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Gesendet: Dienstag, 26. März 2013 um 17:36 Uhr
Von: "Peter Ohly" <[email protected]>
An: [email protected]
Betreff: [WISS-ORG] Aw: [WISS-ORG] Rückblick auf die Potsdamer Tagung/Test der Mailingliste
Von: "Peter Ohly" <[email protected]>
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Betreff: [WISS-ORG] Aw: [WISS-ORG] Rückblick auf die Potsdamer Tagung/Test der Mailingliste
Lieber Herr Ohly,
Ihre Einwände beruhen auf einer ganz bestimmten Sichtweise; nach meinem Sprachgebrauch ist es die der externen Wissensorganisation (EWO). Aus dieser Sichtweise entstehen eine Reihe von Missverständnissen; im Folgenden werde ich versuchen, einige davon zu klären.
> Aber wie auch immer, im Informationsgeschäft geht es letztlich nicht um die wissenschaftlichen
> Aussagen der Fachdisziplin, sondern um die Makro(oder Meso)-Sicht der Einordnung. …
> Hier wird dann ein ausreichend kompetentes Verständnis der Zuordnung der Inhalte zur
> Beschreibungssprache vorausgesetzt, eine inhaltliche, tiefergehende Analyse (z.B. wie beim
> Periodensystem in der Chemie) muß aber nicht erfolgen.
Was Sie hier beschreiben, ist nach meinem Verständnis EWO: Die Makro(oder Meso)-Sicht ist die externe Sicht auf eine Fachdisziplin mit dem Ziel, fachspezifische Inhalte einzuordnen/zuzuordnen/zu beschreiben. In Kurzfassung sagen Sie:
(1) WO = EWO;
(2) für eine EWO ist eine interne Wissensorganisation (IWO) nicht erforderlich.
Die Aussage (1) bestreite ich; der Aussage (2) kann ich unter bestimmten Bedingungen (die davon abhängen, welche Ziele mit der EWO erreicht werden sollen) zustimmen. Wogegen ich mich wende, ist die gedankliche Fortsetzung von (2); sie lautet
(2f) Für eine EWO ist eine IWO nicht erforderlich, letztere ist daher überflüssig, daher (1).
> Z.B. wäre eine Beschreibung der Analysemethoden der Sozialwissenschaften nach genauer Angabe
> der Anzahl der untersuchten Variablen, ihres Messniveus und ihrer zu Grunde liegenden
> statistischen Annahmen vielleicht nötig für ein Expertensystem über diese aber recht ungeeignet
> für eine informationswissenschftlche Beschreibung und Einordnung dieser Methoden.
Für unterschiedliche Ziele werden unterschiedliche Verfahren gebraucht; das ist natürlich richtig. Aber hinsichtlich unserer Fragestellung höre ich hier die Aussage (2) heraus zusammen mit der Behauptung, das Thema Expertensysteme gehöre nicht zur WO. Ich sehe aber keinen grundsätzlichen Unterschied etwa zwischen einem Literaturrecherchesystem und einem Expertensystem. Deswegen hatte ich Letzteres als ein Beispiel genannt, das auf die Ergebnisse der IWO angewiesen ist. Entsprechendes trifft wohl auch auf das Integrative Framework von Herrn Herre zu, wenn es auf Biologie, Medizin oder auf die Theorie von Raum und Zeit angewendet werden soll.
> Dass die Wissensorganisation nur "fachextern" betrachtet wurde, kann ich nicht sehen.
> Wie würden Sie z.B. einen Beitrag von Herrn Herre oder von Herrn Jabloun einordnen.
Beide zähle ich zur EWO, denn sie folgen dem im ersten Zitat beschriebenen Schema, wonach Inhalte bestimmten Beschreibungssprachen zuzuordnen sind, die dann bei Herrn Jabloun in die Enterprise Architecture, bei Herrn Herre in das Integrative Framework for development and application of ontologies eingehen. Um Beiträge zur IWO würde es sich handeln, wenn sie sich mit der systematischen Darstellung desjenigen Wissens befassten, das in der Architektur bzw. dem Framework aufgenommen werden soll. Diese Darstellung muss unabhängig von einem speziellen Verfahren sein, denn das Wissen über eine Firma oder das wissenschaftliche Wissen kann ja nicht von der Art der Darstellung auf dem Rechner abhängen. Bezüglich des Firmenwissens könnte ich mir vorstellen, dass es unter (2) fällt, dass also eine IWO hier nicht benötigt wird.
Zur Erläuterung noch ein verwirrend einfaches Beispiel. Man hat sich allgemein an die Vorstellung gewöhnt, das Informationsgeschäft werde stets von einem Informationswissenschaftler mit ausreichend kompetentem Fachverständnis betrieben, und zwar unabhängig davon, um welche Fachdisziplin es dabei geht. Er könnte also z.B. die Aufgabe haben, irgendeine physikalische Teildisziplin aus einer bestimmten Makrosicht heraus zu erfassen. Nun ist natürlich auch das Umgekehrte denkbar: Man betrachtet die EWO selbst als Fachdisziplin und beauftragt einen Physiker mit ihrer Erfassung.
(Aufgrund meiner Erfahrung ist davon auszugehen, dass man ihm das ausreichend kompetente Fachverständnis abspricht und seine Ergebnisse verwirft. Nun gilt aber gleiches Recht für alle. Ein Informationswissenschaftler sollte daher nicht überrascht sein, wenn seine Arbeit bei einem Naturwissenschaftler auf wenig Gegenliebe stößt. Doch das nur nebenbei.)
Worauf ich hinauswollte ist das Folgende: Die obige Arbeit des Physikers ist als eine Tätigkeit einzustufen, die zur EWO gehört, denn er beschreibt aus externer Sicht eine Fachdisziplin, in diesem Fall ist es die EWO. An der Einstufung ändert sich natürlich nichts, wenn die Arbeit nicht von einem Physiker, sondern von einem Vertreter der EWO vorgenommen wird.
Da die EWO eine Fachdisziplin ist, muss es auch eine wissensorganisatorische Tätigkeit innerhalb dieser Fachdisziplin, also eine IWO geben. Sie besteht in der systematischen Darstellung der EWO, d.h. sie besteht darin, die EWO als Theorie darzustellen. Der Beitrag von Herrn Hjørland bewegte sich im innerfachlichen Bereich, er kam also der IWO nahe, aber ihm fehlte das, was nach meinem Verständnis eine Theorie ausmachen sollte. Aber das ist ein anderes Thema.
Schöne Feiertage und viele Grüße
Peter Jaenecke
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