Bezug:
(1) Gesendet: Donnerstag, 30. Mai 2013 um 21:38 Uhr
(2) Gesendet: Donnerstag, 30. Mai 2013 um 21:56 Uhr
Von: "Heinrich Herre" <[email protected]>
An: [email protected]
Betreff: Re: [WISS-ORG] Langfassung: Über die Darstellung einer deduktiven Wissenschaft als Deduktgeflecht
 
Lieber Herr Herre,
 
Sie schreiben in (1): „wie schon in einer anderen email dargelegt“; ich erhielt aber gestern nur die beiden oben angeführten Mails. Ist da etwas verlorengegangen?
 
Ich möchte zunächst auf Ihre zweite Mail eingehen. Dort heißt es:
 
> Aussagen haben einen Wahrheitswert, Begriffe als solche sind weder wahr noch falsch.
 
Das sehe ich auch so. Ich möchte noch ergänzen: auch die Definitionen haben keinen Wahrheitswert.
 
> Sie sind aber wesentliche Konstituenten von Aussagen, Z.B. ist der Begriff "Igel" weder wahr
> noch falsch; es lassen sich aber viele Aussagen konstruieren, die diesen Begriff enthalten. Z.B.
> "Der Igel ist ein Säugetier", "Der Igel hat Stacheln"; "Dieses Tier da auf der Strasse ist ein igel,. " u.s.w.
 
Hier fangen meine Probleme an: ‚Igel‘ ist für mich kein Begriff, sondern ein Tier, denn ein Igel kann über die Straße laufen, ein Begriff aber nicht. Auch aus früheren Beiträgen scheint mir hervorzugehen, dass jedes Substantiv einer natürlichen Sprache als Name für einen Begriff aufgefasst wird, oder anders formuliert: Begriff = Bedeutung eines Substantivs. Träfe dies zu, so würde das den Gehalt der hier getroffenen Aussagen über Begriffe beträchtlich mindern; überhaupt könnte man dann auf das Wort ‚Begriff‘ verzichten und z.B. sagen: „Zunächst benötigt man für den Aufbau von Aussagen Wortbedeutungen …“ oder „die Aussagen bauen auf Wortbedeutungen auf“.
 
Wie dem auch sei: Aussagen- und begriffsbasierter Ansatz unterscheiden sich in dem, wie die Bedeutungen gewonnen werden. Der aussagenbasierte indirekt durch Aussagen, der begriffsbasierte direkt durch Definitionen; das hat erhebliche Konsequenzen Die von Ihnen angegebene Vorgehensweise ordne ich dem begriffsbasierten Ansatz zu:
 
> Die Festlegung und Auswahl der der Begriffe für einen Objektbereich ist von grundlegender
> Bedeutung, da ja die Aussagen auf diesen Begriffen aufbauen.
 
‚Objektbereich‘ hat bei mir eine andere Bedeutung; hier müsste ‚Begriffsumfang‘ stehen.
 
> Die Begriffe müssen also so gewählt werden, dass sich wichtige Aussagen damit formulieren lassen.
 
Das ist nicht genug: man muss auch ihren Wahrheitswert sichern, und das kann man im begriffsbasierten Ansatz nicht. Den Grund geben sie selber an:
 
> Die Hoheit über die Auswahl und inhaltliche Festlegung der Begriffe repräsentiert eine bedeutende Macht.
 
Die Festlegung ist also subjektiv. Bei mir heißt das: jede Definition enthält ein willkürliches Element, und deswegen kann man beim Aufbau einer deduktiven Wissenschaft nicht mit Definitionen beginnen, ganz abgesehen von der Frage, ob solche Definitionen überhaupt möglich sind. Die Erfahrungswissenschaften folgen jedenfalls dem aussagenbasierten Ansatz: bei ihnen werden die Grundbegriffe NICHT definiert.
 
Noch kurz einige Anmerkungen zur Ihrer Mail (1).
 
> Auch in dem begriffsbasierten Ansatz werden Aussagen formuliert, …
 
Das habe ich nirgends bestritten; es geht mir um die Sicherung ihres Wahrheitswertes.
 
> Es muss doch aber eine Beziehung zwischen den Aussagen und dem Objektbereich bestehen.
> Und wenn die Aussagen den Objektbereich nicht beschreiben, welche Aufgabe haben sie dann?
> Beschreiben soll hier nicht bedeuten, eine vollständige explizite Definition für den Objektbereich
> anzugeben, sondern Aussagen zu formulieren, die in dem Objektbereich wahr sind.
 
Die Beziehung zwischen den Aussagen und dem Objektbereich habe ich doch beschrieben, z.B. in dem folgenden Beispiel:
 
[m1r'' + Gm1m2 g(r) = 0] =wahr, dabei ist g eine bekannte Funktion und F die in eckiger Klammer stehende Gleichung.
DURCH ‚= WAHR‘ WIRD DIE WELT EINGETEILT IN EINE MENGE VON OBJEKTEN, FÜR WELCHE F WAHR IST, DIE ALSO DEN OBJEKTBEREICH OF AUSMACHEN, und in eine Menge, welche alle anderen Objekte enthält. Es gilt somit:
 
(*)   F = wahr für alle Objekte o Element aus OF.
 
> Kann denn nicht der Fall auftreten, dass eine aufgestellte Aussage in dem Objektbereich falsch ist?
 
Nein, denn (*) ist eine analytische Wahrheit, d.h. sie folgt allein aus den Festlegungen.
 
> Es kommt darauf an, wie der Bestätigungsgrad eingeführt wird. Der mathematische Apparat ist so flexible,
> dass es in der Mathematik "nichts gibt, was es nicht gibt".
 
Da bin ich mir nicht so sicher: Zu meiner Zeit wäre ich durch die Matheprüfung gefallen, wenn ich dort von der Dirac’schen Deltafunktion gesprochen hätte. Sie galt damals als mathematischer Unfug, von Physikern ausgedacht. Das Problem beim Bestätigungsgrad ist das Unendliche: Wenn ich 1min mit meinem Handy telefoniere, habe ich für 1min kontinuierlich (also unendlich oft) alle Naturgesetze „bestätigt“, die im Mobilfunk verbaut wurden. Wie will man da noch einen Grad einführen?
 
Die Aussagen über Marx sind richtig, nur gilt er nicht als Vertreter des Deutschen Idealismus.
 
> Es gibt drei (pragmatische) Kriterien für die Bewertung von wissenschaftlichen (empirischen) Theorien.
 
Bei mir ging es um Aussagen. Was eine wissenschaftliche Theorie ist, darüber gibt es offenbar noch keine brauchbaren Angaben. Das wollte ich ändern, herausgekommen sind dann die Deduktgeflechte.
 
Viele Grüße
Peter Jaenecke

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