Till: > das finde ich jetzt aber nicht so ganz fair, die polemischen Stellen, die > ja gerade im weiterem Textverlauf relativiert und nur als mögliche > Perspektiven angeführt werden, aus der mail herauszureißen und > nur darauf zu antworten!
Das mag sein - und bitte ich zu entschuldigen. Aber auch wenn man etwas hypothetisch und polemisch einführt, setzt man damit ja ein Dispositiv, und an dem habe ich mich gestört. > Das Anführen dieser beiden Polemiken soll deutlich machen, dass die > Unterscheidung auf der Ebene des Motivs unabhängig davon ist, wie man sich > dazu positioniert und auf welche Seite man sich stellt. Damit bin ich eben nicht einverstanden, sondern störe mich schon an der Unterscheidung als solcher, die ich simplifizierend finde. > Fragen, die wir stellen wollen: > - Warum ist die Nettime-Publikation nicht zustande gekommen? Welche Nettime-Publikation meinst Du? Das alte "Read Me!"-Buch gibt es doch nach wie vor. > - Gibt es die Möglichkeit, Mailinglisten und Wikis oder andere Tools mit > Publikationsvorhaben zu verbinden? Ja, aber meiner Erfahrung nach nur unter folgenden Bedingungen: (a) wenn das Forum (...Wiki, Mailingliste) offen ist, dann nur zu allgemeinstmöglichen Themen und mit einer "neutral point of view"-Vorgabe wie bei der Wikipedia. An der Wikipedia zeigt sich, daß spezialisierte oder abseitige Themen, über die nur wenige Autor/inn/en Expertise besitzen, dort kein gutes Umfeld vorfinden; siehe die rohrpost-Diskussionen zu diesem Thema. (b) wenn das Forum geschlossen und Teil eines zuvor wohldefinierten Arbeitsprojekts ist. So kenne ich das aus der Vorbereitung von Konferenzen oder aktuell eines "Software Studies"-Readers, der unter der Beteiligung von rund dreißig internationalen Autorinnen und Autoren mit einem speziellen Content Management System vorbereitet wird, was gut funktioniert. Dabei gibt es auch ein Generationen- und Milieuproblem, nämlich daß solche Projekte fast nur mit Leuten machbar sind, die mit dem Internet sozialisiert und unter 45 Jahre alt sind, mit Ausnahmen, die die Regel bestätigen. > * Als Instrument des Diskurses (Diskussion einzelner Beiträge über > Mailinglisten, Kommentieren der Beiträge im Wiki) > * Um Kontexte im Buch mit zu distribuieren, wie weitere Texte, Audio- und > Videotracks > * Um in experimenteller Weise neue hybride wissenschaftliche Formate > zu entwickeln S.o.. > These: Würde am Anfang ein konkretes Ziel definiert, beispielsweise > Publikation plus Internetarchiv, und würden am Projekt Personen teilnehmen, > die über Publikationserfahrung verfügen (denn ein Tool ist ja kein Wunderding > und deshalb werden unter experimentellen Bedingungen wahrscheinlich auch > nur jene publizieren können, die dies auch vorher schon konnten), könnte > in vielversprechender Weise experimentiert werden, eben weil es ein Motiv > gibt. Völlig einverstanden. Hinzu kommt auch, inwiefern die beteiligten Personen selbst experimentierfreudig und Grenzgänger ihrer Disziplin sind. Wer als Wissenschaftler Wert auf akademischen Diskurs legt, wird sich auf das Experiment nicht einlassen, oder bestenfalls seine Hilfskraft damit beauftragen, sein Manuskript in das Internetarchiv zu stellen. Solche Experimente haben ja auch den Nachteil, für die Beteiligten anstrengend zu sein und Zeit zu kosten, die niemand hat. Außerdem spielt die institutionelle Position und Reputation derjenigen eine Rolle, die das Experiment leiten, kurzum: ob sie als Kollegen anerkannt sind. Wenn etwa eine angesehene Fachzeitschrift, ein Fachverlag, ein angesehener Wissenschaftler oder Fachjournalist ein solches Experiment initiieren würde, gäbe es sicherlich größere Bereitschaft, daran mitzuwirken. > - Könnte man hier nun eine Struktur inszenieren, in der der Diskurs in > Kontakt > kommt mit konkreten künstlerischen und/oder medienaktivistischen Projekten? Ich halte es für eine Illusion zu glauben, daß man diesen Kontakt über ein solches Experiment herstellen kann. Wenn Akademiker dies nicht von sich aus tun, werden sie es auch in anderen Zusammenhängen sein lassen. Man kann die Wissenschaft nicht von außen zu etwas beglücken, zu dem sie keinen inneren Antrieb hat. Dieses Problem ist ja nicht auf das Fach Medienwissenschaften beschränkt. So gibt es nur wenige Literaturwissenschaftler, die auch essayistisch, in Feuilletons und im engen Kontakt mit dem zeitgenössischen Literaturbetrieb arbeiten (wie im deutschsprachigen Raum z.B. Karlheinz Bohrer und Gert Mattenklott) und auch nur wenige vergleichbar arbeitende Kunsthistoriker (wie Dieter Daniels und Hans-Dieter Huber). > und dadurch auf das - sagen wir mal - Denken zurückwirkt. Da nun aber ein > im Speichermedium imaginierter Adressat und ein tatsächlicher Rezipient > auseinander fallen, könnte mit der Adressatenimagination gestalterisch > gearbeitet werden. Neue Formen der Distribution zu schaffen, berührt also > auch dann, wenn in ihnen nicht kollaboriert wird, die Theorieproduktion. > Welche Distributionsformen wären für die PRODUKTION von Theorie fruchtbar? Bitte mißverstehe mich nicht, wenn der folgende Satz brutal klingt: Du wirst die "Produktion" von Theorie nicht beeinflussen können, wenn Du selbst kein standing als Theoretiker besitzt. Die Wörter "Theorie" und "Theoretiker" sind dabei beliebig durch andere Wörter wie "Kunst"/"Künstler", "Journalismus/Journalist" oder "Wissenschaft"/"Wissenschaftler" ersetzbar. Außerdem zucke ich bei der Formulierung "Produktion von Theorie" leicht zusammen. Eine Theorie ist ja eine Sichtweise, die durch Anschauung gewonnen wird, statt auf Planvorgabe in Arbeitsverhältnissen hergestellt zu werden. Womit wir wieder bei unserem Ausgangsdisput wären. Deiner ganzen Hypothese scheint mir eine strukturelle Verwechselung von "Theoretiker" und "Wissenschaftler" zugrundezuliegen. Ein Wissenschaftler kann, muß aber kein Theoretiker sein und umgekehrt. Zum Beispiel stützen sich die deutschen Kultur- und Medienwissenschaften maßgeblich auf Theoretiker, die nie Lehrstühle innehatten; Aby Warburg und Walter Benjamin. Klassische Medientheorien des Radios stammen sogar von Dichtern: Marinetti, Chlebnikov, Brecht und Enzensberger. Umgekehrt steht in keiner universitären Stellenausschreibung, daß es Aufgabe von Wissenschaftlern sei, Theorien zu formulieren. Viele gute Wissenschaftler würden die Bezeichnung "Theoretiker" schon aus Bescheidenheit zurückweisen. -F -- http://cramer.plaintext.cc:70 gopher://cramer.plaintext.cc
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