Hallo Liste,

https://blog.fefe.de/?ts=a14d7cb9 verweist in diesem Zusammenhang auf einen Artikel eines Crypt-Experten (kenne den nicht, fefe schreibt er sei das "R" in "RSA") mit dem Fazit: Elektronische Wahlsysteme aller Art sind angreifbarer als Papierwahlsysteme und lösen keine Probleme. Daran werde sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Überschrift des papers: "Going from Bad to Worse".

Viele Grüße
Inken


Am 16.11.20 um 09:30 schrieb Florian Snow:
Hi,


Carsten Knoll <[email protected]> writes:
Warum nutzen wir dann überhaupt Computer, um kritische Infrastruktur zu
betreiben?

Weil es halt oft nicht anders geht.  Und dann betreiben wir oft auch
enormen Aufwand das ganze abzusichern.  Wenn wir diesen Aufwand bei
Wahlen betreiben, wird das sehr sehr teuer.  Und wie gesagt, dort ist es
nicht notwendig, weil die Papierwahlen gut machbar sind.  Und ich finde
die Auswirkung einer Manipulation unserer Demokratie schlimmer als
Manipulation kritischer Infrastruktur.  Aus solchen Problemen kann man
lernen, aber wenn die Demokratie flöten geht, haben wir ganz andere
Probleme.


Meiner Meinung nach ist der Vorschlag verständlich erklärbar, für alle,
die die asymmetrische Verschlüsselung und git verstehen. Ich glaube,
wenn man das gut aufbereitet (besser als jetzt), ist das für mehr als
die Hälfte der Menschen in intellektueller Reichweite.

Daran habe ich starke Zweifel.  Ich kann das schon ganz vielen Leuten
erklären, aber dazu gehören Vereinfachungen und da fangen die Probleme
an, denn wenn ich es vereinfache, haben die Menschen dann wirklich das
System verstanden?  Und irgendwas aus dem Bereich Kryptografie wird man
halt verstehen müssen.


Und andersrum: Wer versteht denn die Regelung mit den Übhangmandaten?

Das ist ein guter Punkt und ich würde sagen das sollte man anders
regeln.  Da muss man sich schon ziemlich reinfuchsen, um das zu
verstehen.  Aber das ist ein Implementierungsdetail, das man auch besser
machen kann und die Kryptografie bekomme ich dagegen nicht weg aus einem 
elektronischen System.


Ich lebe in einer Welt voller Menschen, die in den letzten 10000 Jahren
gezeigt haben, dass sie materiell und immateriell sowohl sehr viel Gutes
schaffen als auch sehr viel davon wieder zerstören können. In der Summe
bleibt aber ein sigifikater Überschuss an Gutem.

Das ist schön!  So sehe ich die Welt insgesamt auch und glaube insgesamt
an den Fortschritt, auch wenn ich manchmal verzweifle.  ;-)


Mein Gegenargument dazu: Zaubershows (Täuschung der Sinne) und
intransparente Weiterleitung bzw. Aggregierung der Ergebnisse.

Da sprichst du einen Punkt an, den ich auch als Schwachstelle bei
unseren Wahlen sehe.  Die Weiterleitung, die mit teils abenteuerlicher
Software gemacht wird.  Aber die Sache ist halt trotzdem so, dass wenn
ich ein Wahllokal bei der Auszählung beobachte und kenne das Ergebnis,
sehe ich auch, ob die Übermittlung richtig war.


9. Jede/r Bürger/in kann Wahlhelfer werden. Eine bessere Möglichkeit zur
unmittelbaren Kontroll-Erfahrung gibt es nicht.

Ich bezweifle das 80e6 Menschen Wahlhelfer:in werden können. Das
Wahlhelfersystem funktioniert nur, weil es eben fast niemand macht.
Verifizierbare Online-Wahlen skalieren wesentlich besser.

Mit der Skalierung hast du prinzipiell Recht, aber es verschiebt sich
trotzdem was.  Aktuell könnte jeder einzelne Mensch sich entscheiden,
Wahlhelfer zu werden oder zumindest zuzuschauen.  Und manche tun das
auch.  Und die Tatsache, dass es mehr tun könnten, ist auch eine Form
der Kontrolle.  Wenn es jetzt elektronisch stattfindet, kann es schon
nur noch eine kleine Minderheit überhaupt kontrollieren.  Diese
Verschiebung finde ich problematisch.


"wenn ich wollte, könnte ich".

Das gilt auch für das Verständnis eines Online-Wahlsystems.

Und daran zweifle ich wirklich.  Das sieht für uns hier vielleicht
einfach aus, aber nicht für alle da draußen.


Dabei fühle ich mich aber immer unwohl meine Wahlentscheidung und einen
unterschriebenen Brief mit meiner Anschrift in einen Umschlag zu stecken
und aus der Hand zu geben. Ich muss darauf vertrauen, dass niemand bei
der Post etc. Damit Unfug treibt. Finde ich suboptimal.

Das ist auch ein guter Punkt!  Die Briefwahl ist an sich
unproblematisch, weil die gleichen Kontrollmechanismen greifen, aber
während einer Pandemie ist das deutlich schwieriger machbar, das ist
richtig.  Da verlasse ich mich im Grunde darauf, dass bisher eine ganz
gute Kontrolle stattgefunden hat und ich meine, die Hürden beim ersten
Betrug etwas höher liegen als wenn man das immer so macht.  Und ich
verlasse mich darauf, dass Vertreter unterschiedlicher Parteien
Wahlhelfer sind und schon allein daher darauf achten, dass keiner
betrügt.  Aber das ist sicher nicht ideal.  Ist aus meiner Sicht aber
auch ein Edge-Case, weil wir ja nicht dauernd eine Pandemie haben.


Jede Diskussion über ein Abrücken vom Papierwahlsystem schadet massiv
unserer Demokratie und das ist das letzte, das allerletzte, was wir
jetzt noch gebrauchen können.

Diese Bemerkung halte ich auch für kritisch. Weil sie die Diskussion
selbst diskreditiert. Es ist gewissermaßen ein (versuchtes)
Sprechverbot. Dazu ein Zitat von Focault: Wer die Grenzen des Diskurses
bestimmt, bestimmt auch dessen Ergebnis.

Ich denke es kommt darauf an wo man es diskutiert.  Ich denke hier ist
ein guter Ort dafür, weil wir uns kritisch mit dem Thema
auseinandersetzen und dazu auch die Kompetenz haben.  Wenn ich nur
Gesprächspartner hätte, die Technik vielleicht blind vertrauen und dann
vielleicht auch noch politische Macht haben, wäre ich da viel
vorsichtiger, weil ich befürchte, dass ich dann eine Entwicklung
lostrete, die sich vielleicht auch mit guten Argumenten nicht mehr
aufhalten lässt.  Aber das heißt nicht, dass man diese Diskussion nicht
führen soll.  Und wie gesagt, ich denke diese Liste ist ein gut
geeigneter Ort, aus verschiedenen Gründen.

Happy hacking!
Florian
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