Liebe freunde,

mein grosser dank an Elektra.

Und ich unterstuetze den wunsch von Monic, diese diskussion in WlanTalk zu konzentrieren. Auch wenn wohl viele leserInnen in beiden listen angemeldet sind. Aber diese diskussion ist keine "neue Nachricht". Sondern ein "Gespraech".

Ich definiere Dummheit als dann gegeben, wenn ich nicht weiss, aber wissen koennte.

Und da stellt sich sofort die frage, wie sie auch Dietrich Bonhoeffer aufwirft: Warum wollen menschen nicht wissen, nicht verstehen, nicht erkennen. Wir koennen hierfuer nicht die anderen verantwortlich machen.

Wir koennen uns dabei nicht immer auf ein "System" beziehen, das in wirklichkeit nicht existiert. Systeme sind verbuende von vielen einzelnen elementen. Der Wald, das system, existiert nicht. Nur die baeume existieren. Und wenn sich viele auf engem raum, relativ, verdichten, dann wird es fuer uns zum wald.

Staaten existieren nicht. Sie existieren nur als referenzen in unserem kopf. Nationen, Goetter existieren nicht. Es sind nur virtuelle konstruktionen.

Aber menschen existieren, ihre gemeinschaften existieren. Ganz real. Freifunk existiert nicht als sich selbst. Es existiert als perspektive, die menschen zum gemeinsamen denken und tun anregen. Immer die menschen stehen im mittelpunkt.

In Telepolis finden wir einen wunderbaren text:
Theorien sind Spiegel der Gesellschaft
http://www.heise.de/tp/artikel/48/48512//from/atom10

Da geht es um das gleiche thema. Aus diesen betrachtungen koennen wir lernen, unsere eigenen, selbst auferlegten beschraenkungen zu erkennen. Oder, wie Immanuel Kant die Aufklaerung bestimmte: Die Ueberwindung der selbstverschuldeten Unmuendigkeit.

Seien wir vorsichtig mit dem ruf: Und wie soll das praktisch funktionieren? Zuerst die Ideen, dann die Realisierung.

mit lieben gruessen, willi
Manaus, Brasil


Am 03/07/2016 um 05:54 schrieb Elektra:


Hallo alle -

Genau daran krankt die ganze Organisation!

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen die Dummheit 
sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas 
ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil 
widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden - in solchen Fällen 
wird der Dumme sogar kritisch - und wenn sie unausweichlich sind, können sie 
einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der 
Dumme restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er 
leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr 
Vorsicht geboten als gegenüber dem absichtlich Bösen. Niemals werden wir mehr 
versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und 
gefährlich. Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr 
Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein 
intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell 
außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr 
Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu 
unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man 
weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß 
unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm 
machen lassen. Die Dummheit scheint weniger ein psychologisches als ein 
soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung 
geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische 
Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt 
sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder 
religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat 
den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die 
Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht 
der, daß bestimmte - also etwa intellektuelle - Anlagen des Menschen plötzlich 
verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der 
Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß 
dieser nun - mehr oder weniger unbewußt - darauf verzichtet, zu den sich 
ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. Daß der Dumme oft 
bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. 
Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, 
mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, 
Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in 
seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument 
geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, 
dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen 
Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können. 
Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, 
sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird 
man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den 
allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung 
vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu 
überzeugen, verzichten müssen. In dieser Sachlage wird es übrigens auch 
begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen, 
zu wissen, was »das Volk« eigentlich denkt, und warum diese Frage für den 
verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist - immer nur 
unter den gegebenen Umständen. Die innere Befreiung des Menschen zum 
verantwortlichen Leben ist die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit. 
Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies Tröstliche für sich, 
daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen 
Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber 
sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit 
der Menschen versprechen.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. (Gekürzt.)

Viele Grüße,
Elektra

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