDE - ganz wie wir hier im 
Vorstand WMDE sind. Wenn diese Hundert eigene Vorstellungen haben, dann 
hat WMDE breitere Vorstellungen, als in unserem Vorstand vertreten sind, 
und das ist gut."

Ich denke im selben Moment: Wir können uns eingestehen, dass der 
aktuelle Vorstand in der Mitgliedschaft "Gegner" definiert. Und wir 
können den Mitgliedern zugestehen, dass sie eine größere Gruppe 
umfassen, die sich vom Vorstand nicht mehr repräsentiert fühlt - da 
läuft gerade ein Misstrauensantrag.

Vielleicht liege ich mit meiner Analyse falsch, dass hier tiefer ein 
Konkurrenzverhältnis in der Frage vorliegt, wer wie (vor allem wie 
transparent) die Vereinsarbeit macht. Meine Analyse war ein Angebot, das 
Problem strukturell zu erfassen.

+++

Darüber, dass ich mit Gegnern werde umgehen müssen - sollte ich nach den 
Gesagten eben jenes Nachdenken anbieten, das fast zu einem kleinen Eklat 
in dieser Liste führte: Sollte man mich in den zukünftigen Aufsichtsrat 
hinein wählen wollen, so werde ich meine Aufgabe deutlich darin sehen, 
auf die "Gegner" zuzugehen. Mich wird interessieren, ob sie sich weitere 
Projekte denken können.

Aus der Skillshare-Geschichte weiß ich zudem, dass WMDE den 
Veranstaltern zur Auflage machen wollte, die Dozentenliste der 
Veranstaltung zu bestimmen und dabei sicherzustellen, dass bestimmte 
Personen - wieder fehlt mir ein Wort, wenn ich keine Namen nenne - 
Gegner, öffentliche Kritiker von WMDE - auf der Veranstaltung nicht 
auftauchen. Meine Tendenz ist in dieser Sache erstens: Es wird mich 
beruhigen, ohne eine solche Liste arbeiten zu können. Ich finde es 
spannend, wenn es jemandem gelingt, "Gegner" auf eine Veranstaltung von 
uns zu bringen.

Ich denke ferner: Früher oder später wird Wikipedia/Wikimedia zur 
Kenntnis nehmen müssen, dass unser Schiff unter dauernder (wie wir innen 
finden, ganz ungerechter) Außenkritik liegt. Wir sind ein Mediengigant 
und in einer demokratischen Öffentlichkeit muss ein solcher Gigant 
kritisch betrachtet werden. Das ist die Aufgabe der kritischen 
Öffentlichkeit. Der Beweis, dass wir intern demokratisch und 
pluralistisch organisiert sind wird wichtig sein - wir sind keine 
öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, das müssen wir also anders 
hinkriegen. Die Aufgabe wird für uns langfristig *nicht* darin bestehen, 
die Kritiker auszublenden oder sie mit der Behauptung, dass wir ein frei 
zugängliches Medium freien Wissens sind, mundtot zu machen. Kritische 
Öffentlichkeit hat die Aufgabe, einen Giganten wie uns, egal was wir 
sagen, fortlaufend unter legitimem Generalverdacht zu betrachten. Unsere 
Aufgabe wird es sein, das als gesunden demokratischen Umgang mit uns zu 
begreifen und in diesem Umgang gut zu agieren. Zum Indikator wird dabei 
vor allem unser eigener Umgang mit öffentlichen Kritikern werden. Wenn 
wir da klug handeln, werden wir ihnen konstruktiv und offen interessiert 
begegnen. Im Moment haben wir gar keine Formate dazu - und vielleicht 
auch noch nicht ganz das innere Format. Wir begreifen - unser Kompass 
2020 liest sich eher wie das Statement einer Aktiengesellschaft, die 
ihre Aktionäre durch gloriose Versprechen des Wachstums und des Siegs 
über alle Konkurrenten begeistern will - nur sehr unzulänglich, was auf 
uns als sensibel agierenden Mediengiganten an dieser Stelle zukommt,

Gruß,
Olaf



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