Bezug:
Gesendet: Donnerstag, 04. April 2013 um 13:41 Uhr
Von: "Peter Ohly" <[email protected]>
An: [email protected]
Betreff: Aw: [WISS-ORG] Rückblick auf die Potsdamer Tagung/Test der Mailingliste
Von: "Peter Ohly" <[email protected]>
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Betreff: Aw: [WISS-ORG] Rückblick auf die Potsdamer Tagung/Test der Mailingliste
Lieber Herr Ohly,
mit meinen Diskussionsbeiträgen wollte ich dazu beitragen, dass mein Vortrag an der richtigen Stelle innerhalb der Wissensorganisation eingeordnet wird. Ob mir das tatsächlich gelungen ist, darüber bin ich im Zweifel. Mir ist inzwischen klar geworden, dass die ganzen Diskussionen eigentlich überflüssig wären, wenn es eine Theorie der Wissensorganisation gäbe. Was wir hier diskutieren, sind alles Fragen, die durch eine Theorie geklärt werden müsste. Solange jeder unter Wissensorganisation etwas anderes versteht, kommt man kaum zu einem brauchbaren Ergebnis. Die gänzliche Theorielosigkeit der Wissensorganisation – so jedenfalls mein Eindruck – sind der Hauptgrund für das aneinander Vorbeireden und die sich daraus ergebenden Missverständnisse. Diesen Zustand zu ändern, wäre eine Aufgabe der ISKO. Aber ich glaube, man ist sich der Theorielosigkeit gar nicht bewusst und sieht daher auch nicht die Notwendigkeit, auf theoretischem Gebiet aktiv zu werden.
> Trotzdem ist die ISKO mehr im Informationsfach angesiedelt, wo es eben um
> EWO, der informationswissenschaftlich fruchtbaren Wissensorganisation geht.
Wer hat denn diese Ansiedlung vorgenommen? Und ist diese Beschränkung wirklich ein Zukunftsmodell für die ISKO?
Ein Beispiel für eine (wissenschafts)theoretische Aussage ist die folgende:
(*) Jede Methode ist in ihren Anwendungsmöglichkeiten beschränkt.
Das gilt für alle Methoden, nicht nur für die aus der Wissensorganisation. Aus (*) folgt unter anderem: Will man methodisch vorgehen, muss man im 1. Schritt bei der Zielsetzung beginnen, d.h. man muss sich zuallererst völlige Klarheit darüber verschaffen, welches Ziel man erreichen möchte. Im 2. Schritt muss man, abhängig vom Ziel, eine Methode auswählen, von der man vermutet, dass man mit ihr das gesteckte Ziel erreichen kann. Im 3. Schritt muss man nachweisen, dass man mit der gewählten Methode sein Ziel auch wirklich erreicht hat. Bei den Systemen, die ich entwickelt habe, hat sich dieser Schritt immer als der schwerste herausgestellt. In der Informationswissenschaft wird er meist übersehen oder doch wenigstens sehr stiefmütterlich, um nicht zu sagen, dilettantisch behandelt. Auch das wäre ein Aufgabengebiet der ISKO: Wie testet man ein System?
Wenn man sich nun die Literaturdokumentation zum Ziel setzt, dann sollten die methodischen Verfahren der externen Wissensorganisation (EWO) ausreichen, um dieses Ziel zu erreichen. Von anderen Methoden ist dann gemäß (*) zu erwarten, dass sie für dieses Ziel ungeeignet sind.
> Hier kann eine präzise Beschreibung und Verortung von wissenschaftlichen
> Mikro-Sachverhalten (etwa Variablen und ihren Zusammenhängen) eher
> zur Verwirrung beitragen.
Genau. Aber wenn ich das richtig verstehe, wollen Sie damit die interne Wissensorganisation (IWO) charakterisieren. Doch diese hat mit der Verortung von wissenschaftlichen Mikro-Sachverhalten nichts zu tun, denn bei einer Verortung handelt es sich ja wieder bloß um eine Art von Beschreibung. Etwas später schreiben Sie
> Insofern hat man es vielleicht eher mit einer Faktendokumentation,
> denn einer Literaturdokumentation zu tun.
Um es noch einmal zu sagen: Bei der IWO geht es nicht um eine Dokumentation.
Vielleicht hilft das folgende Beispiel weiter: Ziel sei es, ein System zu entwickeln, das zu jedem geografischen Ort x angibt, wann dort die nächste totale Sonnenfinsternis zu erwarten ist. Um dieses Ziel zu erreichen, kann man nicht auf die EWO-Methoden zurückgreifen, denn ich will ja keine Literaturliste haben, die auf Dokumente verweist, in denen beschrieben wird, wie solch ein Datum zu berechnen ist: ich will das Datum selbst genannt bekommen. Dazu ist es aber notwendig, den Inhalt der betreffenden Astronomielehrbücher ohne Inhaltsverlust so aufzubereiten, dass er auf einem Rechner dargestellt werden kann, so dass dieser dann in der Lage ist, das gewünschte Datum in Abhängigkeit von x zu berechnen. Diese Aufbereitungsarbeit bezeichne ich als IWO. Ohne Inhaltsverlust bedeutet: Man darf zum Zwecke der Rechnerdarstellung keine Vereinfachungen am Inhalt vornehmen, sonst bekommt man nämlich ein falsches oder gar kein Datum.
> Deswegen auch mein Bezug zu Expertensystemen, die Schlüsse
> an Hand von Fakten (schlecht und recht) ziehen.
Was ein Expertensystem ist, müsste von einer Theorie geklärt werden. Ein System, welches das Datum einer totalen Sonnenfinsternis berechnet, halte ich z.B. für ein solches. Man muss sich davor hüten, ein System nicht nach seinem Zweck, sondern nach seinen zufällig und historisch bedingten Methoden zu klassifizieren; denn die Methode können veralten, indem sie sich als unzureichend erweisen, der Zweck aber bleibt.
> Da Ontologien sich stärker an der Sachwelt, denn der Ideenwelt zu orientieren
> scheinen, mag hier die Notwendigkeit des Rückgriffs der EWO auf die IWO eher zutreffen.
Diese Sichtweise lässt die Aussage (*) außer Acht: Auf welche Methode zurückzugreifen ist, kann man nur von der Zielsetzung her beurteilen. Leider ist die Informationswissenschaft – einschließlich der künstlichen Intelligenz – methodenlastig: Statt sich ein Ziel zu setzen und sich erst dann nach einer geeigneten Methode umzusehen, beschreitet man den umgekehrten Weg: Man erfindet immer wieder eine neue Methode/ein neues „Tool“ (oft im Zusammenhang mit einer neuen Programmiersprache), und rennt dann möglichen Anwendungen hinterher. Diese Vorgehensweise ist wohl eine Folge der oben erwähnten Theorielosigkeit.
Viele Grüße
Peter Jaenecke
