Hallo alle; Am 18.03.21 um 17:08 schrieb Theo Schmidt:
Das Problem ist das politische Bewusstsein oder dessen Fehlens. Seitdem wir dem Kampf in der ISO um das Office-Format ODF verloren haben (es ging um die Etablierung der Microsoft-kompatiblen Formate als konkurrenzierenden ISO-Standard) wird unsere Position immer schlechter, weil Microsoft immer noch sehr geschickt ODF-Kompatibilität schlecht implementiert und kaum jemand ODF akzeptiert, wenn sein MS-Office XY es nicht richtig öffnet.
Gehen wir es doch trotzdem auch mal andersherum an (ich kenne den Ausgangspunkt dieser Diskussion, ich komme auch aus einer Branche, die mit genau diesen proprietären, hochpreisigen, teilweise teuer zertifizierten Anwendungen arbeitet): Eine Firma wie AutoDesk hat heute knapp 9k Mitarbeiter weltweit, ein nicht unbeträchtlicher Teil davon Entwickler und Fachexperten. Die sind in ihrer Branche seit fast 40 Jahren am Start und haben relevantes fachliches Know-How. In deren Software steckt eine substantielle Anzahl von Mannjahren bis zum heutigen Stand.
Nehmen wir mal an, wir könnten jetzt auf der grünen Wiese beginnen (und bräuchten weniger Ressourcen als AutoDesk, weil wir etwa keine Legacy-Implementationen pflegen, kein Refactoring betreiben, keine alten Versionen supporten müssen). Blenden wir auch mal aus, dass wir tatsächlich viel Geld in die Hand nehmen müssen (etwa für Zertifizierungen für bestimmte rechtliche Anforderungen, für den Einkauf proprietärer Konverter für bestimmte etablierte Dateiformate, ...).
Was bleibt: Wir brauchen absehbar eine beträchtliche Menge an Ressourcen, um eine Software zu schaffen, die jenes Subset der Features der Autodesk-Produkte implementiert, das es für professionelles Arbeiten braucht (mit Blick aus der Bauplanung sehe ich derzeit *kein* offenes CAD-Tool, das annähernd dem entspricht). Diese Ressourcen müssen zudem interdisziplinär sein (Entwickler, Tester und alle artverwandten Disziplinen, aber vor allem auch Experten mit langjähriger Expertise in der jeweiligen Fachdomäne).
Wir betonen relativ häufig, dass FLOSS ein besseres Konzept, weil Kollaboration besser als Wettbewerb ist. Also: Woran klemmt es? Warum schaffen wir es nicht, diese Menge an Ressourcen aufzubringen oder zusammenzuführen? Was fehlt hier strukturell, damit das gelingen kann?
Im Umkehrschluss: Warum haben wir über ein halbes Dutzend von halbfertigen Linux-Desktop-Umgebungen, eine unzählbare Menge von nur in Nuancen variierenden Linux-Distributionen, Myriaden von angefangenen Implementationen dieser oder jener Internet-Protokolle, stellen uns aber gleichermaßen denkbar unbeholfen dabei an, FLOSS auch dorthin zu bringen, wo es für langfristigen Erfolg sehr viel wichtiger wäre - nämlich in die hochspezialisierten fachlichen Nischen? Dort *wäre* sogar jetzt schon ein sehr interessantes Betätigungsfeld. Jenseits von CAD- und Planungssoftware herrscht kein Mangel an Fachgebieten, die sich teilweise mit überalterten, seit langem nicht mehr support-baren Anwendungen herumschlagen, die teilweise alte Windows- oder DOS-Varianten in virtuellen Maschinen weiterbetreiben müssen für die alten Systeme, die FLOSS-Lösungen sofort und mit Kusshand nutzen würden - für deren Branchen es aber schlicht keine gibt und denen im Kleinen (auf der Flughöhe KMU) auch jegliche Kraft fehlt, so ein Problem selbst anzugehen.
Politisches Bewusstsein, politischer Wille, Fokus auf offenen Standards sind sicher alles valide Punkte. Aber wie *löst* man das? Wie kommt man weg von einer FLOSS-Welt, die im Wesentlichen lebt von der Freizeit-Arbeit von technisch befähigten Idealisten (die nicht selten ihre Rechnungen aus dem Gehalt von großen Firmen bezahlen) oder aber von den Beiträgen großer Firmen, die FLOSS-Entwickler finanzieren, um die Ergebnisse in eigenen proprietären Anwendungen und Services (OpenSource != SoftwareLibre) nachnutzen zu können? Dort sehe ich keine Idee. Selbst Ansätze wie "public money, public code" sind zwar gut gemeint, lösen aber nicht das Problem, dass man eine Möglichkeit braucht, das "public money" sinnvoll auszugeben, dass es Strukturen (Firmen? Organisationen? Communities?) gibt mit dem Know-How und der Erfahrung, Projekte in dieser Größenordnung (um bei dem CAD/AutoDesk-Beispiel zu bleiben) zu koordinieren und halbwegs geplant "auf die Straße" zu bringen.
Aber vielleicht übersehe ich auch nur Offensichtliches... Viele Grüße, Kristian _______________________________________________ FSFE-de mailing list [email protected] https://lists.fsfe.org/mailman/listinfo/fsfe-de Diese Mailingliste wird durch den Verhaltenskodex der FSFE abgedeckt. Alle Teilnehmer werden gebeten, sich gegenseitig vorbildlich zu behandeln: https://fsfe.org/about/codeofconduct
