http://www.libreas.eu/09treude.htm
Das Problem der Konzeptdefinition in der Wissensorganisation – Über einen 
missglückten Versuch der Klärung
zu: Alon Friedman, Richard P. Smiraglia, (2013): Nodes and arcs: concept map, 
semiotics, and knowledge organization. In: Journal of Documentation, Vol. 69/1, 
S.27-48. DOI: 
10.1108/00220411311295315<http://dx.doi.org/10.1108/00220411311295315>
paßt vielleicht dazu / m f g (Zufallsfund)
Von: Diskussionsforum für Wissensorganisation [mailto:[email protected]] 
Im Auftrag von Walther Umstaetter
Gesendet: Donnerstag, 30. Mai 2013 18:46
An: [email protected]
Betreff: Re: [WISS-ORG] Langfassung: Über die Darstellung ein er deduktiven 
Wissenschaft als Deduktgeflecht


Am 2013-05-30 12:32, schrieb Peter Jaenecke:
Bezug:
Gesendet: Sonntag, 26. Mai 2013 um 11:59 Uhr
Von: "Walther Umstaetter" 
<[email protected]<mailto:[email protected]>>
An: [email protected]<mailto:[email protected]>
Betreff: Re: [WISS-ORG] Langfassung: Über die Darstellung einer deduktiven 
Wissenschaft als Deduktgeflecht

Sehr geehrter Herr Umstätter,

in meinem letzten Beitrag führte ich unter der Bezeichnung aussagen- und 
begriffsbasiert zwei Ansätze ein, zu denen zwei grundverschiedene, sich 
gegenseitig ausschließende „Weltanschauungen“ gehören. Was in der einen wahr 
ist, kann in der anderen falsch sein. Außerdem kann es vorkommen, dass ein 
bekanntes Problem der einen in der anderen gar nicht formulierbar ist. Das hat 
zur Folge, dass keine der aus einer bestimmten Weltanschauung heraus 
formulierten Aussagen allgemeine Gültigkeit beanspruchen darf. Das gilt auch 
für Ihre der begriffsorientierten Weltanschauung zugehörigen Aussagen

> Je genauer wir die Aussagen über einen Objektbereich beschreiben bzw. diesen 
> definieren,
> desto leichter werden wir unsere Wissensgrenzen erkennen. Oder anders gesagt, 
> desto
> leichter wird unsere Aussage falsifizierbar.

In der von mir favorisierten aussagenbasierten Weltanschauung dienen die 
Aussagen nicht dazu einen Objektbereich zu beschreiben oder zu definieren, denn 
das ist unmöglich. Daher bleibt der Objektbereich immer offen, und daher lassen 
sich auch keine Wissensgrenzen erkennen. So ist es z.B. grundsätzlich nicht 
möglich, mit den Mitteln der klassischen Mechanik die Grenzen der klassischen 
Mechanik zu bestimmen. Außerdem gibt es im aussagenbasierten Ansatz keine 
Falsifikation.

Fazit: Man muss sich für eine der beiden Weltanschauungen entscheiden. Ich habe 
mich für die aussagenbasierte entschieden, und insofern stehe ich den 
Behauptungen und Problemen der begriffsbasierten ziemlich gleichgültig 
gegenüber: ich lasse sie gelten, aber ich habe mich von ihnen gewissermaßen 
losgesagt.

**Das kann ich gut nachvollziehen, da es mir umgekehrt ähnlich geht. Ich kann 
Ihrer Vorstellung einer rein aussagenbasierten Weltanschauung **leider nicht 
folgen.

> Beim Wissen ist entscheidend, wie
> - präzise das Wissen ist (Wie genau trifft unsere Vorhersage zu? )
> - fehlertolerant es ist (Welche Schwankungsbreite ist einzukalkulieren?)
> - zuverlässig es ist (Wie wahrscheinlich liegt die Vorhersage innerhalb der 
> Toleranzbreite?) …
> - ausgedehnt die zeitliche Reichweite ist (In welchem Zeitraum besteht 
> Gültigkeit?)
> - ausgedehnt die thematische Reichweite ist (Gilt die Vorhersage nur für 
> einen Spezialfall?)
> - komprimiert es ist (Kann ich es beispielsweise in eine knappe Gleichung 
> fassen?)

Sie wechseln hier auf ‚Wissen‘, während sich meine Ausführungen ausschließlich 
auf Aussagen beziehen.

**Für mich hat Wissen keinen Sinn, wenn sich aus den Begründungen keine 
Aussagen ableiten. Ich hätte also statt Wissen auch begründete **Aussagen 
schreiben können, da mich alle unsinnigen Aussagen hier nicht interessieren.

Das hat seinen Grund: Nur bezüglich Aussagen vermag ich sauber festzulegen, was 
eine Herleitung sein soll. Ihre ersten drei Fragen beziehen sich auf 
Genauigkeit, Schwankungs- und Toleranzbreite; es sind dies aber aus meiner 
Sicht keine Eigenschaften von Aussagen; ich kenne sie nur als Eigenschaften von 
Messwerten und technischen Geräten. Die Fragen 4 und 5 gehören bei mir in den 
Umkreis Objektbereich, wobei mir allerdings eine zeitlich begrenzte Gültigkeit 
z.B. von Naturgesetzen Schwierigkeiten bereitet.

**Es gibt doch fast nur zeitlich begrenzte Aussagen, denn schon all das, was 
z.B. unseren Planeten betrifft ist zwangsläufig endlich. Schon die **Aussage 
morgen wird es in Berlin regenen, kann ja nur zeitlich begrenzt gelten. Daneben 
haben wir interessanterweise auch Naturgesetze, **die anscheinend zeitlos sind. 
Aber auch bei denen müssen wir immer wieder hinterfragen, ob es nicht auch dort 
zeitliche Grenzen gibt.

Die letzte Frage gehört in die Darstellungsproblematik und ist ein eigenes 
Thema.

> Sie schreiben: „Eine davon ist die Behauptung‚ Wissen ist nie absolut 
> gesichert‘. Sie ist
> im aussagenbasierten Ansatz entweder trivial oder falsch, je nach dem, was 
> man unter
> ‚absolut‘ versteht.“ Ich würde sagen, in der realen Welt ist es inzwischen 
> zwar trivial aber
> nicht falsch. Das ‚absolut‘ bezieht sich auf den jeweiligen Begriffsrahmen.

Ich hatte mich ja ausdrücklich auf den aussagenbasierten Ansatz bezogen und 
hier ist der Wahrheitswert der Aussagen gesichert. In diesem Ansatz gibt es 
auch keinen Begriffsrahmen.

**Wie gesagt, dem kann ich nicht folgen. Ich befürchte, dass Sie in ihrer 
Aussagenlogik Konstrukte meinen, in denen Sie für das jeweilige **Konstrukt 
gesicherte Aussagen festlegen, die in sich (wie beispielsweise in der 
Mathematik) auch stimmig sind, die aber, um das **hypothetische Niveau zu 
verlassen, sich auch früher oder später an der Realität prüfen lassen müssen.

Man findet in der wissenschaftstheoretischen Literatur immer wieder die (dem 
begriffsbasierten Ansatz entstammende) Behauptung, Naturgesetze seien bloß mehr 
oder weniger gut bestätigte Hypothesen. Soll dies nicht bloß eine 
philosophische Floskel bleiben, muss man den Bestätigungsgrad so einführen, 
dass man ihn zu jeder gegebenen Hypothese bestimmen kann. Das ist auch mehrfach 
erfolglos versucht worden, und, soweit ich weiß, wird daran noch immer 
geforscht. Eine gute Zusammenfassung dieses ganzen Themenkomplexes bietet:

Rosenthal, Jacob (2007): Induktion und Bestätigung. In: Andreas Barthels & 
Manfred Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. Ein Studienbuch. Mentis Verlag. 
Paderborn, 2007, p. 109 – 133.

Dort findet man, dass man mit simplen Wahrscheinlichkeitsbehauptungen nicht 
weit kommt; man findet dort aber auch, welche Blüten die „Bestätigungstheorie“ 
inzwischen getrieben hat. Im aussagenbasierten Ansatz kann man zeigen, dass es 
unmöglich ist solch einen Bestätigungsgrad anzugeben.

**Das erinnert mich an die  Philosophen, die sich seit B. Libets Versuchen 
(1979) gezwungen sehen die Willensfreiheit des Menschen **anzuzweifeln, aber 
trotzdem zu behaupten, dass der Mensch für sein Handeln verantwortlich ist. 
Dabei haben sie nur die neurologischen **Versuche von Kornhuber, Libet, etc. 
nicht verstanden.
**Ansonsten würde ich auch durchaus vermuten, dass man mit dem 
aussagenbasierten Ansatz den "Bestätigungsgrad wirklich nicht angeben **kann, 
weil man dazu eben die Begrifflichkeit der Semiotik braucht. Darum kann ich ja 
dem rein aussagenbasierten Ansatz nicht folgen. Ihm **fehlt das Entscheidende.

Interessant und für mich unverständlich ist, dass in allen mir bekannten 
wissenschaftstheoretischen Arbeiten das Technikargument ignoriert wird. Das 
scheint offenbar ein Erbe des Deutschen Idealismus zu sein: Da Kant mit der 
Technik nichts anzufangen wusste und Hegel sie sogar verteufelte, scheint sich 
auch bei ihren direkten und indirekten Nachfolgern bis auf den heutigen Tag 
eine gewisse Technikblindheit erhalten zu haben. Ich kenne nur eine Arbeit (sie 
stammt von einem Naturwissenschaftler) in der mit Nachdruck das Technikargument 
vertreten wird. Es ist dies:

DESSAUER, FRIEDRICH (21960): Naturwissenschaftliches Erkennen. Beiträge zur 
Naturphilosophie. Verlag Josef Knecht. Frankfurt/Main, 1960, p. 9f und an 
zahlreichen anderen Stellen des Buches.

Dort heißt es:

»Es gibt im ganzen Bereich der menschlichen Bemühung um Wissen ein Gebiet, 
worin dieses Streben zu gültigem Besitz gelangt … Auf diese Zone des sicheren 
Wissens beruht ein Feld menschlicher Gestaltung. Wir nennen es „Technik“, und 
das dort Gestaltete verbürgt die Echtheit des Naturwissens, aus dem heraus 
gestaltet wurde. … Wären die kanonischen Sätze der Mechanik, die Maxwell-Sätze 
der Elektrodynamik, die Elektronik, Quantenphysik und so fort ein „Als ob“, 
eine Fiktion, dann gingen unsere Maschinen nicht, und die Dynamos gäben keinen 
Strom, die Sulfonamide heilten nicht, die Barbitursäurepräparate brächten 
keinen Schlaf und stillten keine Schmerzen.« Heute kann man die Liste noch um 
zwei weitere machtvolle Beispiele ergänzen: Um Internet und Mobiltelefonie zu 
realisieren, wird (von Quantenelektrodynamik, Stringtheorie und Ähnlichem 
abgesehen) so ziemlich die gesamte Physik gebraucht, d.h. es sind zahlreiche 
Gesetze „im Einsatz“. Sie müssen alle aufeinander abgestimmt sein und sie 
müssen in aller Strenge gelten. Wenn eines dieser Gesetze nur ein bisschen 
falsch wäre, würde etwa der Mobilfunk nicht bloß ein bisschen funktionieren, 
sondern gar nicht. Jedes Telefonat lässt sich als ein kontinuierlicher 
gleichzeitiger Bestätigungsversuch dieser Gesetze interpretieren. Wie will man 
aufgrund dieser Fakten einen sinnvollen Bestätigungsgrad definieren?

> Wenn ich es richtig sehe, basiert all unser Wissen eigentlich immer nur auf 
> Erfahrung …

Das steht aber im Widerspruch zu der von Ihnen vertretenen Philosophie, wonach 
Gesetze durch einen über die Erfahrung hinausgehenden „Induktionsschluss“ 
gewonnen werden. Und eben wegen dieses Hinausgehens hat man ja den ganzen 
Bestätigungsschlamassel.

**Das kann schon darum nicht im Widerspruch zu meiner "Philosophie" stehen, da 
ich die zitierte Aussage voll unterschreiben könnte. Man darf **dabei nur nicht 
außer Acht lassen, dass es gerade bei der hohen Zuverlässigkeit der heutigen 
"Technik", eine der leichstesten Übungen ist, **auszurechne, wie selten sie 
versagt. Eine der ersten Dinge, die man in einem Physikpraktikum lernt, ist die 
Fehlerfortpflanzung bei  **Messungen. Das  Gegenstück zur Information, die 
Entropie, die die gesamte Ordnung bzw. Unordnung im Universum beschreibt, 
basiert **ausschießlich auf Wahrscheinlichkeit. In Natürlichen Einheiten gilt 
Entropie S = ln W (Wahrscheinlichkeit). Eindeutiger geht es nicht.

Mfg
Walther Umstätter

**P.S. Dank an Frau Dahlberg,  für die Erläuterung, zumal aus meiner Sicht 
Formalisten wie Hilbert und Frege verständlicherweise als **Mathematiker 
argumentieren, während wir beim Schritt von der Information zum Wissen nicht an 
der Semiotik vorbei kommen, also der **Zuordnung von Zeichen zu ihren Objekten 
bzw. umgekehrt.

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