Lieber Christoph, - und ebenso liebe alle

sorry, aber die Argumentation finde ich verfehlt.
Was heißt: FASresearch handelt im Auftrag der Stadt und nicht im Auftrag von
netznetz? Netznetz kann niemanden beauftragen - weil es erstens keine
juristische Person ist, zweitens kein Geld hat, um jemanden zu beauftragen.

Ich kenne FASresearch sehr gut. Ich bin mit Harald Katzmair und Ruth Pfosser
seit 8 Jahren befreundet und arbeite mit ihnen in verschiedenen Kontexten
zusammen. Das sind nicht nur blitzgescheite Leute, sondern vor allem auch
Menschen, denen es wirklich um lebendige, nicht-hierarchische Strukturen, um
Belebung der innovativen und kreativen Szene geht.

Aus dem gedifo kenne ich Haralds scharfe Analyse von ineffizienten
bürokratischen Strukturen von ArbeitnehmerInnenvertretungen, er war Partner
im eop-Projekt WISSEN SCHAFFT FRAGEN und hat bei der Diskussion der ViennArt
2008 im MUSA "Entscheidungen. Wien und das symbolische Kapital" sehr
kritisch gesprochen. 

Schon 2004 hat er in Linz im Rahmen der Ars Electronica die internationale
Konferenz "Language of Networks" gemacht, die wirklich sehr spannend war.
http://www.fas.at/languageofnetworks/en/index.htm 

Harald hat deshalb die Firma FASresearch gegründet, weil ihn soziale
Netzwerkanalyse als Thema interessiert und er die Universitätsstrukturen zu
verkrustet gefunden hat, um dort zu arbeiten. Ich bin sicher, er würde es
auch sehr spannend finden, das Netzwerk des Rathauses darzustellen, wie Du
vorschlägst. Aber wenn jemand eine Firma betreibt - inzwischen auch mit
einem Büro in NYC und San Francisco - dann müssen er und seine Mitarbeiter
von was leben. Und brauchen deshalb für ihre Arbeit natürlich einen
zahlenden Auftraggeber.

Wir leben in einem kapitalistischen System. Ich sehe in Netznetz auch keine
AkteurInnen, die das ändern wollen. Und die Regeln dieses Systems sind die,
dass man ein Produkt anbietet und dafür bezahlt wird, wenn es für gut
befunden wird. Wenn man aber Förderungen aus öffentlichen Geldern will, dann
ist es logisch, die Qualität seiner Arbeit entsprechend nachzuweisen. (Ich
halte zwar Grundsicherung für ein gutes Modell, aber ich halte nichts davon,
Kultur- und Kunstförderung mit Grundsicherung zu vermischen - Stichwort "Wir
sind alle"....) 

Das gilt für eingereichte Projekte genauso wie für das Projekt Netznetz als
Ganzes. So wie wir alle die Qualität unserer geförderten Projekte nachweisen
mussten (das haben hoffentlich alle getan), so muss auch die Stadt die
Qualität ihres Fördermodells Netznetz, das sie ja nicht aus eigener Tasche
bezahlt sondern von Steuergeldern, nachweisen. Dazu beauftragt sie - und
nicht netznetz - FASresearch. 

Das Projekt Netznetz zu evaluieren ist nicht so einfach, weil es hier um
radikal unterschiedliche AkteurInnen geht, die hier zusammengespannt sind -
auf der einen Seite hierarchische Strukturen in weisungsgebundenen
Abhängigkeitsverhältnissen, auf der anderen Seite freie AkteurInnen, von
einander sehr unterschiedlich in ihren inhaltlichen Zielen, weitgehend
isoliert voneinander und nur in Kleingruppen kommunizierend, teils unter
immer stärker werdendem Existenzdruck, politisch unerfahren in dem Sinn,
dass sie romantischen Vorstellungen von Basisdemokratie nachhängen, aber
nicht bereit sind, den entsprechenden Kommunikations- und Arbeitsaufwand für
deren Realisierung aufzubringen. Beide Seiten können die Denkweisen und
Befindlichkeiten der jeweils anderen Seite schwer bis kaum nachvollziehen.
Die Kommunikation zwischen beiden Seiten lief über gewählte
KoordinatorInnen, die aus der Logik dieses Szenarios zwangsläufig zu
Prügelknaben werden mussten und nach einiger Zeit genervt aufgaben. Ein
"wicked Problem", wie FASresearch schon auf den ersten Blick sehr richtig
festgestellt hat.

Ich halte nach wie vor netznetz für ein wichtiges zukunftsweisendes Modell,
das großes Potential hat. Gerade in diesen schwierigen Versuchen des
Communitybuildings ist klar geworden, wie viel Produktions- und
Wissensmehrwert hier liegt, wenn diese normalerweise voneinander isolierten
Kleingruppen einander treffen, gegenseitig - wie das im Zuge der
Vergabewahlen geschah - ihre Projekte vorstellen, lernen, sie zu
präsentieren, sich austauschen, ja auch miteinander um Positionen ringen.
Statt auf Netznetz loszuhacken, sollten wir dieses  Alleinstellungsmerkmal
von Netznetz erkennen und die bisherige Phase eben als ersten Schritt sehen.


Es war sicher ein Fehler des Fördergebers, nicht gleich mit der Installation
des Systems einschlägige exzellente WissenschaftlerInnen einzubeziehen mit
der Frage, welche Randbedingungen ein solches System braucht. Die letzten
Jahre waren eben "learning by doing" und aus der Analyse von FASresearch
kann man extrahieren, was Netznetz braucht, um zu funktionieren. Das wird
logischerweise umso klarer werden, je mehr sich die Leute von Netznetz in
diese Studie einbringen.

Ich halte es für den falschen Weg, die einzelnen Förderkategorien jetzt noch
weiter zu differenzieren, wie das in letzter Zeit begonnen wurde. Denn es
braucht eben die Transparenz, das gegenseitige Befruchten unterschiedlicher
Kompetenzen, den Austauschs von Wissen, um Innovation zu fördern. Es waren
immer die produktivsten Zeiten für Kultur, wenn es Räume und Ressourcen für
solche heterogenen kreativen Felder gab. 

Das führt zu der entscheidenden Frage: Was wollen die AkteurInnen?
Diese Studie wird zu Tage bringen, was die Stadt eigentlich will.
Und diese Studie sollte auch zu Tage bringen, was die Community von
NetzkünstlerINnen und Netzkultivierenden eigentlich will. 
Wenn Du, lieber Christoph, von "der Privatperson" schreibst, "die ihren Rest
von Würde behalten will", dann erinnert mich das an den Pensionisten im
Heim, der Angst hat, dass ihm aus dem Nachtkastel Geld gestohlen wird. 
Das Projekt Netznetz ist nicht nur durch die unzureichenden Bedingungen
bedroht, unter denen es bis jetzt stand, sondern auch durch die zeitgeistige
Ich-AG-Mentalität und durch die blödsinnige Paranoia. Leute, die sich den
Mund fusselig reden darüber, was ihre Großväter zu einer Zeit hätten tun
sollen, wo man um einen Kopf kürzer gemacht wurde, graben aus meiner Sicht
der Demokratie im Vorfeld das Wasser ab, wenn sie sich wie verfolgte U-Boote
benehmen, anstatt selbstbewusst und koordiniert mit anderen Mitgestaltung zu
versuchen. 

Netznetz als Community hätte meines Erachtens die Aufgabe - und die
Möglichkeit - aus ihrem enormen Potential etwas zu machen, große Projekte zu
gestalten, europaweit zu agieren, medial präsent zu werden, in neue
UserINnenbereiche vorzustoßen. Erst wenn diese Rolle erkannt wird - in all
ihren Möglichkeiten - hat eine solche Community auch das Recht, die
gegenseitige Fördervergabe organisieren. Das ist erstens nur möglich, wenn
die Bedingungen des politisch verantwortlichen Fördergebers dafür adäquat
sind. Welche das sind, das soll diese Studie zeigen. Es ist aber zweitens
nur möglich, wenn die AkteurInnen der Netznetz-Community aus ihrer
kindlichen "Ach wie gut dass niemand weiß"-Rumpelstilzchen-Mentalität
aufwachen und als vernünftige und strategisch im Sinn ihres gemeinsamen Ziel
denkende Akteure auftreten.

Liebe Grüße
Helga 









Helga Köcher
Operngasse 20A
A-1040 Wien
(+43 1) 586 23 45
E-Mail: [email protected]
web: www.eop.at  


-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: [email protected] [mailto:[email protected]] Im
Auftrag von christoph theiler
Gesendet: Dienstag, 03. März 2009 10:51
An: netznetz
Betreff: [netznetz.net] keine "zusammenarbeit" mit der stadt via
fas-research

Joanna Pianka schrieb:
>
>
> - Vom Gefühl her ist FAS-Research nicht daran interessiert, gegen uns
> zu arbeiten, sondern versucht Potenziale und Probleme von NetzNetz
> aufzuzeigen. Ein Boykott gegenüber FAS-Reasearch ist unter Umständen
> daher nicht unbedingt die beste Wahl, das einseitige Verlautbaren von
> Entscheidungen der MA7 Netznetz gegenüber auch nicht.
>   

habe kein gutes gefühl angesichts der tatsache, dass fas-research im 
auftrag der stadt handelt und nicht im auftrag von netznetz.
somit ist das nichts anderes als eine neuauflage des alten ma7-programms 
"zusammenarbeit mit politik und verwaltung" - ausforschung der netzwerke 
- diesmal via fas-research.
allein die art und weise, wie das netznetz gegenüber kundgetan wird 
verbietet jede weitere "zusammenarbeit" auch mit der fas! ( hat jemand 
deren homepage gesehen? - ausser netten allgemeinplätzen und 
verwirrenden datenknäul-grafiken steht da nicht viel drin)


eine einsicht in den vertrag zwischen fas-research und der stadt wien 
wäre die minimum-voraussetzung für irgendeine "zusammenarbeit" mit der 
fas-research.
 - wie gesagt: netzwerkanalyse ist ein netteres wort für ausforschung.
 - keine firma der welt würde es erlauben, dass netzwerkanalysten, die 
im auftrag der stadt stehen am pförtner vorbeikommen.
 - sinngemäss gleiches gilt für privatpersonen, wollen sie einen rest an 
würde behalten.
 - sollte eine netzwerkanalyse, die auf infos aus der szene basiert in 
die hände der stadt gelangen - ich will gar nicht daran denken ...


christoph

 - wechselstrom -

p.s: plädiere für ein projekt, das eine firma beauftragt, eine 
netzwerk-analyse der stadtverwaltung zu erstellen - steakholder die zu 
befragen sind:
häupl, straubinger,  mailath-pocorny, fassl-vogler - wer mit wem oder 
nicht ... ... ... ...



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netznetz.net mailing list
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http://listen.esel.at/mailman/listinfo/liste


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