Lieber Herr Jaenecke,
 
ich finde erst jetzt Luft, auf Ihre Einwände zu antworten.
 
Sie sagen:
 (1) WO = EWO bestreite ich
 
Es ist richtig, dass die ISKO sich mit einem breiteren Gebiet beschäftigt, so 
auch mit IWO, der Wissenorganisation, die in einem Wissensgebiet selbst 
wissenschaftlich fruchtbar ist. Trotzdem ist die ISKO mehr im Informationsfach 
angesiedelt, wo es eben um EWO, der informationswissenschaftlich fruchtbaren 
Wissensorganisation geht.
 
Sie sagen auch:
Wogegen ich mich wende, ist die gedankliche Fortsetzung von (2); sie lautet
 (2f) Für eine EWO ist eine IWO nicht erforderlich, letztere ist daher 
überflüssig, daher (1).
Wobei Sie unterstellen:
 (2) für eine EWO ist eine interne Wissensorganisation (IWO) nicht erforderlich.

Ich meine lediglich, dass IWO, die in der Wissenschaft selbst vorliegende 
Wissensorganisation, nicht zwingend den Entwurf von EWO, der in der 
Informatonswissenschaft verwendeten Wissensorganisation, bestimmen muss oder 
auch kontraproduktiv sein kann. EWO muß den Erfordernissen der 
Speicherökonomie, des Allgemeinverständnisses, der Dynamik der Entwicklung von 
Wissenskategorien, dem empirischen Vorkommen von Sachverhalten in der 
dokumentarischen Bezugseinheit (z.B. einem Buch), der tradierten Verortung von 
Sachverhalten Genüge u.a. tun. Hier kann eine präzise Beschreibung und 
Verortung von wissenschaftlichen Mikro-Sachverhalten (etwa Variablen und ihren 
Zusammenhängen) eher zur Verwirrung beitragen. Ein solches System wäre eben nur 
für den eingearbeiteten Fachwissenschaftler und nur für den wissenschaftlichen 
Erkenntniszweck (des Auffindens dieser Varialben und Zusammenhänge) geeignet. 
Insofern hat man es vielleicht eher mit einer Faktendokumentation, denn einer 
Lite!
 raturdokumentation zu tun. Deswegen auch mein Bezug zu Expertensystemen, die 
Schlüsse an Hand von Fakten (schlecht und recht) ziehen. Da Ontologien sich 
stärker an der Sachwelt, denn der Ideenwelt zu orientieren scheinen, mag hier 
die Notwendigkeit des Rückgriffs der EWO aud die IWO eher zutreffen. Von daher 
sind die Gleichsetzungen zwischen Ontologien und Thesauri auch fragwürdig, es 
sei denn das Vokabular eines Thesaurus sieht man als objektives Faktum an. Hier 
hätten Sie dann die Sicht des Physikers auf die EWO, deren Nutzen ich noch 
nicht ganz überblicke.


Mit freundlichen Gruessen,
With kind regards,
Sincères salutations,
Con saludos cordiales,

H. Peter OHLY
-------------------------------------
http://www.isko.org/people.html
Fax: 03212 - 1402705
 
 

Gesendet: Freitag, 29. März 2013 um 11:56 Uhr
Von: "Peter Jaenecke" <[email protected]>
An: [email protected]
Betreff: [WISS-ORG] Aw: [WISS-ORG] Rückblick auf die Po tsdamer Tagung/Test der 
Mailingliste

Bezug:
Gesendet: Dienstag, 26. März 2013 um 17:36 Uhr
Von: "Peter Ohly" <[email protected]>
An: [email protected]
Betreff: [WISS-ORG] Aw: [WISS-ORG] Rückblick auf die Potsdamer Tagung/Test der 
Mailingliste
 
Lieber Herr Ohly,
 
Ihre Einwände beruhen auf einer ganz bestimmten Sichtweise; nach meinem 
Sprachgebrauch ist es die der externen Wissensorganisation (EWO). Aus dieser 
Sichtweise entstehen eine Reihe von Missverständnissen; im Folgenden werde ich 
versuchen, einige davon zu klären.
 
> Aber wie auch immer, im Informationsgeschäft geht es letztlich nicht um die 
> wissenschaftlichen
> Aussagen der Fachdisziplin, sondern um die Makro(oder Meso)-Sicht der 
> Einordnung. …
> Hier wird dann ein ausreichend kompetentes Verständnis der Zuordnung der 
> Inhalte zur
> Beschreibungssprache vorausgesetzt, eine inhaltliche, tiefergehende Analyse 
> (z.B. wie beim
> Periodensystem in der Chemie) muß aber nicht erfolgen.
 
Was Sie hier beschreiben, ist nach meinem Verständnis EWO: Die Makro(oder 
Meso)-Sicht ist die externe Sicht auf eine Fachdisziplin mit dem Ziel, 
fachspezifische Inhalte einzuordnen/zuzuordnen/zu beschreiben. In Kurzfassung 
sagen Sie:
 
 (1) WO = EWO;
 (2) für eine EWO ist eine interne Wissensorganisation (IWO) nicht erforderlich.
 
Die Aussage (1) bestreite ich; der Aussage (2) kann ich unter bestimmten 
Bedingungen (die davon abhängen, welche Ziele mit der EWO erreicht werden 
sollen) zustimmen. Wogegen ich mich wende, ist die gedankliche Fortsetzung von 
(2); sie lautet
 
 (2f) Für eine EWO ist eine IWO nicht erforderlich, letztere ist daher 
überflüssig, daher (1).
 
> Z.B. wäre eine Beschreibung der Analysemethoden der Sozialwissenschaften nach 
> genauer Angabe
> der Anzahl der untersuchten Variablen, ihres Messniveus und ihrer zu Grunde 
> liegenden
> statistischen Annahmen vielleicht nötig für ein Expertensystem über diese 
> aber recht ungeeignet
> für eine informationswissenschftlche Beschreibung und Einordnung dieser 
> Methoden.
 
Für unterschiedliche Ziele werden unterschiedliche Verfahren gebraucht; das ist 
natürlich richtig. Aber hinsichtlich unserer Fragestellung höre ich hier die 
Aussage (2) heraus zusammen mit der Behauptung, das Thema Expertensysteme 
gehöre nicht zur WO. Ich sehe aber keinen grundsätzlichen Unterschied etwa 
zwischen einem Literaturrecherchesystem und einem Expertensystem. Deswegen 
hatte ich Letzteres als ein Beispiel genannt, das auf die Ergebnisse der IWO 
angewiesen ist. Entsprechendes trifft wohl auch auf das Integrative Framework 
von Herrn Herre zu, wenn es auf Biologie, Medizin oder auf die Theorie von Raum 
und Zeit angewendet werden soll.
 
> Dass die Wissensorganisation nur "fachextern" betrachtet wurde, kann ich 
> nicht sehen.
> Wie würden Sie z.B. einen Beitrag von Herrn Herre oder von Herrn Jabloun 
> einordnen.
 
Beide zähle ich zur EWO, denn sie folgen dem im ersten Zitat beschriebenen 
Schema, wonach Inhalte bestimmten Beschreibungssprachen zuzuordnen sind, die 
dann bei Herrn Jabloun in die Enterprise Architecture, bei Herrn Herre in das 
Integrative Framework for development and application of ontologies eingehen. 
Um Beiträge zur IWO würde es sich handeln, wenn sie sich mit der systematischen 
Darstellung desjenigen Wissens befassten, das in der Architektur bzw. dem 
Framework aufgenommen werden soll. Diese Darstellung muss unabhängig von einem 
speziellen Verfahren sein, denn das Wissen über eine Firma oder das 
wissenschaftliche Wissen kann ja nicht von der Art der Darstellung auf dem 
Rechner abhängen. Bezüglich des Firmenwissens könnte ich mir vorstellen, dass 
es unter (2) fällt, dass also eine IWO hier nicht benötigt wird.
 
Zur Erläuterung noch ein verwirrend einfaches Beispiel. Man hat sich allgemein 
an die Vorstellung gewöhnt, das Informationsgeschäft werde stets von einem 
Informationswissenschaftler mit ausreichend kompetentem Fachverständnis 
betrieben, und zwar unabhängig davon, um welche Fachdisziplin es dabei geht. Er 
könnte also z.B. die Aufgabe haben, irgendeine physikalische Teildisziplin aus 
einer bestimmten Makrosicht heraus zu erfassen. Nun ist natürlich auch das 
Umgekehrte denkbar: Man betrachtet die EWO selbst als Fachdisziplin und 
beauftragt einen Physiker mit ihrer Erfassung.
 
(Aufgrund meiner Erfahrung ist davon auszugehen, dass man ihm das ausreichend 
kompetente Fachverständnis abspricht und seine Ergebnisse verwirft. Nun gilt 
aber gleiches Recht für alle. Ein Informationswissenschaftler sollte daher 
nicht überrascht sein, wenn seine Arbeit bei einem Naturwissenschaftler auf 
wenig Gegenliebe stößt. Doch das nur nebenbei.)
 
Worauf ich hinauswollte ist das Folgende: Die obige Arbeit des Physikers ist 
als eine Tätigkeit einzustufen, die zur EWO gehört, denn er beschreibt aus 
externer Sicht eine Fachdisziplin, in diesem Fall ist es die EWO. An der 
Einstufung ändert sich natürlich nichts, wenn die Arbeit nicht von einem 
Physiker, sondern von einem Vertreter der EWO vorgenommen wird.
 
Da die EWO eine Fachdisziplin ist, muss es auch eine wissensorganisatorische 
Tätigkeit innerhalb dieser Fachdisziplin, also eine IWO geben. Sie besteht in 
der systematischen Darstellung der EWO, d.h. sie besteht darin, die EWO als 
Theorie darzustellen. Der Beitrag von Herrn Hjørland bewegte sich im 
innerfachlichen Bereich, er kam also der IWO nahe, aber ihm fehlte das, was 
nach meinem Verständnis eine Theorie ausmachen sollte. Aber das ist ein anderes 
Thema.
 
Schöne Feiertage und viele Grüße
Peter Jaenecke
 
PS: Bitte nicht die alte(n) Mail(s) anhängen: das bläht das Archiv nur unnötig 
auf und führt, wenn mehrere Personen sich an der Diskussion beteiligen, leicht 
zu einer chaotischen Vielfalt.

Antwort per Email an